Tennis-Star

Warum Boris Becker jetzt in Wimbeldon wohnt

26 Jahre nach seinem ersten Sieg fühlt sich Boris Becker in Wimbledon immer noch wie zu Hause. Im Gespräch mit Morgenpost Online spricht der Ex-Tennis-Star über seine Familie, den Mythos Rasen-Tennis, Sabine Lisicki und unliebsame Schlagzeilen.

Siebenmal stand Boris Becker im Tennis-Finale vom Wimbledon, dreimal gewann er. Bei seinem Premieren-Triumph 1985 war er gerade 17 Jahre alt – auch jetzt noch ist er der jüngste Sieger in der 125-jährigen Wimbledon-Geschichte. Im Februar kaufte er sich gemeinsam mit seiner Frau Lilly, Ex-Foto-Model aus den Niederlanden, ein Haus im Südwesten Londons. Der Erstwohnsitz ist weiterhin Zürich. Kostenpunkt für die dreistöckige Backstein-Villa nach Angaben britischer Medien: Gut 2,3 Millionen Euro. Mit Morgenpost Online-Mitarbeiter Jörg Allmeroth sprach der 43-Jährige über sein privates Glück und seine Nähe zu Wimbledon.

Morgenpost Online: Herr Becker, wenn Sie morgens aus Ihrem Haus schauen, dann haben Sie direkt den Centre Court vor Augen. Wollten Sie so sehr Nachbar von Wimbledon sein?

Boris Becker: Ich bin sehr dankbar, ein Haus direkt neben diesem Ort gefunden zu haben, der mir so viel bedeutet. Ich fühle mich sehr wohl, die Menschen hier lassen mich einfach gut leben.

Morgenpost Online: Soll das heißen: Besser als in Deutschland?

Boris Becker: Mein Leben spielt sich in der Tat zwischen Zürich und London ab. In der Schweiz ist meine Basis, da ist auch mein Business angesiedelt. In London bin ich einfach der Privatmann. Dass ich nicht in Deutschland lebe, hat verschiedene Gründe, auf die ich nicht im Einzelnen eingehen möchte. Fakt ist, ich bin nach wie vor deutscher Steuerzahler, und zwar nicht zu gering.

Morgenpost Online: Sie haben sich daheim immer verfolgt und bedrängt gefühlt.

Boris Becker: Schon als Tennisspieler hatte ich einen Prominenten-Malus, mit dieser ewigen Beobachtung rund um die Uhr. Und mit Geschichten, über die ich nur lachen konnte, wenn sie nicht so traurig gewesen wären. Ich beklage mich nicht über den Verlust meiner Privatsphäre, dafür bin ich selbst ja oft genug in die Öffentlichkeit gegangen. Aber es gibt Grenzen, die regelmäßig und ziemlich rüde überschritten wurden. Es ist in Deutschland eher ein Nachteil, bekannt zu sein.

Morgenpost Online: Was macht für Sie die große Faszination von Wimbledon aus?

Boris Becker: Die Magie von Wimbledon ist seine Mischung aus Mythos und Moderne. Sie verdienen hier sehr, sehr gutes Geld, haben ein florierendes Business, aber es ist kein seelenloses Kommerz-Unternehmen. Wie vor 25 oder 50 Jahren sieht man die Spieler in weißem Dress herumlaufen, es gibt keine Werbebanden, und es gibt auch diesen Willen, sich nicht jedem schnellen Trend zu beugen. Wenn man sich manchen albernen Turniernamen anschaut, den einem der Sponsor aufzwingt, könnte man sich fast schämen. Wimbledon ist einfach nur Wimbledon. Das ist das Turnier der Turniere. Hier musst du zeigen, wer du bist als Spieler.

Morgenpost Online: Hat das Turnier für die aktuelle Spielergeneration noch die gleiche Bedeutung?

Boris Becker: Hundertprozentig ja. Diese Hingabe für Wimbledon ist bei den Spielern ungebrochen. Wer hier nicht mit heißem Herzen und letzter Kraft spielt, macht etwas falsch in seinem Leben als Tennisprofi.

Morgenpost Online: Roger Federer ist vor diesem Turnier nach seinem idealen Wimbledon-Moment gefragt worden. Er sagte: Wenn ich den Pokal nach einem Sieg hoch halte. Was ist Ihr Traummoment?

Boris Becker: Das war immer der Moment, an dem ich zu meinem letzten Aufschlagspiel auf den Centre Court ging. Da musst du deine Vorfreude genauso in den Griff kriegen wie die Nerven, die verrückt spielen. Aber ich habe diese Herausforderung geliebt. Und diese Emotionen bei diesen Big Points.

Morgenpost Online: Was ist Glück für Sie?

Boris Becker: Es hat nichts mehr mit Tennis zu tun. Ich habe vier gesunde Kinder. Ich habe eine Familie, auf die ich sehr stolz bin. Das ist wichtiger als der Sieg auf dem Centre Court und alles Geld. Dieses Glück kann man nicht kaufen.

Morgenpost Online: Hätten Sie sich jemals ein Leben wie das von Steffi Graf vorstellen können – zurückgezogen in Las Vegas, ohne viel Aufsehen?

Boris Becker: Es kommt nicht drauf an, ob ich mir das vorstellen kann. Sie ist glücklich damit. Das ist doch dann auch in Ordnung so. Ich bin nun mal ein ganz anderer Mensch.

Morgenpost Online: Seit einigen Jahren kommentieren Sie Spiele für den englischen Sender BBC. Können Sie den Stars noch in die Seele blicken?

Boris Becker: Es hat sich nichts verändert, wenn ein Federer, ein Murray, ein Nadal, ein Djokovic den Big Point spielen muss. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Alle glauben ja, dass sie mit ihrem Pokerface undurchschaubar wären. Dabei kann man sehen, was den Jungs durch den Kopf schießt.

Morgenpost Online: Das Tennis, das heutzutage in Wimbledon gespielt wird, wirkt austauschbar.

Boris Becker: Wenn ich am Mikrofon sitze, sage ich: Achtung, das war gerade ein Netzangriff. Weil es so selten passiert. Rasentennis könnte so einfach sein, wenn die Spieler aus ihrem Schema ausbrechen würden.

Morgenpost Online: Zumindest das deutsche Damentennis sorgt wieder für Schlagzeilen.

Boris Becker: Ich finde es unheimlich schön, wie sich Sabine Lisicki, Andrea Petkovic und Julia Görges gegenseitig zu starken Leistungen anstacheln – in einer freundschaftlichen Weise. Sie sind auch alle sehr unterschiedliche Charaktere, haben eine eigene Story anzubieten. Sie haben sich ihren Aufstieg nicht auf kleinen Bühnen erkämpft, sondern bei großen Turnieren. Ihr Weg ist noch nicht zu Ende. Sie haben alle das Zeug, unter die Top Ten vorzustoßen.

Morgenpost Online: Lisicki wurde nach ihrem Viertelfinal-Sieg gegen Marion Bartoli, bei dem sie drei Matchbälle vergab, von der britischen Presse als „Doris Becker“ gefeiert.

Boris Becker: Das war wirklich großes Tennis. Und große Charakterstärke. Sie vergibt einen Matchball, wischt sich den Mund ab – und spielt weiter, als wäre nichts gewesen. Das zeichnet Topleute aus.

Morgenpost Online: Bei den deutschen Herren hielt sich die Freude mal wieder in Grenzen, kein einziger Spieler stand in der dritten Runde. Was läuft da falsch?

Boris Becker: Ich bin nicht auf Tagesbasis dabei, um jeden Spieler supergenau beurteilen zu können. Aber ich habe den unguten Eindruck, dass viele nicht wissen, wie man so ein Grand-Slam-Turnier wirklich anpacken muss. Bei manchen der Deutschen fühle ich, dass es keineswegs an der sportlichen Qualität liegt. Sondern daran, dass Wimbledon keine herausragende Rolle für sie spielt, nur eins von vielen Turnieren ist. Anders kann ich mir die bitteren Niederlagen nicht erklären. Und die kamen ja nicht gegen einen Federer oder Nadal zustande.

Morgenpost Online: Katzenjammer gab es bei vielen in Deutschland auch, weil Wimbledon nur im Bezahlfernsehen lief.

Boris Becker: Ich kann mich noch an Wimbledon-Zeiten erinnern, in denen die Mattscheibe völlig dunkel blieb. Insofern bin ich froh, dass wenigstens Sky auf Sendung ist. Aber es ist schon traurig, dass in einer Zeit so faszinierender Spieler und faszinierender Duelle kaum Tennis in Deutschland zu sehen ist. Nadal und Co. kennen die Kids doch bloß aus der Zeitung. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sehe ich echt in der Pflicht, wieder Tennis zu senden, Rechte zu erwerben. Vor allem, wenn man sieht, was sie sonst manchmal ausstrahlen. Mittelmäßiges Boxen und dergleichen, das selbst mich als Sportfreak abtörnt.

Morgenpost Online: Und dann, Herr Becker, war da ja noch das T hema Ihrer Mallorca-Finca in den Schlagzeilen in Deutschland . Ist denn das Anwesen nun verpfändet – oder nicht?

Boris Becker: Die Antwort ist ganz einfach: nein. Und ich werde diesen Sommer dort auch ein paar ganz entspannte Tage verbringen. Ich habe den Eindruck, dass mancher sich gerne den Herrn Becker vornimmt, wenn die Saure-Gurken-Zeit anbricht und es keine anderen Schlagzeilen gibt. Aber ich bin heute soweit, dass ich das nicht mehr einfach hinnehme, sondern mich mit aller Kraft dagegen wehre.

Morgenpost Online: Gewehrt haben Sie sich auch gegen den Priester, der Sie in St. Moritz getraut und später verklagt hatte.

Boris Becker: Der Mann kam später mit einer Forderung an, die fünfmal so hoch war wie der Preis in unserem Vertrag. Er sagte mir: Herr Becker, Sie werden sich doch wohl nicht die Peinlichkeit erlauben wollen, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich habe gesagt: Doch, das werde ich, weil es eine Frechheit ist, was Sie tun. Dann bot ich ihm einen Preis an, der höher war als die Abmachung, aber tiefer als seine Forderung. Als wir dann vor Gericht standen, hat der Richter einen Vorschlag gemacht, welcher sehr nahe an meinem war. Der Priester hat leider wieder abgelehnt. Aber so etwas steht natürlich nie in der Presse.