Natürlich wollten nach dem Spiel alle mit Christian Wetklo sprechen. Wenn ein Spiel durch einen 30-Meter-Schuss entschieden wird, wollen ja alle vom Torwart wissen, wie das passieren konnte. Zu erwarten war also ein Klagelied der Mainzer Nummer eins über den Einheitsball, der am Samstagabend wieder mal seinem Ruf als unberechenbares Flugobjekt alle Ehre gemacht, nach Pintos Schuss zweimal die Richtung gewechselt und die Krise des einstigen Tabellenführers nach dem 0:1 (0:1) gegen Hannover 96 noch verschärft hatte. Doch der Angeklagte wurde zum Ankläger.

Sein Rundumschlag traf nicht den Ball, sondern die Kulisse am Bruchwegstadion. „Fantastische Stimmung“, spottete Wetklo, „in zehneinhalb Jahren habe ich noch nie im eigenen Stadion ein Auswärtsspiel erlebt.“ Er sah sein Team als Opfer der eigenen Erfolge: „Ich wusste nicht, dass ich für die Bayern spiele, ich dachte ich spiele für Mainz“, sagte der erregte Torhüter sarkastisch, ehe er sich doch darauf besann, wo er war: „Wir sind immer noch Mainz 05. Wir sind da, wo wir hingehören.“

Weil das am Samstag in der Tat ungeduldige Publikum aber mittlerweile andere Ansprüche hat, gab es zur Halbzeit Pfiffe, als die Mainzer 0:1 zurücklagen. Fünf Niederlagen in sechs Pflichtspielen kann der Verein zwar verkraften, zumal er mit sieben Siegen gestartet ist. Nicht gebrauchen kann er hingegen einen Zwist mit dem treuen Anhang, der für eine 100-prozentige Stadionauslastung sorgt und die Verantwortlichen ermutigt hat, sich eine größere Arena zu bauen, die statt bisher 20.300 etwa 32.500 Menschen fassen soll.

„Wehret den Anfängen“, hieß es deshalb, und Trainer Thomas Tuchel trat schon am Samstag auf die Bremse. Das sei von Wetklo ein Interview „unter Adrenalin“ gewesen, sagte er und warnte: „Es ist nicht angebracht, einen Keil zwischen Mannschaft und Publikum zu treiben.“ Präsident Harald Strutz beteuerte am Sonntag, die Ausführungen des „leicht erregbaren“ FSV-Angestellten hätten keine weiteren Folgen, „vielleicht müssen wir ihm nur mal das Interview noch mal vorführen. Aber ich glaube, er bereut es schon heute“.

Gnade also für Wetklo, dem auch noch mit 30 Jahren eine gewisse Aufgekratztheit eigen ist. Es kann schon mal passieren, dass er sich in anderer Leute Interviews einmischt. So wie neulich, als er Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller vor dem Mikrofon in die Parade fuhr: „Komm, den Elfmeter hätte doch jeder gehalten.“ Vielleicht auch, weil sich bei Wetklo so viel angestaut hat. Zehn Jahre Mainz und nie die Nummer eins, immer war er im Wartestand. Und wenn er mal einspringen durfte, war er nur die Übergangslösung. So wie jetzt, wo alle auf die Genesung von Heinz Müller warten. So erfrischend ehrliche Interviews wie von Christian Wetklo wird er nicht geben, das ist sicher.