Die Angst der Schwaben wird immer größer. Die Angst davor, dass ihr VfB Stuttgart zum zweiten Mal nach 1975 aus der Bundesliga absteigt. Die Angst, dass der Verein, der zu den traditionsreichsten Klubs des deutschen Fußballs gehört, nächste Saison in einem für 60 Millionen Euro umgebauten Stadion in der Zweiten Liga spielt und große finanzielle Einbußen erleidet. „Das wäre der Gau“, sagt VfB-Präsident Erwin Staudt: „Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand.“

Jens Keller, der erst vor zwei Monaten das Traineramt von Christian Gross übernommen hat, kann die Ängste verstehen. Nach den jüngsten Misserfolgen – nur zwei Punkte aus den vergangenen vier Spielen, Platz 16 – steht er auf der Kippe steht. „Jeder kann die Tabelle lesen, auch ich. Ich kenne die Gesetzmäßigkeiten des Profifußballs. Bei diesem Tabellenstand wird man als Trainer nie Ruhe haben. Entscheidend ist, dass wir Punkte brauchen“, sagt er vor dem heutigen Spiel in Hannover (20.30 Uhr, Sky).

Verliert der VfB, dürfte es wohl schon Kellers letztes Spiel gewesen sein. Manager Fredi Bobic heizte die Spekulationen an: „Bei einer Niederlage werden wir am Samstag miteinander reden.“ Bereits vor Tagen hatte er angemerkt: „Wenn man das Gefühl hat, dass es nicht mehr funktioniert, muss man handeln.“ Die Zeichen stehen auf Trennung - spätestens in der Winterpause nach der Europa-League-Partie gegen Getafe und den beiden brisanten Südderbys gegen Bayern München in Liga und Pokal. Es wäre der vierte Trainerwechsel beim VfB in den vergangenen zwei Jahren nach Armin Veh, Markus Babbel und Christian Gross.

Nach Informationen von Morgenpost Online hat Bobic kürzlich mit Bruno Labbadia telefoniert. Der ist seit seiner Entlassung beim Hamburger SV im vergangenen April auf Jobsuche. Bobic und er verstehen sich gut, beide waren Stürmer. Auch eine Rückkehr von Christoph Daum steht im Raum. Der ehemalige Kölner und Leverkusener Trainer war am vergangenen Dienstag in Stuttgart, „aus privaten Gründen“, wie er sagte. Hauptsponsor Gazi will den Wachrüttler Christoph Daum, doch der sagte Morgenpost Online: „Es gibt nichts mit dem VfB.“

Daum hat kürzlich auch erklärt, nur noch bei einem Verein einsteigen zu wollen, bei dem er ganz allein das Sagen hat. Das ist beim VfB nicht möglich. Ähnlich würde es sich mit Hans Meyer verhalten. Oder plädiert Bobic etwa für seinen Freund Krassimir Balakow, der eben in Bulgarien seine Koffer gepackt hat? Aber da gibt es Vorbehalte von Finanzvorstand Ulrich Ruf gegenüber dem ehemaligen VfB-Star.

Dabei lief es gut an unter Trainerneuling Keller. Er versuchte das gestörte Innenleben einer Mannschaft ohne Hierarchie zu verbessern. Der 40-Jährige setzte auf die Tugenden Motivation und Einsatzwillen, die er als Profi in Stuttgart früher vorgelebt hat. Er zog Christian Träsch wieder ins zentrale Mittelfeld. Das zahlte sich aus: Keller startete mit drei Siegen bei einem Unentschieden und einer Niederlage, der Verein verdoppelte sein Co-Trainer-Gehalt.

Doch seine weitere Mission stand unter einem unglücklichen Stern. Zahlreiche verletzungsbedingte Ausfälle und Rotsperren schwächten den Kader, für dessen Zusammenstellung er nichts konnte. Führungsspieler wie Cacau und Christian Gentner kamen nicht in Form. Der Effekt des Trainerwechsels verpuffte rasch.

Die momentane Situation gibt wissenschaftlichen Studien der Universitäten Darmstadt und Münster recht. Sie weisen nach, dass ein Trainerwechsel oft zu einem kurzfristigen Aufschwung führt, ehe die Mannschaft wieder in den alten Trott verfällt.

Dass die Namen seiner möglichen Nachfolger schon seit Tagen öffentlich diskutiert werden, hat seine angekratzte Autorität weiter beschädigt. Das bestätigt der Sportwissenschaftler Dr. Rolf Brack, Trainer des Handball-Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten: „Einem umstrittenen Trainer wird die Gefolgschaft eher verweigert, was sich negativ auf die Leistung auswirken kann.“

Keller lässt sich das nicht anmerken. „Ich beschäftige mich nicht mit den öffentlichen Diskussionen um meine Person. Es bringt nichts, sich darüber Gedanken zu machen“, behauptet er. „Dass, was ich beeinflussen kann, ist, das Spiel in Hannover perfekt vorzubereiten. Das habe ich die ganze Woche getan. Wenn ich sehe, wie die Mannschaft im Training aufgetreten ist, bin ich überzeugt davon, dass wir den ersten Auswärtssieg der Saison holen.“