Der vor sechs Jahren aus Lille nach Stuttgart gewechselte Matthieu Delpierre, 29, ist Franzose, doch inzwischen so gut wie eingebürgert. Verheiratet ist er mit Ilona, einer Schwäbin, gemeinsam haben sie Töchterchen Lou Anna. Delpierre kann sich längst vorstellen, auch nach seiner Karriere in Stuttgart zu bleiben. Einen Traum möchte sich der Kapitän des VfB allerdings noch erfüllen: Nationalspieler für die Equipe Tricolore zu werden.

Morgenpost Online: Zuletzt gewann Frankreich in England 2:1. Bedauern Sie, nicht mitgespielt zu haben?

Matthieu Delpierre: Bedauern? Eigentlich nicht.

Morgenpost Online: Aber ist es nicht Ihr größter Wunsch, in der Nationalelf zu spielen?

Delpierre: Doch, schon. Aber ich bin gerade zurück nach einer langwierigen Verletzung. Ich muss erst wieder richtig in Form kommen und dauerhaft gute Leistungen bringen, bevor ich Ansprüche anmelden kann.

Morgenpost Online: Frankreich hat einen neuen Nationaltrainer, der Vorgänger hat Sie ignoriert. Neuer Trainer, neues Glück?

Delpierre: Ich hoffe, dass er sich für mich interessiert, wenn meine Leistung stimmt und der VfB wieder mit guten Ergebnissen von sich reden macht.

Morgenpost Online: In Stuttgart sind Sie eine feste Größe, seit 2009 Kapitän. Was können Sie in einer solch schwierigen Situation als Führungsperson tun?

Delpierre: Allen Mitspielern den Ernst der Lage vor Augen führen und bewusst machen, noch mehr zu tun, damit wir unten rauskommen. Natürlich muss ich auch selber Leistung bringen. Es ist wichtig für die Mannschaft, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Morgenpost Online: Sie sind ein Mann der leiseren Töne. Manchmal wäre es notwendig, lautstark dazwischenzuhauen. Haben Sie das schon getan?

Delpierre: Ich denke schon. Aber Schreien bringt selten etwas. Man sagt ja auch, wer schreit, hat schlechte Argumente. Ich bin eher dafür, den Leuten die Wahrheit offen und ungeschminkt ins Gesicht zu sagen. Ich glaube, das ist wirkungsvoller.

Morgenpost Online: Sie sind seit sechs Jahren beim VfB. Wieso läuft es in dieser Saison so schlecht?

Delpierre: Die Sommerzeit ist immer ein bisschen turbulent beim VfB.

Morgenpost Online: Transfers entscheiden sich oft erst auf den letzten Drücker.

Delpierre: Dieses Jahr war auch noch die WM. Vor Transferschluss am 31. August war der Kader nicht komplett. Dabei sind die sechs Wochen vor dem Start sehr wichtig, um eine Mannschaft aufzubauen. Danach ging alles sehr schnell – Qualifikation in der Europa League, Bundesliga, Pokal, Länderspiele. Es war nicht genügend Zeit mehr, um mit allen komplett zu trainieren und sich einzuspielen.

Morgenpost Online: Welche Rolle hat in diesem Zusammenhang der überraschende Abgang von Manager Horst Heldt gespielt?

Delpierre: Der Zeitpunkt so kurz vor Saisonbeginn war sehr unglücklich.

Morgenpost Online: Ist die Erwartungshaltung in Stuttgart zu groß?

Delpierre: Die Ansprüche sind hoch, aber zu Recht. Der VfB war in den letzten neun Jahren acht Mal international dabei. Die Mannschaft hat die Qualität, um eine gute Rolle zu spielen. Jetzt haben wir nach einer ausgezeichneten Rückrunde zum dritten Mal nacheinander den Start in die nächste Saison verpatzt, deshalb muss sich jeder hinterfragen.

Morgenpost Online: Muss immer erst ein Trainer geopfert werden, bevor die Mannschaft aufwacht?

Delpierre: Ich würde am liebsten immer mit dem gleichen Trainer arbeiten. Aber in einer Mannschaft gibt es viele unterschiedliche Typen. Wenn das nicht passt und die Ergebnisse nicht stimmen, stehen alle sehr schnell unter Druck. Der Trainer ist dann immer der Erste, der gehen muss.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich, dass der VfB einerseits Spiele mit 7:0 und 6:0 gewinnt, andererseits aus einem 3:0 gegen Kaiserslautern ein 3:3 macht?

Delpierre: So extrem wie am Anfang sind die Schwankungen gar nicht mehr. Wir arbeiten jetzt besser als in den ersten acht Spielen. Kaiserslautern war ein Ausnahmefall. Wir haben nach der Pause die Wege nach hinten nicht mehr gemacht und in dem Hexenkessel Betzenberg die Kompaktheit verloren. Wir haben aus diesem Spiel hoffentlich viel gelernt.

Morgenpost Online: Fehlt in der Mannschaft die richtige Hierarchie?

Delpierre: Wenn es nicht läuft, fällt es manchen schwer, sich als Führungsspieler zu zeigen. Aber es geht langsam in die richtige Richtung. Einige beginnen sich zu öffnen. Sie trauen sich, etwas zu sagen, und übernehmen Verantwortung. Ich sehe die Entwicklung positiv.

Morgenpost Online: Was macht Jens Keller anders als sein Vorgänger Christian Gross?

Delpierre: Unter Gross hatten wir durch die vielen Spiele und Abstellungen zu den Nationalmannschaften wenig Möglichkeiten, alle zusammen zu trainieren. Möglicherweise hatte sich nach der überragenden Rückrunde auch eine gewisse Zufriedenheit eingestellt. Jens hat wieder Lust und Enthusiasmus mitgebracht. Das Training macht Spaß. Die Verletzten kommen zurück, es gibt wieder mehr Konkurrenzkampf. Vielleicht hat auch das gefehlt.

Morgenpost Online: Mit welchen Perspektiven gehen Sie in die restliche Saison?

Delpierre: Maximal viele Punkte holen, den Abstand zu den Abstiegsrängen vergrößern. Für uns geht es erst mal nur ums Überleben in der Liga.

Morgenpost Online: Haben Sie Abstiegsangst?

Delpierre: Nein, ich glaube an diese Mannschaft.

Morgenpost Online: Muss sich der VfB in der Winterpause verstärken?

Delpierre: Eine Mannschaft kann sich immer verstärken.

Morgenpost Online: Der Verein investiert jährlich fünf Millionen Euro in die Nachwuchsarbeit. Sollte der VfB in der Bundesliga wieder verstärkt auf die eigene Jugend setzen?

Delpierre: Der VfB ist bekannt für seine gute Jugendarbeit. Er hat immer die Möglichkeit genutzt, der ersten Mannschaft Qualität zuzuführen. So geht es hoffentlich in Zukunft weiter. Aber nicht alle Talente können beim VfB den Sprung in den Bundesliga-Kader schaffen und suchen deshalb die Chance bei anderen Vereinen.

Morgenpost Online: Sie haben 2007 nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft Ihren Vertrag bis 2012 verlängert. Sie sind dann 31. Wollen Sie noch einmal wechseln oder bleiben Sie dem VfB erhalten?

Delpierre: Ich weiß noch nicht, was passiert. Es kommt dann darauf an, ob der Verein mich noch will. Und auch darauf, ob die Perspektiven für mich stimmen. Konkret habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht.

Morgenpost Online: Und über Ihre berufliche Zukunft nach der Fußball-Karriere?

Delpierre: Auch nicht wirklich. Ich weiß nur, dass ich gerne im Sport bleiben würde, in welcher Funktion auch immer.