Jürgen Brähmer, 30 Jahre alt, Boxprofi und von seinem Chef Klaus-Peter Kohl hoch geschätzt, kämpft am Samstagabend in Dresden gegen den sechs Jahre älteren Franzosen Rachid Kanfouah um den vakanten Europameistertitel im Halbschwergewicht. Beim Versuch, den Weltmeistertitel nach Version des Verbandes World Boxing Association (WBA) zu erkämpfen, war Brähmer im November 2008 in Rostock schmerzlich am Argentinier Hugo Hernan Garay gescheitert.

Morgenpost Online: Herr Brähmer, wie schnell haben sich die Schulterklopfer nach Ihrer Niederlage im ersten WM-Kampf verabschiedet.

Jürgen Brähmer: Ich brauche solche Leute nicht und habe es immer gezeigt. So gesehen hat sich für mich nichts verändert.

Morgenpost Online: Dafür gab es reichlich Kritik

Brähmer: Gequatscht wurde danach wirklich viel. Das nervt, weil viele nicht wissen, wie es im Ring ist. Da hörst du Sachen, die sind einfach nur dumm. Garay war an dem Abend von mir nicht zu knacken, aber ich hätte einen Tag später sofort wieder in den Ring steigen können. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Morgenpost Online: Gab es auch Leute, die etwas Vernünftiges gesagt haben?

Brähmer: Mein Trainer, mein Manager, meine Freunde.

Morgenpost Online: Jetzt wartet eine EM statt einer WM. Sind Sie trotzdem froh, sich endlich rehabilitieren zu können?

Brähmer: Ich bin froh, allen Klugscheißern durch eine gute Leistung das Maul stopfen zu können.

Morgenpost Online: Sie sind angefressen?

Brähmer: Ich will boxen und nicht über alte Geschichten reden. Ich bin gut drauf, das Training lief gut. Die Niederlage gegen Garay war vielleicht wichtig, und ich habe was daraus gelernt. Aber ich habe sie jetzt auch abgehakt.

Morgenpost Online: Sind Sie wegen der verpassten Weltmeisterschafts-Chance auf sich selbst wütend gewesen?

Brähmer: Ja, aber einen Tag später ist aus der Wut schon wieder Mut geworden. Ich weiß, was ich kann.

Morgenpost Online: Dann kann der Gewinn der Europameisterschaft für Sie ja nur eine Durchgangsstation sein.

Brähmer: Erstmal muss ich den Titel haben. Ich will unbedingt Europameister werden. Wenn ich gewinne, dann war es ein wichtiger Schritt. Aber mein großes Ziel bleibt klar: Ich will der nächste deutsche Weltmeister werden.

Morgenpost Online: Ihr Trainer Michael Timm lobt ihren besonderen Fleiß, findet, dass Sie wieder schlitzohriger und pfiffiger boxen.

Brähmer: Nett von ihm.

Morgenpost Online: Rachid Kanfouah wird zu Ihnen nicht nett sein.

Brähmer: Kanfouah kenne ich nicht näher, aber Thomas Ullrich (Brähmers Teamkollege bei Universum Box-Promotion – d.R.) hat mir nach seinem Kampf gegen ihn ein paar Sachen erzählt. Thomas hat ihn geschlagen, also kann ich das auch schaffen. Ich verspreche ihm, er wird sein blaues Wunder erleben.

Morgenpost Online: Ihr Gegner ist schon 36 Jahre alt, hat geheiratet und sich eine Wohnung gekauft. Da braucht er Geld, das sich so richtig nur als Weltmeister verdienen lässt. Es ist seine letzte Chance als Profi.

Brähmer: Das ist sein Problem. Ich bin sicher, dass ich gewinne. Wie viele WM-Chancen ich noch kriege, weiß ich nicht. Also hat es keinen Sinn darüber nachzudenken, was wäre, wenn. Ich schaue von Kampf zu Kampf. Und wenn ich Europameister bin, wird mir mein Manager eine WM besorgen.

Morgenpost Online: Mögen Sie Vergleich mit anderen Boxern, Dariusz Michalczewski, Henry Maske oder Graciano Rocchigiani?

Brähmer: Nein. Die haben ihre Karriere hinter sich, waren Weltmeister. Ich muss erst Weltmeister werden.

Morgenpost Online: Und auch Millionär?

Brähmer: Sicher. Boxen ist doch nicht mein ganzes Leben. Wenn mal Schluss ist, will ich schon genug für die Zeit danach haben.