Gut, besser, Borussia – in Dortmund wächst ein Team der Superlative. Mit dem 2:0 (0:0) über den Hamburger SV setzte die junge Spaß-Truppe von Trainer Jürgen Klopp den wundersamen Siegeszug durch die Bundesliga fort. Neben dem FC Bayern München ist der BVB in der Liga-Historie der erst zweite Verein, dem an den ersten zwölf Spieltagen zehn Erfolge gelangen. Mit ungläubigem Kopfschütteln kommentierte Außenverteidiger Marcel Schmelzer den Höhenflug: „Was hier seit Wochen passiert, ist einfach nur Wahnsinn.“
Aus dem einstigen Krisenherd mit zwischenzeitlicher Insolvenzgefahr ist ein Hort der Glückseligkeit geworden. Trotz strömenden Regens ließ es sich BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nicht nehmen, den Trainer nach dem Schlusspfiff am Mittelkreis in die Arme zu schließen. Nur wenige Meter entfernt tanzte die Mannschaft ausgelassen vor der bebenden Südtribüne. Die prächtige Entwicklung seiner jungen Profis versetzte auch Klopp ins Staunen: „Ich bin selbst überrascht davon, wie schnell die Dinge bei uns funktionieren.“
Erneut spielte sein Team meisterlich auf, wählte aber diesmal eine andere Gangart. Gegen den in der Abwehr gut organisierten HSV verzichtete die Borussia in der ersten Halbzeit auf den Hurra-Fußball der vergangenen Wochen. Stattdessen übte sie sich im Stile einer gereiften Spitzenmannschaft in Geduld und vertraute auf Geistesblitze in der Offensive. Diese Rechnung ging auf: Mit zwei brillant herausgespielten Toren von Shinji Kagawa (49.) und Lucas Barrios (70.) zwang sie den Gegner in die Knie und sorgte für späte Ekstase. „Wir müssen lernen, auch intelligent zu spielen und dann zuzuschlagen, wenn die Zeit gekommen ist“, kommentierte Watzke.
Klopp droht nach seinem Ausraster im Spiel von Bundesliga-Tabellenführer Borussia Dortmund gegen den Hamburger SV wohl kein Nachspiel. „Ich habe mit Stefan Trautmann gesprochen. Wir waren beide der Meinung, den Vorgang nicht in den Spielbericht einzutragen“, kommentierte Schiedsrichter Deniz Aytekin (Oberasbach) die Auseinandersetzung von Klopp und dem vierten Offiziellen Stefan Trautmann in der 41. Minute der Partie.
Nach einem nicht geahndeten Foul von Hamburgs Außenverteidiger Zé Roberto an BVB-Jungstar Mario Götze hatte Klopp an der Außenlinie lautstark protestiert. Dabei hatte der Dortmunder Trainer mit seiner Schirmmütze den Kopf von Trautmann berührt.
Im Anschluss zeigte Klopp Reue: „Ich bin ein Idiot. Dazu gibt es keine zwei Meinungen“, sagte er dem TV-Sender „Sky“. Auf dem Weg in die Kabine entschuldigte sich der Erfolgstrainer bei Trautmann. „Ohne den starken Regen wären wir uns nicht so nahe gekommen. Dann hätte ich keine Kappe aufgehabt“, scherzte Klopp.
Der Sieg im Spitzenspiel verschaffte dem BVB eine komfortable Ausgangslage im Kampf um die Herbstmeisterschaft. Dennoch vermieden alle Beteiligten vollmundige Prognosen. Sportdirektor Michael Zorc schätzt nicht nur die sportlichen, sondern auch die charakterlichen Qualitäten der Profis: „Ich sehe bei uns nicht die Gefahr von spinnerten Gedanken.“ Und auch Geschäftsführer Watzke ließ sich im Rausch des Sieges nicht aus der Reserve locken. „Die M-Frage stellt sich für uns immer noch nicht. Wir kennen unseren Zielkorridor.“
Anders als die Dortmunder, die sich seit Wochen auf konstant hohem Niveau bewegen, untermauerte der HSV seinen Ruf als Wundertüte. Die durch das 2:1 am vorigen Spieltag geschürten Hoffnungen auf einen anhaltenden Aufwärtstrend erwiesen sich als Wunschdenken. In 90 Minuten brachte das Team von Trainer Armin Veh nur einen Schuss auf das Tor von BVB-Torhüter Roman Weidenfeller zustande. Frustriert nahm Veh Abschied von dem Gedanken, er könne den HSV schon in dieser Saison an die Spitze führen: „Noch liegen die Europacup-Plätze nicht weit entfernt. Aber ganz oben haben wir so nichts zu suchen.“
Nach passabler erster Halbzeit ergaben sich die Gäste ohne große Gegenwehr in ihr Schicksal. Angesichts der dürftigen Vorstellung vor allem in der Offensive fiel es Manndecker Heiko Westermann schwer, die Contenance zu wahren: „Solch eine Leistung ist nicht zu erklären. Wir haben keinen Fußball gespielt.“
dpa/fb


