Manchmal genügt ein kleines Geschenk, um Michael Frontzeck zumindest etwas Freude zu bereiten. Als der Trainer von Borussia Mönchengladbach mit einigen seiner Fußballer am Mittwoch die Kinderklinik des Gladbacher Elisabeth-Krankenhauses besuchte, überreichte ihm Chefarzt Wolfgang Kölfen ein von den Patienten geschmücktes Elchgeweih, an dem 30 gestrickte Punkte hingen. "Die Punkte hängen wir in die Kabine, damit sie in Gladbach bleiben", versprach Frontzeck den Kindern mit einem Lächeln im Gesicht. Es war einer der wenigen Momente, an dem Frontzeck mal wieder Spaß an seinem Job hatte.
30 richtige Punkte könnten schon reichen, um am Ende das Minimalziel Klassenverbleib in der Bundesliga zu schaffen. Doch davon ist die Borussia weit entfernt. Mit gerade mal zehn Zählern nach 15 Spieltagen ist der Traditionsverein Tabellen-Schlusslicht und rauscht nahezu ungebremst dem dritten Abstieg aus der Bundesliga nach 1999 und 2007 entgegen. Es gibt nicht viele Aspekte, mit denen Frontzeck vor dem Hinrunden-Abschluss am Sonntag beim SC Freiburg und nächsten Freitag gegen den Hamburger SV Hoffnung auf Besserung verbreiten könnte. Im Schnitt schlucken die Gladbacher knapp drei Gegentore pro Spiel, bereits fünf Partien wurden nach einer Führung noch verloren, kein Match im heimischen Borussia-Park konnte diese Saison gewonnen werden und in der Konsequenz reagieren nun auch die lange geduldigen Fans ungehalten. "Wenn du so eine Bilanz hast, fehlen dir die Argumente", muss auch Sportdirektor Max Eberl eingestehen. Das Team ist zwar sichtlich gewillt, aber ebenso mental blockiert und auch deswegen deutlich limitiert im spielerischen sowie kämpferischen Bereich.
Doch nicht nur Eberl, sondern auch die Vorstandsmitglieder um Boss Rolf Königs und 74er-Weltmeister Rainer Bonhof stehen in Nibelungentreue zu Frontzeck. Die Verantwortlichen denken nicht daran, jetzt ihren Coach zu opfern. "Die Mannschaft bringt sich durch individuelle Fehler und Undiszipliniertheiten um den Lohn ihrer Arbeit, da kann der beste Coach der Welt nicht helfen. Deshalb haben wir auch kein Trainerproblem", sagt Eberl. Solange die nächsten Spiele nicht "exorbitant hoch mit 0:4 verloren gehen", wolle man mit Frontzeck auch in die Winterpause gehen. Ziel sei schließlich "nur" die langfristige Etablierung in der Bundesliga. Von ein paar Rückschlägen möchte sich die Vereinsführung nicht verrückt machen lassen.
Für Gladbacher Verhältnisse ist das bemerkenswert, saßen doch ab 2003 acht verschiedene Übungsleiter auf Borussias Schleuderstuhl, bis Frontzeck 2009 übernahm - und mittlerweile sogar bis 2013 verlängern durfte. Das Bekenntnis zum Trainer hat allerdings Methode. Frontzeck ist zwar nicht der Leader, aber ein wichtiger Teil des Vereinskonzepts, mit gezieltem Scouting und Nachwuchs-Förderung eine erfolgreiche Mannschaft aufzubauen. Alles orientiert an der legendären "Fohlen-"Elf", die früher mit Netzer, Wimmer und Co. Titel am Fließband abräumte.
Diese Epoche zeichnete sich auch dadurch aus, dass die Trainer Weisweiler, Lattek und Heynckes eben nicht gefeuert wurden. "Was wir hier praktizieren, ist ein Stück Klubgeschichte", meint Frontzeck, der einst von Jupp Heynckes zum Profi gemacht wurde. Deshalb stellt er sich trotz der vielen Enttäuschungen stets vor sein Team: "Ich werde nicht draufknüppeln und knicke mit diesem Prinzip auch nicht ein."
Jene Profis, die ihm das nicht danken, hat er mittlerweile kennengelernt. Raul Bobadilla, der mit seiner Tätlichkeit und der folgenden Roten Karte die jüngste 1:2-Pleite gegen Hannover einleitete, fiel schon mehrfach negativ auf und wurde jetzt ins Amateurteam verbannt. Insgesamt fünf Feldverweise kassierten die Niederrheiner in dieser Saison bereits; die Undiszipliniertheiten sind ein Grund für die Talfahrt. Auch Juan Arango sah nach einer Tätlichkeit Rot und wurde vier Wochen gesperrt. "In unserer Situation ist die Psyche eben nicht stabil", sagt Eberl, der weiterhin glaubt, dass er - obwohl es keine pflegeleichten Charaktere sind - die passenden Spieler verpflichtet habe.
Ausschlaggebend seien laut Eberl eher die vielen verletzungsbedingten Ausfälle. Vor allem im Defensivblock, der die Borussia im Vorjahr auf den 12. Platz gebracht hat, fehlten die Innenverteidiger Dante und Roel Brouwers über mehrere Wochen. "Wir sind bei unseren Transfers ein kalkuliertes Risiko gegangen, aber bei Ausfällen dieser Qualität bekommt jeder Verein ein Problem", glaubt Eberl. Je vier Millionen Euro wurden in den letzten beiden Jahren in die Stürmer Bobadilla und Igor de Camargo investiert. Wirklich überzeugt hat bislang keiner der beiden. Der Star des Teams ist vielmehr der 21-jährige (in Freiburg wegen der fünften Gelben Karte gesperrte) Marco Reus. Ähnlich wie bei den Nationalspielern Marcell Jansen und Marko Marin dürfte Gladbach auch beim Verkauf seines Mittelfeldmotors Reus demnächst einen zweistelligen Millionenbetrag kassieren können.
Zu allem Überfluss gründete diese Woche ein Konsortium aus Gladbacher Unternehmern eine Fan-Initiative, die dem Verein neue Strukturen verpassen will. Ein ehrenamtliches Präsidium sei nicht mehr zeitgemäß, heißt es etwa im Konzept der Initiative, die auf der nächsten Jahreshauptversammlung ihre Anträge zur Abstimmung bringen will. Das riecht nach einer Palastpalastrevolution, die so recht in die aufgeheizte Stimmung passt. Ex-Borusse Berti Vogts hat seinem einstigen Klub via "Bild"-Interview heftig kritisiert. Und zuletzt gab es erstmals nach vielen Jahren wieder Pfiffe im Borussia-Park - übrigens erst nach dem achten Heimspiel ohne Sieg.
Vor zwei Jahren ging Gladbach mit elf Punkten in die Rückrunde, schaffte mit neuem Trainer (Hans Meyer) und vier Wintereinkäufen aber noch die Rettung. Zumindest frische Spieler will Eberl zum Januar nicht ausschließen. "Wir werden uns neu aufstellen und sind dann in der Pflicht, eine Serie zu starten", sagt er. "Wir dürfen uns nicht nur darauf verlassen, dass im Winter die verletzten Spieler zurückkehren", mahnt Frontzeck an. Für den 46-Jährigen, der seit Geburt mit Mönchengladbach verwurzelt ist, steht eine Menge auf dem Spiel. Die Abstiege mit seinen Ex-Klubs Aachen und Bielefeld werden ihm angelastet. Scheitert er nun bei seinem Heimatverein, dürfte es der unaufgeregt wirkende Trainer in der Zukunft besonders schwer haben. "Ich nehme mich nicht so wichtig. Für mich zählt nur, wie wir in Freiburg gewinnen", sagt er.
Frontzeck braucht echte Siege, gestrickte Punkte reichen nicht.




