Diese Art Vergleich hat Christine Theiss (30) schon häufiger gehört, treffend findet sie sie nicht. „Pappnase“, sagt sie über Jean-Claude van Damme, dessen Kampfeinlagen in Actionfilmen ihn einst zum Weltstar werden ließen – „Der Kickboxer“ heißt einer dieser Streifen –, so etwas schaue sie sich nicht an, sagt Theiss. Es sei kein Wunder, dass ihrer Sportart einst ein Schmuddelimage anhaftete. Milieu ist auch so ein Wort, das ihr nicht gefällt, wenn es im Zusammenhang mit Kickboxen genannt wird.
Theiss ist die Vorzeigefrau ihrer Sportart. Sie ist Weltmeisterin. Eine, auf die kein Klischee passt, die ihre Profession auch darin sieht, Kickboxen salonfähig zu machen, in dem sie mit gängigen Vorurteilen aufräumt. Als sie 2008 den Bayerischen Sportpreis bekam, sagte der damalige Ministerpräsident Günther Beckstein: „Das ist ja fast schon erschreckend: gescheit, hübsch und dann auch noch Hochleistungssportlerin.“ Als ob das etwas sei, was nicht zusammenpasst.
Eloquente Frau mit apartem Äußeren
Was Beckstein so unbedarft loben wollte, war folgendes: Theiss hat Medizin studiert, ihre Doktorarbeit trägt den für Nichtmediziner recht schwierigen Titel: „G-CSF-Therapie zur adjuvanten Behandlung des verzögert revaskularisierten Myokardinfarktes“. Sie ist eine äußerst eloquente Frau mit einem aparten Äußeren. Sie zierte das Cover von Hochglanzmagazinen. Und in ihrer sportlichen Berufung im Ring ist Theiss seit Jahren unbesiegt.
Ende November hat Theiss in ihrem 14. WM-Kampf die Ukrainerin Lena Owchinikowa bezwungen, Knockout in der sechsten Runde. Das weit Bemerkenswertere aber war, dass ihr Kampf auf Sat.1 ausgestrahlt wurde, mit all dem branchenüblichen Tamtam im Vorfeld. Ein öffentliches Training auf dem Dresdner Hauptbahnhof etwa. Oder aber das obligatorische Wiegen, das zu PR-Zwecken in die Abendshow von Oliver Pocher gelegt wurde. Hübsch anzuschauende Frauen, dazu bis auf die Wäsche entkleidet, sind der Quote zuträglich.
Der jüngste Kampf war Theiss’ zweiter Auftritt vor so großem Fernsehpublikum, schon Anfang September beim Comeback des Boxers Felix Sturm hatte Sat.1 auch ihre Titelverteidigung übertragen. Als „Testballon“ bezeichneten die Verantwortlichen des Privatsenders das Format. Kickboxen als Rahmenkampf von Boxveranstaltungen, so soll eine Sportart, die Theiss „als eine wie jede andere“ bezeichnet, der Öffentlichkeit nahe gebracht werden. Wäre er Marketingstratege, bemerkte Sat.1-Moderator Oliver Welke, „dann müsste er sich eine Frau wie Christine Theiss schnitzen, um diesen Sport zu promoten, wenn es sie nicht schon gäbe“.
Kickboxen, so hofft Theiss, bekommt durch die Plattform einen ähnlichen Schub wie einst das Boxen. Auch das sei vor der Ära Henry Maske nicht so akzeptiert gewesen, sagt sie. Ob ihr diese Nachhaltigkeit gelingen wird, ist fraglich. Normalerweise bedarf es dafür mehrerer Protagonisten ihres Formats, die Medienpräsenz suchen und auch rechtfertigen. Und deren Vita weit mehr als den bloßen sportlichen Erfolg beinhaltet.
Theiss war schon bei Kerner, Jauch und Raab
Theiss kennt die Mechanismen der PR-Welt, und sie weiß sie zu nutzen. Sie war bei Kerner, Jauch und Raab, sie posierte in High Heels im Ring. Sie ließ sich für das Männermagazin „Maxim“ ablichten, mit laszivem Blick und nur in Höschen. „Ist das Deutschlands erotischste Sportlerin?“ fragte danach das Boulevard, schwärmte von ihren Kurven und stellte fest: „Von dieser Frau würde sich jeder Mann gern verprügeln lassen.“
Auf knapp 30 Fernsehauftritte kommt Theiss in diesem Jahr. Morgen etwa ist sie bei einer Aufzeichnung für ein sonntägliches Magazin. Selbst in der Filmbrache hat sich bereits versucht. Im Frühjahr stand sie für den RTL-Streifen „Die Jagd nach der heiligen Lanze“ vor der Kamera.
Als „eierlegende Wollmilchsau“ hat sich Christine Theiss einst selbst bezeichnet: „Ich bin eine Vorreiterin.“ Auch deswegen lässt sie mitunter Dinge geschehen, die zumindest grenzwertig erscheinen, um als seriös wahrgenommen zu werden. „Das gehört dazu. Ich kann dagegen ankämpfen oder es nutzen .Ich hoffe, dass sich Kickboxen irgendwann emanzipiert.“
"Fußball ist viel gefährlicher"
Theiss kommt aus einem Akademikerhaushalt, ihre Eltern sind Ärzte. Das Metier beherrscht die Familie. Sollte ihr jemals etwas im Ring geschehen, sie hätte wohl aus jeder Fachrichtung einen der Ihren in der Halle. Aber Kickboxer, sagt sie, um das nächste Vorurteil zu widerlegen, seien sowieso nicht so verletzungsgeplagt, wie viele annehmen. „Fußball ist viel gefährlicher.“
Sie war sieben, als sie in Bayreuth mit dem Kickboxen begann. Eine Freundin wollte nicht allein zum Training gehen, also ging sie mit. Die Sportart an sich war ihr anfangs gar nicht so wichtig. Freunde, die Trainer, die ihr den Spaß vermittelten, das alles, sagt sie, stand im Vordergrund. Irgendwann wurde aus Spaß Leidenschaft. Als sie zum Studium nach München kam, fing sie bei Mladen und Pavlica Steko an. In München sind die Brüder bekannt für ihre Kampfkunst, sie sind bis heute ihre Trainer, Mladen ist dazu noch ihr Manager. Er sagt: „Vor allem Christines psychische Fähigkeiten sind beeindruckend.“
Immer wieder wird Doktor Theiss nach ihrer Motivation für das Kickboxen gefragt, oft nett verpackt, manchmal aber auch ganz unverblümt, warum sie als Frau in den Ring steige? Sie könne verstehen, sagt sie, wenn jemand Kampfsportarten „blöd“ finde. „Ich finde Curling auch blöd.“ Aber ihr die Befähigung aufgrund des Geschlechtes abzusprechen, „aus diesem Zeitalter sollten wir raus sein“. Sie reizt die Eigenverantwortung, das Auf-sich-gestellt-sein. „Nur ich bin verantwortlich für das, was im Ring passiert.“ Dazu das abwechslungsreiche und fordernde Training.
Karriereende mit 32 Jahren geplant
Zweimal am Tag übt sie, sechs Tage die Woche. Es stecken viele Trainingsstunden hinter ihrem Weltmeistergürtel, vor allem aber das, was gemeinhin unter eiserner Disziplin firmiert, Partys in der Studienzeit gab es für sie nicht. Übungseinheiten waren manchmal schon für sechs Uhr am Morgen terminiert. Selbst am Tag ihres Staatsexamens fuhr Christine Theiss zum Training. „Anders funktioniert das nicht“, sagt sie. Ihr Studium hat sie dennoch in der Regelstudienzeit abgeschlossen.
Theiss ist mittlerweile Profi, sie kann von ihrem Sport leben, eine Ausnahme in ihrer Branche. Mit 32 will sie aufhören, zwei Jahre hat sie als Sportlerin also noch vor sich. Ob sie jemals als Medizinerin arbeiten wird? Sie lässt sich alle Wege offen. Auch die Medienbranche reizt sie. Sie sagt, irgendwann wolle sie auch Kinder haben. Ihre kleine Familie besteht momentan nur aus ihrem Mann Hans, einem Kardiologen, und ihrer Hündin Tiffany, natürlich einem Boxer.



