Geht es nach alten Haudegen wie Bernard Hinault (55), Raymond Poulidor (74) oder Raphael Geminiani (85), war früher alles besser bei der Frankreich-Rundfahrt. In einer Umfrage des Tour-Organs „L’Equipe“ unter neun früheren Champions über die schönsten Auflagen der Rundfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls landeten jene von 1964, 1969 und 1951 auf den ersten drei Plätzen. Die 90er-Jahre und das neue Jahrtausend? Fehlanzeige in den Top 20.
Am Samstag beginnt die 97. Auflage der Frankreich-Rundfahrt, und damit die Romantik angesichts wachsender Millionenumsätze, umkämpfter Fernsehmärkte und dopender Pedaleure nicht doch irgendwann gänzlich flöten geht, betonen ihre Organisatoren allenthalben die Schönheit ihres Produkts. Bewusst wählten sie die Niederlande und Rotterdam als Startort aus, was sich als kluger Schachzug erweist. Schließlich kamen erst im Mai in Amsterdam die Verantwortlichen des Giro d’Italia aus dem Staunen nicht mehr heraus angesichts der Euphorie der Holländer um die tollkühnen Taten von Winokurow, Basso und Co.
Längst hat die Expansion ins Ausland Tradition. Renndirektor Christian Prudhomme bemüht zur Erklärung ein Sprüchlein unbekannter Herkunft: Die Tour de France sei „ein Element nationalen Erbes für eine internationale Bestimmung“. Mehr als das: „Eine Fußball-WM, das meistgesehene Sportereignis der Welt, ist bloß Sport“, findet der Franzose, „die Tour aber ist mehr als Sport. Sie ist ein Ereignis, das Millionen Menschen am Straßenrand und vor den Fernsehschirmen vereint und berührt.“
Trotz massiver Glaubwürdigkeitsprobleme und reihenweise entweder enttarnter oder stark verdächtiger vermeintlicher Champions (Pantani, Ullrich, Armstrong, Landis, Contador etc.) ist die Beliebtheit der Großen Schleife in weiten Teilen Europas groß geblieben. Hinter Fußball-WM und Olympia bleibt die Tour das meistgesendete Sportereignis der Welt, ausgestrahlt in mehr als 180 Ländern. Den lukrativen Mythos der Tour befeuert die organisierende und bestens verdienende ASO in diesem Jahr durch die Streckenführung u.a. über das zweimalige Befahren des Pyrenäen-Bergs Tourmalet und Kopfsteinpflasterpassagen in der ersten Tourwoche, vor denen es den Teams schon graust.
„Es wird spektakulär und gefährlich, kein Zweifel. Man braucht Glück“, sagt etwa Saxo-Bank-Teamchef Bjarne Riis. Der Dienstag nach Arenberg in Nordfrankreich, wenn die Hölle losbreche, „ist zwar kein Tag, wo du die Tour gewinnst – aber verlieren kannst du schon“.
Nach derzeitigem Stand der Dinge werden morgen 198 Fahrer, darunter 15 Deutsche mit dem aussichtsreichen Tony Martin (Team HTC-Columbia) an der Spitze, zunächst den 8,9 Kilometer langen Prolog in Angriff nehmen. Dass das Feld infolge akuter Dopingerkenntnisse vorab dezimiert (2006) oder verändert (2009) werden wird, ist nicht zu erwarten. Ungewohnte Ruhe liegt über dem Peloton, den angekündigten staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Mitfavorit und Rekordsieger Lance Armstrong (38) und dessen Teamchef Johan Bruyneel zum Trotz. Woran das liegt? Jens Voigt hatte dazu gestern vor seinem 13. Tourstart grinsend eine Antwort parat: „Ist doch mal schön, wollen wir gar nicht erst anfangen, das Thema breit zu schlagen! Vielleicht gibt es einfach nichts zu berichten im Augenblick, und die Situation ist so, dass man sagt: Hey, wir fahren einfach nur Fahrrad. Und Punkt.“
Spätestens aber, wenn der spanische Wunderknabe Alberto Contador sich an den steilsten Bergen wieder leichtfüßig mit der Konkurrenz duelliert, werden wohl manchem Beobachter Zweifel an der Redlichkeit kommen. Mit seinem Astana-Team ist Contador haushoher Favorit, Armstrong trauen Altgediente wie der fünfmalige Toursieger Hinault Platz eins hingegen inzwischen kaum mehr zu: „Kann er dieses Jahr vielleicht noch mal aufs Podest fahren? Ehrlich gesagt, ich weiß ja nicht …“ Früher war eben manches besser – und mancher auch. Warum auch immer.





