Fünf der sechs jungen Männer lachen übers ganze Gesicht, der sechste lächelt mühsam. Fünf der sechs jungen Männer erscheinen im Anzug auf der kleinen Bühne im Hotel Adlon, der sechste trägt Jeans. Carl Froch fällt auf im Sommer 2009 in Berlin. Der 33-jährige Engländer aus Nottingham ist einer der sechs weltbesten Profiboxer im Supermittelgewicht, die sich im Super-Six-Turnier gegenüberstehen. Sechs Boxer, die den Superchampion ihrer Gewichtsklasse ermitteln wollen. „Ich will kämpfen und nicht lange rumstehen oder reden“, trägt der Mann mit dem Kampfnamen „Kobra“ eine „Ihr-ödet-mich-alle-an“-Miene zur Schau.
Heute Abend werden deutsche Boxfans endlich erfahren, was wirklich von Carl Froch zu halten ist, in Helsinki (23.15, ARD live) trifft er auf den drei Jahre jüngeren Berliner Arthur Abraham. Es ist ihre letzter Vorrundenkampf im Turnier und gleichzeitig ein Duell um den vakanten WM-Titel des World Boxing Council (WBC). Eine Auseinandersetzung also, die über ihre berufliche Zukunft entscheidet. In einem Punkt sind sich Froch und Abraham einig: Es ist der wichtigste Kampf ihres Lebens.
Beide haben ihren ersten Turnierauftritt gewonnen – Froch gegen den Amerikaner Andre Dirrell, Abraham gegen dessen Landsmann Jermain Taylor. Beide haben in ihrem zweiten Turnierkampf die jeweils erste Karriereniederlage als Profi erlitten. Froch gegen den Dänen Mikkel Kessler, Abraham gegen Dirrell. Die Wettquoten sprechen für einen Erfolg von „König Arthur“ Abraham (15 für 10), gewinnt Froch gibt es 25 für 10.
Was die Fähigkeit angeht zu provozieren, erwies sich Carl Froch im Vorfeld als der aktivere Protagonist. „Abraham ist König der Zwerge. Und bald werden die Zwerge keinen König mehr haben“, ließ die „Kobra“ (1,85 m) wissen. Im Training imitierte er die typische Haltung (erhobene Fäuste in Doppeldeckung vor dem Gesicht) des acht Zentimeter kleineren Abraham und lästerte: „Er hat noch Schrauben im Kiefer. Kann sein, dass ich den noch einmal breche.“
Wie sehr er auf seine bevorstehende Aufgabe fixiert sei, ließ er seine Freundin Rachel Cordingley der Allgemeinheit nahe bringen. Jedweder Sex vor dem Kampf „ist ganz auf Carls Trainingsplan abgestimmt“ – was „nicht immer ganz einfach“ sei. Bilder des Fotomodells, bestenfalls rudimentär mit dem WBC-Weltmeistergürtel bekleidet, sollten wohl demonstrieren, welch Selbstkasteiung Froch für den Sieg auf sich nimmt. Weniger offenherzig gibt sie sich im Hinblick auf ihr Alter. „Ich bin am 20 Juli in Liverpool geboren“ verrät Cordingley auf ihrer Internetseite. Sie ist, aller Geheimhaltung zum Trotz, 22.
Ihr Lebensabschnittspartner begann mit dem Boxen im Alter von neun Jahren. Er wurde 1999 und 2001 englischer Amateurmeister im Mittelgewicht und belegte 2001 bei den Amateurweltmeisterschaften in Belfast einen dritten Platz in seinem Limit. Seit 2002 ist er Profi. Im Dezember 2008 wurde er Weltmeister, verlor den Titel im April 2010 – im Rahmen des Super-Six-Turniers gegen Kessler. Der Titel ist wieder vakant, weil Kessler das Turnier wegen einer Augenverletzung abbrechen musste. Ebenfalls nicht mehr dabei sind Dirrell (neurologische Probleme) und Jermain Taylor (nach seiner Auftaktniederlage gegen Abraham). Nachgerückt sind die Amerikaner Glen Johnson und Allen Green.
Den Ehrgeiz von Froch zu siegen, hat das Personalkarussell nicht vermindert. „Ich habe beim Boxen immer Freude daran gehabt, nach einer langen Vorbereitung zeigen zu können, was ich kann. Ex gibt nichts Besseres als nach der Quälerei zu siegen“, sagte er der „Welt“ und zeigte sich für einmal von einer nachdenklich und analytischen Seite. „Ich glaube an meinen Sieg. Aber ich werde keine Prognose abgeben. Abraham boxt auch um seine Zukunft. Ich muss erst sehen, was er im Ring anbietet“, blieb er zurückhaltend.
Froch beherrscht die Klaviatur des Profiboxens. Und er ist sich über die Konsequenzen für seine Person im Klaren, sollte er verlieren. Denn unabhängig davon, dass er und Abraham (genau wie der Amerikaner Andre Ward und Johnson) bereits für das Turnier-Halbfinale qualifiziert sind, weiß der Brite um den kaum zu reparierenden Imageverlust bei einem Misserfolg.
„Keiner will Verlierer sehen. Und zwei Niederlagen in Folge machen dich fertig“. Das gilt auch für Abraham, doch im Gegensatz zu dem Berliner geht Froch sogar soweit, in diesem Fall das Turnier zu verlassen. „Sollte ich verlieren, überlege ich mir, meine Karriere zu beenden“, sagte Froch bereits, „ich will die großen Kämpfe und boxe nicht nur auf regionalem Level.“ Abraham hatte dazu nur einen Kommentar: „Er kann seinen Rücktritt planen.“




