Auch am Tag danach gab es wieder einen kleinen Eindruck vom Familienmenschen Franck Ribery. Als der Bayern-Star am Nachmittag zum Gespräch mit der Presse erschien, brachte er auch seinen Cousin Matthieu mit. Es handelt sich dabei um einen ihm selbst erstaunlich ähnlich aussehenden Mann, den er bereits am Vorabend in der Münchner Arena ausgiebig geherzt hatte – um ihm sein zweites Tor beim 3:0 gegen den FC Basel zu widmen. Wie danach schnell bekannt wurde, hat Matthieu zuletzt nach dem Vater auch die Mutter verloren und erholt bei Ribery ein wenig seine Seele.
Daneben bekamen die Zuhörer am Donnerstag aber auch vom Gefühlsmenschen Ribery einen neuerlichen Eindruck, der das zuletzt mühsam gekittete Verhältnis zu Trainer Louis van Gaal neu auf die Probe stellt. Es ging, zunächst scheinbar harmlos, um dessen Vorgänger Ottmar Hitzfeld und seine Bemerkung, Ribery sei ein Spieler, der Streicheleinheiten benötige. Ja, bestätigte Ribery, der deutsch sprach, mit Hitzfeld habe er beispielsweise nicht nur über Fußball, sondern auch über die Familie geredet. „Das brauche ich so.“ Van Gaal gebe ihm diese Zuwendung indes nicht. „Das Gefühl ist nicht das gleiche wie bei Hitzfeld.“
Mehr noch als die – nicht ganz neuen – atmosphärischen Klagen dürften den selbstbewussten Trainer allerdings die populärtaktischen Anmerkungen stören, die sich Ribery im weiteren Gesprächsverlauf erlaubte. Sie zeugten von dem, was der niederländische Kollektivfreund am wenigsten ausstehen kann: einer gewissen Egozentrik. „Wenn ich auf links fünf Minuten auf den Ball warten muss, dann ist das nicht gut“, erklärte Ribery: „Ich brauche mehr Freiheiten.“ Das habe er mit Assistenztrainer Andries Jonker auch schon diskutiert. Warum nicht mit van Gaal? „Ich weiß es nicht.“
Konkret bezog Ribery seine Kritik auf das verlorene Bundesligaspiel bei Schalke 04, nicht auf den Basel-Kick vom Vorabend. Dank seiner ersten beiden Saisontore (den Treffer im sommerlichen Pokalspiel bei Germania Windeck mal außer Acht gelassen) war dieser schließlich der vorläufige Höhepunkt seiner Resozialisierungskampagne gewesen. Klar, insbesondere beim ersten Treffer stand ihm das Glück zur Seite, es war nur Basel, und es gab auch Schatten in seiner Darbietung, aber als er Matthieu in den Armen lag, bedeutete der Jubel auch für ihn selbst einen Schritt aus einer traurigen Vergangenheit – weg von der Erinnerung an eine verkorkste WM, an ständige Verletzungen und die Sexaffäre mit einer minderjährigen Prostituierten.
„Für ihn ist es sehr wichtig ist, dass er frei ist in seinem Kopf“, sagte Trainer Louis van Gaal, der sein ewiges Problemkind offenbar besser analysieren als verstehen kann. Gleichwohl hoffen sie nun bei den Bayern, dass der Abwärtstrend in Riberys Münchner Werk nun endlich gestoppt wird. In seiner ersten Saison, 2007/2008, kam er wettbewerbsübergreifend auf 19 Tore und 20 Torvorlagen, 2008/2009 waren es ähnlich beeindruckende 14 Tore und 20 Vorlagen, 2009/2010 nur noch sieben Tore und 12 Vorlagen. Angesichts seiner vielen Blessuren, zuletzt im Sprunggelenk, sind das zwar immer noch beachtliche Zahlen, ebenso wie die drei Tore und sechs Vorlagen in dieser Spielzeit. Aber es sind halt doch zu bescheidene Gegenwerte für das einmalig hohe Investment, das die Münchner mit seiner Vertragsverlängerung bis 2015 samt Bundesligarekordgehalt getätigt haben.
Es hat also auch etwas von verständlichem Wunschdenken, wenn Sportdirektor Christian Nerlinger am Mittwoch streckenweise schon wieder „alte Klasse“ bei Ribery konstatierte. Der Spieler selbst („Ich brauche noch mehr Kraft und Rhythmus, die Eins-zu-eins-Situationen funktionieren manchmal noch nicht so gut“) sah das etwas skeptischer, ebenso wie die Teamkollegen. „Er weiß, dass es Schritt für Schritt gehen muss, dass alles nicht sofort wieder geht“, sagte Thomas Müller. „Er hat ja zwei Jahre immer nur Bruchstücke gespielt.“
Mit diesen fragmentarischen Auftritten steht Ribery inzwischen durchaus symbolhaft für die volatile Gegenwart der Bayern. Wurde den Profis nach dem unglücklichen 0:2 auf Schalke noch eine historische Krise vorgehalten, mussten sie sich am Dienstag im Halbminutentakt fragen lassen, ob dieses formal belanglose 3:0 gegen Basel nicht der Beginn einer großen Serie gewesen sein könnte. Ging es vor drei Tagen noch um Negativrekorde in der Liga, rückten die Statistiker nun plötzlich die mit fünf Siegen beste Gruppenphase bajuwarischer Champions-League-Geschichte in den Mittelpunkt. „So geht es rauf und runter“, sagte Kapitän Mark van Bommel über das Münchner Zeitalter der Extreme, „wenn wir gewonnen haben, heißt es, sie sind wieder da, und wenn wir verlieren, ist alles wieder schlecht.“
Immer wieder taucht zudem die These auf, das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer sei nicht mehr so ?ungetrübt sei wie vorige Saison, was umso bedrohlicher klingt, als das Verhältnis zwischen Vorstand und Trainer nach den diversen Scharmützeln der vergangenen Wochen definitiv nicht mehr störungsfrei ist. Die unsichere Gefühlslage rund um den FCB schuldet sich so auch der grundsätzlichen Frage: Ist das sportliche Fundament noch fest oder steuert der Verein auf einen Knall zu? Mit seinen Äußerungen hat Ribery den Apokalyptikern mal wieder neue Nahrung gegeben.?


