DFB-Frauen

Die neue deutsche Zuneigung ist auch eine Last

Plötzlich kann jeder Deutsche Alexandra Popp von Kerstin Garefrekes unterscheiden. Bei der Heim-WM reichen Siege nicht mehr; schön herausgespielt sollen sie auch sein.

Eine Woche ist sie nun alt, diese im Vorfeld so lange herbeigesehnte Fußball-WM der Frauen im eigenen Land. Sieben Tage haben die Protagonistinnen die begleitenden Erscheinungen eines solchen Mega-Events nun kennen lernen dürfen, und Celia Okoyino da Mbabi hat sie am hübschesten von allen in Worte gefasst. Sie, die Fatmire Bajramaj den ihr zugedachten Rang als das Gesicht dieser Spiele relativ souverän abgelaufen hat, hat gesagt: „Wenn wir einen Schritt vor die Tür setzen, weiß am nächsten Tag die ganze Welt, was wir wo und wann geshoppt haben, was das gekostet hat und welche Klamotten wir anhatten. Das ist für uns etwas ganz Neues.“

Vielleicht nicht die ganze Welt, aber doch nahezu ganz Deutschland blickt auf die Fußball spielenden Frauen. Die sind mit zwei Siegen mit dem erwarteten sportlichen Erfolg gestartet, doch war weder das 2:1 im Eröffnungsspiel gegen Kanada wahre Werbung für den Frauenfußball, schon gar nicht trifft das zu auf das 1:0 gegen die „Knochenbrecher“ (Torschützin Simone Laudehr) aus Nigeria . Am Ende der von den Afrikanerinnen veranstalteten Treterei stand für Kim Kulig diese glückliche Erkenntnis im Mittelpunkt: „Ich lebe noch.“

Auch Frauenfußball kann also eine hässliche Fratze zeigen – und alle haben es gesehen. Nicht nur bei Spielen der deutschen Mannschaft sind die Stadien ausverkauft, aber die vielleicht überraschendste Erkenntnis dieser ersten Turnierwoche ist das allgemeine Interesse der Bevölkerung am Turnier. Plötzlich interessiert es, wenn eine junge Dame aus Äquatorialguinea nicht für ihr Land antreten darf, weil sie – kann ja mal vorkommen – auch für Spanien schon ein paar Länderspiele bestritten hat.

Unter Dopingverdacht geriet die kolumbianische Torhüterin Yineth Varon, und eine Leistungsbeeinflussung der ganz anderen Art soll sich im Team aus dem mysteriösen Nordkorea ereignet haben: Mehrere seiner Spielerinnen, so jedenfalls stellte es der gestrenge Staatstrainer Kim Min-Kwang dar, sollen kurz vor dem WM-Start in ihrer Heimat vom Blitz getroffen sein . Zwar rennen sie noch immer so schnell wie der sprichwörtliche geölte Blitz, doch sie rennen mehrheitlich verkehrt. Beide Spiele haben sie verloren, und so könnte sie nach ihrer bevorstehenden Rückkehr in die Heimat noch sehr viel mehr treffen als nur ein Blitz.

Unabhängig vom Ausgang ihrer Mission droht den deutschen Spielerinnen ganz und gar kein schlimmes Schicksal. Die Massen lieben sie, plötzlich kann jedes Kind, jede Hausfrau, jeder Rentner Alexandra Popp von Kerstin Garefrekes unterscheiden – wer kannte ihre Gesichter schon vor ein paar Wochen? Doch die neue Zuneigung bereitet in diesen Tagen nicht ausschließlich Lust. Jeweils über 15 Millionen wollten sich vor den Fernsehern von den National-Elfen verzaubern lassen, doch schwer lastete auf ihnen in den Spielen genau diese Erwartungshaltung. Weil ohnehin alle vom Gewinn des WM-Titels ausgehen, genügen nicht mehr einfach nur Siege; schön herausgespielt sollen sie obendrein sein.

Und so begegnet den Spielerinnen und auch Bundestrainerin Silvia Neid etwas, das sie früher in der Verborgenheit ihrer Nische nie haben hinnehmen müssen: Kritik. Als das amerikanische Magazin „Sports Illustrated“ dereinst auf die Entwicklung des Männerfußballs in den USA blickte, da wurde diese durchaus gelobt; doch zugleich wurde festgehalten, dass in Europa die Mentalität stärker ausgeprägt sei, auf Kritik auf die einzig richtige Weise zu reagieren, nämlich mit Leistung zu antworten. Spannend wird zu sehen sein, inwieweit auch die deutschen Fußballfrauen das beherrschen. So sie denn Gelegenheit dazu erhält, gilt das in besonderer Weise für Birgit Prinz ein, die Torjägerin ohne Tore.

Aber auch Neids Art der Personalführung wird hinterfragt: Wieso sie so beharrlich an eben dieser Torjägerin ohne Tore festhält; und wieso sie eine Bajramaj erst dafür kritisiert, sie habe ihre Leichtfüßigkeit verloren und sie dann nicht entweder aufstellt und so zu Leistung antreibt, oder ganz und gar auf sie verzichtet. Wieso sie sie stattdessen bei Drei-Minuten-Einsätzen am Nasenring durch die Manege zieht. Neid sagt dazu lakonisch, es gebe eben „in diesen Wochen 80 Millionen Bundestrainerinnen“. Sie allein wird zu entscheiden haben, wie es weitergehen soll mit Prinz.

Geht es nach deren Kolleginnen, ändert sich überhaupt nichts. „Nicht vorstellen“ kann Bajramaj sich eine Startelf ohne „das Vorbild“ Prinz. Kein Einzelfall. „Zu tausend Prozent“, rechnet die non-konformistische Nadine Angerer vor, stünden sie „geschlossen alle hinter der Birgit“. Und überhaupt, nörgelt Bresonik: „Natürlich können wir sagen, dass das und das und das alles schlecht ist.“ Sie aber verweist lieber auf die gemeinsam eingefahrenen zwei Siege, die zur vorzeitigen Qualifikation für das Viertelfinale geführt haben. „Wir befinden uns nicht im Jammertal“, sagt sie, aber dass sie nichtsdestotrotz ihre Leistung steigern wollten. Das müssen sie auch, wenn das Viertelfinale nicht nur einfach so, sondern als Champion der Jahre 2003 und 2007 auch standesgemäß als Gruppensieger erreicht werden soll.

Derzeit sind die deutschen Frauen nur Zweiter in ihrer Gruppe A, als Außenseiter fühlen sie sich vor dem entscheidenden Duell mit Primus Frankreich aber nicht. 4:0 hätten die gewonnen, schön und gut, sagt Angerer: „Aber gegen Kanada, nicht gegen uns.“ Dienstag sollen die alten Kraftverhältnisse wieder hergestellt werden. Sie habe immer gesagt, dass Frankreich in diesem Jahr zu den Favoriten zu zählen sei, sagt Bresonik: „Jetzt sind die gerade auch in einem Hoch, aber wir werden sie auf den Boden zurückholen.“