Gruppe D

Handball statt Fußball – Der erste Skandal der WM

Ungarische Schiedsrichterin übersieht einen gefangenen Schuss. Multinationale Trios, fehlende Matchpraxis und Proporzidee erhöhen Risiko für Fehlentscheidungen

Foto: dapd / dapd/DAPD

Drei Sekunden lang schien die Zeit stillzustehen am Sonntag in der 16. Spielminute im Bochumer WM-Stadion. In diesen drei Sekunden umklammerte Bruna Amarante da Silva den vom Pfosten zurückprallenden Ball, als sei sie eine Torhüterin und schritt gemächlich durch den eigenen Strafraum. Die Zuschauer, ihre Team-Kolleginnen und die Gegnerinnen aus Australien waren wie erstarrt.

Denn Bruna Amarante da Silva ist keine Torhüterin, sondern Abwehrspielerin in Diensten Äquatorial-Guineas, was ihre bizarre Aktion zu einem Fehlverhalten macht, das dringend mit einem Elfmeter zu bestrafen ist. Doch die ungarische Unparteiische Gyoengyi Gaal, die zehn Metern entfernt stand und beste Sicht hatte, pfiff nicht.

Als Amarante da Silva den Ball belanglos fallen ließ und und nach vorn lief, als wäre nichts gewesen, stürzte das Spiel zurück in die Realität, die nun um den ersten Schiedsrichter-Skandal der Frauen-WM 2011 reicher war.

Die Australierinnen protestierten erst mit einigen Augenblicken Verspätung. So lange brauchte die Empörung in ihren Köpfen, um die Verwunderung über das Erlebte zu verdrängen. Als Leena Khamis, die Torschützin zum 1:0, klar wurde, mit welch dreister Methode gerade die australische Chance auf das 2:0 verhindert worden war, flog der Ball schon längst in Richtung Mittelfeld. Am Ende gewann Australien durch weitere Tore von Emily Van Egmond und Lisa De Vanna mit 3:2 (1:1) und darf sich vor dem letzten Gruppenspiel gegen Norwegen noch Hoffnungen auf das Viertelfinale machen. Für die Afrikanerinnen traf die Bundesliga-Legionärin Genoveva Anonma (wechselt nach der WM vom USV Jena zu Turbine Potsdam) zweimal.

All das interessierte aber nur am Rande, die Gespräche gehörten der Szene aus der 16. Spielminute. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war eine unglaubliche Fehlentscheidung“, sagte die frühere Nationaltorhüterin Silke Rottenberg, die inzwischen als TV-Expertin arbeitet. „Das Spiel war nicht unterbrochen, die Schiedsrichterin hatte nicht gepfiffen, es war ein klarer Elfmeter.

„Wir haben mit der Schiedsrichterin gesprochen. Sie sagt, dass es ihr sehr leid tut, dass sie das klare Handspiel nicht gesehen hat“, teilte Karen Espelund, die für das Spiel zuständige Fifa-Offizielle, zerknirscht mit. „Das Spiel war nicht unterbrochen, die Schiedsrichterin hatte nicht gepfiffen, es war ein klarer Elfmeter. Vielleicht hat sie die Farbe der Trikots verwechselt und deshalb nicht gepfiffen“, sagte Riem Hussein, die selbst als Unparteiische in der Frauen-Bundesliga pfeift. Dieser Erklärungsversuch wirkt jedoch wenig plausibel. Die Leibchen der Feldspielerinnen sind rot-blau, das Dress der Torfrau leuchtend orange.

Die Szene erinnerte an die U20-WM im vergangenen Juli, als eine südkoreanische Abwehrspielerin im Halbfinale gegen Deutschland ebenfalls einen Ball im Strafraum mit den Händen fing. Damals wollte die Schiedsrichterin Silvia Reyes die Partie zunächst weiterlaufen lassen, entschied nach Rücksprache mit ihrer Assistentin aber auf Elfmeter.

Das brachte ihr zwar einige spöttische Kommentare und 600.000 Klicks bei der Internet-Plattform YouTube, aber immerhin konnte sie ihre Laufbahn fortsetzen. Reyes ist heute eine von 16-WMSchiedsrichterinnen. Nur vier von ihnen haben die Erfahrung früherer WM-Einsätze, was einer der Gründe für die nun losbrechende Debatte über das Niveau der Schiedsrichterinnen bei dem Turnier ist.

Sonia Denoncourt, Leiterin der Fifa-Schiedsrichter-Abteilung, wollte diese Debatte unbedingt vermeiden, als sie vor Turnierbeginn postulierte: „Hier sind die besten Schiedsrichterinnen der Welt versammelt. Alle haben den Fitnesstest bestanden und sich ausreichend vorbereitet. Ich mache mir keine Sorgen.“ Nun ist das Turnier zu einem Drittel herum, und die Worte Denoncourts klingen wie ein Hohn.

Bereits nach dem Spiel der deutschen Mannschaft gegen Nigeria am Donnerstag hatte es haufenweise Kritik an der nachsichtigen Spielleitung der südkoreanischen Unparteiischen Sung-Mi Cha gegeben. Auch in anderen Partien unterliefen den Offiziellen teilweise haarsträubende Fehler, die aber ohne Belang für den Spielausgang blieben. Aus diesem Grund gab sich auch Australiens Coach Tom Sermanni nach Spielschluss zurückhaltend: „Es geht nicht um die Schiedsrichterin, sondern um die Art und Weise, wie wir spielen.“

Den Missgeschicken von Referees wie Gaal und Cha liegt jeweils das gleiche Problem zugrunde: die mangelnde Kommunikation mit ihren Assistentinnen. Anders als bei den Männer-Turnieren sind bei der Fußball-WM der Frauen multinationale Trios im Einsatz. Das liegt einerseits an der geringen Zahl von Fifa-Schiedsrichterinnen weltweit (500, bei den Männern 3300), andererseits am Proporzgedanken der Fifa.

Jeder Kontinentalverband darf mindestens eine Unparteiische zum Weltturnier schicken – ganz gleich, auf welchem Niveau die in den vergangenen Jahren gepfiffen hat. Gaal, eine 36 Jahre alte Sportmanagerin, arbeitete am Sonntag mit Linienrichterinnen aus Italien und England zusammen, die Deutsche Bibiana Steinhaus war vierte Offizielle. Die Südkoreanerin musste beim Deutschland-Spiel auf die Hinweise eine Assistentin aus Malaysia und Peru vertrauen – Verständigungsprobleme sind bei diesen Konstellationen logische Konsequenz.

Rund 1000 Entscheidungen müsse ein Offizieller im Laufe der 90 Minuten treffen, „da gibt es keinen großen Unterschied zwischen Männer- und Frauen-Fußball“, sagt Denoncourt. Gyoengyi Gaal mag gestern 999 Mal richtig entschieden haben – in Erinnerung bleiben wird die eine Situation, in der sie kolossal daneben lag.