Frauen-WM

USA feiern Sieg als Triumph der amerikanischen Werte

Im einstigen Pionierland des Frauenfußballs hat das Interesse am Nationalteam deutlich nachgelassen. Die deutschen Fans aber haben die Amerikanerinnen erobert.

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Please! Pleeeeeeaaaaase! Noch weit nach Abpfiff hielt die Dresdner Jugend den Mannschaftsbus der USA vor dem Rudolf-Harbig-Stadion fest umzingelt. Sie kreischte um Autogramme, als wartete sie auf die Backstreet Boys oder zumindest auf die Venga Boys. Dabei kamen nur amerikanische Fußballspielerinnen aus dem Arenatunnel: Abby Wambach, Megan Rapinoe, Alex Krieger. Nicht unbedingt alltagsgeläufige Namen, aber das spielte an diesem Abend keine Rolle, so lange sie nur die Stars and Stripes verkörperten. Wenn sich USA vor nicht allzu langer Zeit um ihr Image in der Welt sorgten und Demoskopen dabei in Ostdeutschland besonders niedrige Sympathiewerte ermittelten, dann kann nach diesem sächsischen Abend wohl Entwarnung gegeben werden: The kids are alright.

In einer dramatischen Inszenierung hatten die US-Girls zuvor den Klassiker des Frauenfußballs 7:5 nach Elfmeterschießen gegen Brasilien gewonnen und dabei beste Werbung betrieben. Die Zuschauer jedenfalls standen am Ende einmütig auf ihrer Seite, mit einer Inbrunst zudem, wie sie sonst nur dem lokalen Neuzweitligaklub Dynamo zuteil wird. Zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen getrotzt, eine numerische Unterzahl weggesteckt, in der Nachspielzeit der Verlängerung noch zum 2:2 ausgeglichen: Es war ein epochaler Kampf, den Amerika da geboten hatte. Daher eignete er sich auch so ideal für die Überhöhungen, die es später zu hören gab.

Oft sind es im Sport ja die Beobachter, die krampfhaft nach dem größeren Bild suchen, während die Beteiligten bloß mit den Weisheiten des Wettkampfs argumentieren. Letzteren Part übernahm in der Spielanalyse Kleiton Lima, Brasiliens Trainer: „Im Fußball ist es eben so, dass am Ende einer gewinnen muss.“

Die amerikanische Delegation dagegen hielt sich nicht allzu lange mit dem üblichen Prozedere auf. Nach so einem Spiel musste es schon ein bisschen grundsätzlich werden. Den Anfang in der inoffiziellen Meisterschaft um das meiste Pathos machte dabei eine Zugewanderte, Trainerin Pia Sundhage: „Ich komme aus Schweden“, sagte sie, „aber diese amerikanische Einstellung, alles aus sich herauszuholen, ist ansteckend. Ich bin sehr stolz und glücklich, Trainerin dieser Mannschaft zu sein.“ Von einem besonderen Karma innerhalb des Teams, von einem „Gefühl, das du nicht unbedingt trainieren kannst“, sprach derweil die starke Torhüterin Hope Solo.

Direkt nach dem kontroversen Ausgleich der Brasilianerinnen zum 1:1 – einem aus unersichtlichen Gründen wiederholten Elfmeter, nachdem Solo Versuch eins pariert hatte, samt vorausgehender Roter Karte für Verteidigerin Rachel Buhler – hatte sie ihre Mitspielerinnen um sich geschart und darauf eingeschworen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Erstaunlicherweise wirkten die USA danach mit zehn Spielerinnen stärker als zuvor mit elf. „Eine Frage des Herzens, man spielt dann buchstäblich außer sich“, erklärte Wambach, die Schützin des späten 2:2. Eloquent brachte die robuste Stürmerin das patriotische Hochgefühl auf den Punkt: „Am Ende war es ein Sieg dessen, was unser Volk ausmacht: Wir geben nie auf.“

Sinkendes Interesse

Diese Geschichte soll jetzt auch in der Heimat verfangen, das hoffen sie. Im einstigen Pionierland des Frauenfußballs ist das Interesse in den vergangenen Jahren deutlich abgeebbt. Nicht einmal eine Millionen Fernsehzuschauer verfolgten zuhause im Schnitt die Gruppenspiele des U.S. Women’s National Team (USWNT) – ein beachtlicher Abstieg von den 40 Millionen, die sich 1999 das Finale bei der Heim-WM anschauten. Damals kreierten der Außenseiterstatus des Sports und eine geschickte Nike-Kampagne um Superstar Mia Hamm einen ähnlichen Hype wie dieses Jahr in Deutschland. Der Finaltriumph im Elfmeterschießen gegen China vor 90.000 Zuschauern in Pasadena bedeutete gleichzeitig den bis heute letzten WM-Titel für die Olympiasiegerinnen von 2008.

Doch selbst Siege machen auf dem umkämpften US-Sportmarkt noch keine Aufmerksamkeit, es braucht die höhere Ebene. Dafür singen die Spielerinnen schon mal „Born in the USA“ in ein Außenmikrofon wie Rapinoe nach ihrem Tor im Gruppenspiel gegen Kolumbien, und dafür konnte natürlich nichts besseres passieren als die neue Rolle der „Drama Queens“, zumal das Brasilien-Spiel durch den Sieg im Elfmeterschießen den großen Moment von 1999 quasi zitierte – und praktischerweise auch noch so gut zum Claim der aktuellen USWNT-Nike-Kampagne passte: „Pressure makes us“, lautet der: „Wir brauchen den Druck“.

Ob sich Selbiges auch von Marta sagen lässt, der brasilianischen Weltfußballerin? Sportlich hat sie gewiss nicht enttäuscht bei diesem Turnier, auch gegen die USA erzielte sie beide Treffer ihrer Mannschaft und egalisierte damit den WM-Rekord von Birgit Prinz (14 Tore). Aber die Anspannung, endlich einen Titel mit ihrem Land gewinnen zu wollen, äußerte sich in so manchen Mätzchen, welche sie zur Zielscheibe für ein teils erstaunlich gehässiges Publikum machte.

So leidenschaftlich wie die Dresdner die Amerikanerinnen nach vorn peitschten, so brutal pfiffen sie Marta aus ; derart erhitzt war die Atmosphäre, dass die Zuschauer ab einem gewissen Zeitpunkt sogar die bei dieser WM sonst allübliche La Ola vergaßen. „Die Leute lieben mich wirklich“, ironisierte Marta, während Trainer Lima klagte: „Vom ersten Tag an wurde Marta in Deutschland nur ausgepfiffen, ich verstehe das nicht.“ Es war schon ungewöhnlich: Sonst sind es im Fußball doch immer die Brasilianer, welche die Kinder dieser Welt zum Kreischen bringen.