Der internationale Fußball ist erschüttert. Der Weltverband Fifa suspendierte jüngst zwei Mitglieder des Exekutivkomitees wegen Bestechlichkeit, und auch der europäische Dachverband Uefa sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Spyros Marangos, ein ehemaliger Schatzmeister des zypriotischen Fußballverbandes, behauptet, er könne beweisen, dass auch bei der Vergabe der Europameisterschaft 2012 getrickst wurde. Und das ist nicht das einzige Problem, das Uefa-Präsident Michel Platini, 55, lösen muss.

Morgenpost Online: Monsieur Platini, Franz Beckenbauer wird seinen Posten als Uefa-Entsandter im Fifa-Exekutivkomitee 2011 aufgeben. Hat Sie dieser Schritt überrascht?

Michel Platini: Er ist zu mir gekommen und hat mir gesagt: „Michel, ich bin jetzt 65 Jahre alt. Es ist Zeit aufzuhören. Ich möchte mich um meine Kinder und Enkel kümmern.“ Das verstehe ich. Er wird ein guter Großvater sein.

Morgenpost Online: Wird die offene Position mit einem Mitglied des Deutschen Fußball-Bundes besetzt werden?

Platini: Nein, wir sind ja keine Monarchie mit Erbhöfen. Wir werden die Position demokratisch wählen lassen. Ein automatisches Anrecht auf einen deutschen Vertreter gibt es aber nicht.

Morgenpost Online: Beckenbauer bringt Theo Zwanziger als seinen Nachfolger ins Gespräch.

Platini: Warum nicht. Wenn die Deutschen einen starken Kandidaten stellen, wird er gute Chancen haben, gewählt zu werden.

Morgenpost Online: Die Fifa wird am 2. Dezember zum ersten Mal zwei Weltmeisterschaften, 2018 und 2022, auf einmal vergeben. Eine gute Idee?

Platini: Nein! Eine schlechte Idee. Ich frage mich, was die Notwendigkeit ist. 2022, das ist in zwölf Jahren – warum müssen wir heute darüber entscheiden?

Morgenpost Online: 2018 wird die WM in Europa stattfinden. Welches Land unterstützen Sie?

Platini: (schmunzelt) Deutschland.

Morgenpost Online: Prinzipiell eine gute Wahl, aber Deutschland steht nicht zur Debatte. England, Russland, Belgien/Holland und Spanien/Portugal kandidieren.

Platini: Meine Aufgabe war es, dass die WM in Europa stattfindet. Wem ich nun meine Stimme gebe, weiß ich noch nicht. Alle Bewerber sind gut.

Morgenpost Online: Die Wahl rückte in den Fokus, weil zwei Mitglieder des Fifa-Komitees überführt wurden, die ihre Stimmen verkaufen wollten.

Platini: Natürlich sind nicht alle Mitglieder des Exekutivkomitees korrupt. Aber dass es ein, zwei Leute gibt, die so etwas tun, halte ich für denkbar. Das gilt aber für alle großen Verbände. Wir reden über einen Bereich, in dem es um so enorme Summen geht, dass es mich verwundern würde, wenn dort nicht mal einer schwach wird.

Morgenpost Online: Es entscheiden 24 Menschen über die Vergabe einer WM. Muss das Wahlprozedere überdacht werden?

Platini: Ja, ein neues Wahlprozedere wäre wünschenswert. Es geht bei der Vergabe von WMs, EMs oder Olympischen Spielen einfach um zu viel Geld. Vielleicht müsste man versuchen, ein besseres System zu finden.

Morgenpost Online: Zum Beispiel?

Platini: Das weiß ich nicht, so etwas müsste von einer Kommission erarbeitet werden. Ich sage nur, dass es eine Überlegung wert wäre.

Morgenpost Online: Auch die Uefa wurde zuletzt von Korruptionsvorwürfen erschüttert. Fünf Uefa-Funktionäre sollen mit elf Millionen Euro bestochen worden sein.

Platini: Spyros Marangos, der das behauptet, hat uns vor zwei Jahren einen Brief geschickt: Er wisse von „gewissen Problemen“ bei der Vergabe der EM 2012. Wir baten ihn, Beweise zu liefern. Nichts passierte. Nun meldet er sich erneut zu Wort. Wir haben ihn erneut aufgefordert, die Behauptungen zu belegen. Wieder geschah nichts. Da haben wir uns an die Staatsanwaltschaft Zyperns gewandt und um Aufklärung gebeten.

Morgenpost Online: Die EM 2012 wird also in Polen und der Ukraine stattfinden, selbst wenn die zypriotische Justiz Beweise findet, die Marangos These stützen?

Platini: Natürlich wird sie dort stattfinden. Sollten Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe nachgewiesen werden können, werden wir die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Aber die EM wird wie geplant stattfinden.

Morgenpost Online: Marangos behauptet, dass zwei Jahre lang niemand auf seine Hilferufe reagiert habe. Ihr damaliger Chefermittler Peter Limacher sagte im August 2010 sogar kurzfristig ein Treffen ab. „Auf Geheiß von oben“, wie er sagte.

Platini: Das stimmt. Warum sollten wir unseren Disziplinarchef zu einem Treffen mit jemanden schicken, der uns nicht den kleinsten Beweis für seine Behauptungen geliefert hat? Wir haben doch mehrfach nach solchen Beweisen gefragt. Wir kriegen oft Briefe von Leuten, die behaupten, irgendetwas aufdecken zu können. Wer uns dafür Anhaltspunkte liefert, dem leihen wir unser Ohr.

Morgenpost Online: Nun stehen Sie in der Kritik.

Platini: Vor einigen Monaten wurden wir kritisiert, weil wir Untersuchungen vorgenommen haben, die uns nicht zustanden. Zu Recht: Damals stellte sich heraus, dass Limacher mit einem Betrüger namens Robin Boksic zusammengearbeitet hat. Nun werden wir aufgefordert, in Zypern zu ermitteln. Das macht keinen Sinn.

Morgenpost Online: Boksic behauptete, er arbeite für den BND und hätte Beweise, dass der FC Bayern sein Uefa-Pokal-Halbfinale 2008 gegen Zenit St. Petersburg verkauft habe, das 0:4 verloren ging.

Platini: Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich wurde über die genauen Details erst spät eingeweiht, weil bei uns Leute versuchten, Geheimdienst zu spielen. Alles in allem war es ein großer Fehler, Boksic so agieren zu lassen. Wir haben die Sache so schnell wie möglich beendet. Bayern München hat damals alles richtig gemacht. Es gab ja keine Beweise gegen den Klub. Der FC Bayern hat sich selbst verteidigt und Anklage gegen Boksic und Limacher gestellt.

Morgenpost Online: Gab es Konsequenzen aus dem Fall?

Platini: Wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Wir ermitteln nur noch selbst, wenn es um Sport geht, um Unsportlichkeiten oder Rassismus. Wenn es um kriminelle Handlungen geht, geben wir den Fall ab an die Justiz. Darum haben wir unseren Generalsekretär beauftragt, ein System zu erarbeiten, wie wir mit den nationalen Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten können. Es ist zu gefährlich geworden, selbst zu ermitteln.

Morgenpost Online: Gefährlich?

Platini: Ja. Nehmen Sie die Wettbetrüger. Da gibt es mafiöse Strukturen mit Leuten, die nicht mit sich spaßen lassen. Wir sind die Uefa, nicht Scotland Yard. Wenn es um kriminelle Machenschaften geht, sind Polizei und Justiz gefragt. Wenn uns jemand Beweise vorlegt, können wir die unserer Disziplinarkommission übergeben. Aber wir ermitteln nicht mehr selbst in kriminellen Milieus.

Morgenpost Online: Ist Wettbetrug die größte Bedrohung für den Fußball?

Platini: Ja. Das bedroht unsere Wurzeln. Wenn Ergebnisse vorher feststehen, verliert der Fußball seine Seele. Dagegen müssen wir ihn verteidigen. Darum kann ich nur alle Spieler auffordern: „Passt auf unser schönes Spiel auf. Wenn ihr Absprachen trefft und geschnappt werdet, seid ihr für immer raus. Dann werdet ihr nie wieder Fußball spielen!“

Morgenpost Online: Braucht der Sport eigene autonome Ermittler; eine Anti-Korruptionsagentur?

Platini: Was wir brauchen, ist ein länderübergreifendes Instrument, eine internationale Sportpolizei. Ich habe nach einer solchen Institution verlangt, als ich vor drei Jahren Uefa-Präsident wurde, aber nichts passierte. Interpol hat uns vor Kurzem kontaktiert und uns eine Arbeitsgemeinschaft angeboten. Das wäre ein Anfang.

Morgenpost Online: Was erwarten Sie sportlich von der EM 2012?

Platini: Die Spieler werden die Fakten schaffen, nicht die Namen der Länder. Aber ich gebe zu, dass Deutschland derzeit ein sehr gutes, junges Team hat. Viele junge Spieler, einige mit ausländischen Wurzeln, setzen sich durch. Mesut Özil und Thomas Müller haben mir in Südafrika gut gefallen. Und natürlich Miroslav Klose. Der trifft immer. Die Zukunft kann den Deutschen gehören.

Morgenpost Online: Was ist mit der französischen Mannschaft: Hat Sie das schwache Abschneiden bei der WM überrascht?

Platini: Nein. Weil wir derzeit keine gute Generation haben.

Morgenpost Online: Wird sich das ändern?

Platini: Ich hoffe es. Ich rufe die Franzosen hiermit auf, mehr Kinder zu zeugen. Dann werden wir in zwanzig Jahren auch wieder gute Spieler haben.