Auf dem Podium im Medienraum des Stadions hatte sich Armin Veh noch unter Kontrolle. Die Kameras waren auf ihn gerichtet, und der Trainer des Hamburger SV wusste, dass es besser ist, die Nerven zu bewahren. Mit ruhiger Stimme analysierte der 49-Jährige den Auftritt seiner Mannschaft und die Situation des Vereins nach dem 2:3 (1:1) bei Hannover 96. Im Anschluss an die offizielle Pressekonferenz gewährte Veh einen Einblick in sein Gefühlsleben.
Morgenpost Online: Herr Veh, nach der Pleite vor einer Woche in Dortmund warfen Sie Ihren Profis vor, zu wenig Herz gezeigt zu haben. Wie bewerten Sie die Leistung in Hannover?
Armin Veh: Meine Mannschaft hat hohen Aufwand betrieben und gezeigt, dass sie Herz hat, dass sie weiß, worum es geht. Diese Einstellung will ich immer sehen. Am Ende sind wir daran gescheitert, dass wir unsere Chancen nicht konsequent genug genutzt und zu einfach Gegentore zugelassen haben.
Morgenpost Online: Vor dem 0:1 hat der 18-jährige Debütant Muhamed Besic als letzter Mann den Ball vertändelt…
Veh: …das darf ihm nicht passieren, das war ja fast ein Eigentor. Aber der Junge hat sich danach nicht hängen lassen und es ordentlich gemacht. Wir haben uns in entscheidenden Situationen zu naiv angestellt. Vor dem zweiten Tor haben wir im Strafraum nicht energisch genug eingegriffen und vor dem dritten Tor in der Nachspielzeit hätten wir die Flanke verhindern müssen.
Morgenpost Online: Unter dem Strich steht die fünfte Saisonniederlage – und Mittelmaß.
Veh: 18 Punkte nach 13 Spielen, das ist viel zu wenig, das entspricht nicht unseren Ansprüchen. Aber es gibt ja Gründe. Die will nur niemand hören.
Morgenpost Online: Doch, schießen Sie los!
Veh: Wir haben unglaubliches Verletzungspech, das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Saison, so etwas habe ich in meinen 20 Jahren in diesem Job noch nie erlebt. Wenn gleichzeitig bis zu zehn Leute ausfallen, die bei der Planung im Sommer eine Rolle gespielt haben, dann ist das über einen längeren Zeitraum nicht zu kompensieren. Da fehlt uns Klasse. Als der FC Bayern vor ein paar Wochen nach Hamburg kam, haben sie vorher gejammert, weil ihnen drei, vier Spieler fehlten. Was sollen wir denn sagen? Wir haben nie darüber geredet. Aber es sind Tatsachen.
Morgenpost Online: Dennoch haben Sie in Hannover 13 Nationalspieler eingesetzt.
Veh: Das stimmt schon, aber wie sollen wir den Konstanz in unser Spiel bringen, wie sollen sich Automatismen entwickeln, wenn ständig alles neu sortiert werden muss? Die Mannschaft hat großen Aufwand betrieben, ist dafür aber nicht belohnt worden. Auch der Schiedsrichter hat seinen Teil dazu beigetragen.
Morgenpost Online: Was hat Jochen Drees Ihrer Meinung nach denn falsch gemacht?
Veh: Wir gehen 2:1 in Führung, dann kommt es zu dieser Situation mit Paolo Guerrero. Da rennt der Schiedsrichter nach dem Tor zu ihm hin und fragt, ob er den Ball irgendwann in der Entstehung mit der Hand gespielt hat. Wo kommen wir denn hin? Ich verstehe es ja, wenn der Verdacht besteht, dass der Ball mit der Hand ins Tor gedrückt wurde. Die Szene hat sich im Mittelfeld abgespielt – und der Schiedsrichter schiebt Guerrero, dem armen Hund, den Schwarzen Peter zu. Das geht gar nicht, dann können wir es auch ohne Schiedsrichter machen und alles selbst entscheiden. Aus meiner Sicht war diese Situation tödlich für uns. Statt nach dem Führungstreffer Ruhe zu haben, entsteht diese Hektik. Und ich musste Guerrero auswechseln, weil er Gefahr lief, vom Platz zu fliegen. Fußball ist so ein schöner Sport – aber das ist Wahnsinn.
Morgenpost Online: Wie lautet Ihr Fazit?
Veh: Ehrlich, es ist zum Kotzen.


