Morgenpost Online: Herr Abraham, Sie stehen so stark unter Druck wie noch nie in Ihrer Karriere, denn Sie kehren zum ersten Mal nach einer Niederlage in den Ring zurück. Putscht das auf, oder verunsichert das?
Arthur Abraham: Natürlich habe ich jetzt viel Druck. Aber das ist doch fast bei jedem Kampf so. Ich weiß ja, es geht für mich um alles. Ich muss unbedingt siegen. Es geht um meine Zukunft als Sportler – wie immer!
Morgenpost Online: Schmerzt die Disqualifikationsniederlage gegen den Amerikaner Andre Dirrell noch?
Abraham: Es ist eine Narbe auf meiner Seele, die nie verschwinden wird. In meinem Inneren hat sich viel verändert. Und erst wenn ich den nächsten Kampf gewinne, habe ich ein wieder ein gutes Gefühl.
Morgenpost Online: Das klingt sehr nachdenklich, fast schon ein bisschen nach Selbstzweifeln.
Abraham: Wenn ich an mir zweifeln würde, würde ich nicht davon überzeugt sein, den Engländer Carl Froch besiegen zu können. Das bin ich aber. Trotzdem habe viel nachgedacht und fühle mich immer noch nicht gerecht behandelt durch die Disqualifikation. Nur, meine Niederlage steht jetzt fest, und ich muss damit leben. Ich habe ja im Kampf auch Fehler gemacht, zu lange gezögert.
Morgenpost Online: Eine zweite Niederlage…
Abraham: ... wäre eine Schande, eine Katastrophe. Daran will und darf ich nicht denken.
Morgenpost Online: Würden Sie aufhören zu boxen?
Abraham: Nein!
Morgenpost Online: Ist Schande nicht ein wenig hart, Sie könnten durch eine Verletzung verlieren. Und auch die stärksten Boxer haben Niederlagen erlitten.
Abraham: Gut, das stimmt, aber die Katastrophe bliebe. Ich darf nicht noch einmal verlieren. Aber was anderen Boxern passiert ist, ist mir ein bisschen egal. Ich kämpfe für mich, meine Familie, und auch für mein Heimatland Armenien, wo ich geboren bin, weil dort ganz viele Menschen sehr stolz auf mich sind. Und für Deutschland.
Morgenpost Online: Sie fühlen sich der Bevölkerung der beiden Länder verpflichtet? Das klingt ja fast ein wenig arrogant.
Abraham: Natürlich sehe ich das so. Würden sonst 15.000 Menschen in eine Halle kommen und sogar fünf Millionen sich meine Kämpfe im Fernsehen anschauen? Alles, was ich als Boxer erreicht habe, habe ich Deutschland zu verdanken. Meine Karriere wäre in einem armen Land wie Armenien nicht möglich gewesen. Aber es ist nun mal meine Heimat, die Heimat meiner Eltern. Da gibt es so viele Verbindungen, die mir wichtig sind.
Morgenpost Online: Kämpfen müssen Sie allein, aber ihr Trainer Ulli Wegner ist immer ganz nahe. Wie wichtig ist er?
Abraham: Ganz wichtig. Er ist der Mensch, mit dem ich während meiner Karriere die meiste Zeit meines Lebens zusammen bin. Er kennt mich wie kein anderer. Und beim Kampf ist er derjenige, der immer das Ganze sieht. Mich, meinen Gegner, dessen Ecke, das Umfeld. Ich sehe nur meinen Gegner.
Morgenpost Online: Sie nennen ihn trotzdem „Diktator“.
Abraham: Ja, weil er sich gnadenlos durchsetzen kann, wenn er es für nötig hält.
Morgenpost Online: Wie viel Anteil hat er am Erfolg?
Abraham: 50 Prozent. Ohne so einen Trainer bist du als Boxer nichts. Außerdem war er es, der mir die Chance gegeben hat zu zeigen, dass ich Profiboxer werden kann.
Morgenpost Online: War das ein Glücksfall?
Abraham: Glück schon, aber noch viel, viel mehr Arbeit. Ich habe 2003 als Sparringspartner von Sven Ottke angefangen, für 75 Euro pro Tag. Vorher habe ich nicht einmal 50 Euro in der Tasche gehabt. Dabei habe ich auch viel gelernt, wenn ich zugesehen habe, wie Ottke andere Sparringspartner hat schlecht aussehen lassen. Und bei meinen Siegen habe ich jeden Kampf mit meinem Trainer angeschaut und aus den Fehlern meiner Gegner Schlüsse gezogen.
Morgenpost Online: Heute verdienen Sie mehr als 75 Euro am Tag, haben trotzdem nie ausschließlich auf das Boxen gesetzt.
Abraham: Ich konnte doch gar nicht damit rechnen, einmal Weltmeister zu werden. Als Jugendlicher habe ich eine Schreinerlehre absolviert. Später habe ich mich für ein Wirtschaftsstudium eingeschrieben. Heute investiere ich in Immobilien und bin an einem Charterflugzeug beteiligt. Aber ich schaue am Ende des Monats nur auf die Zahlen. Ich habe drei Angestellte, die das erledigen. Ich bin Boxer.
Morgenpost Online: Ulli Wegner war mit Ihrer Vorbereitung und Ihrer Einstellung vor dem Kampf gegen Dirrell nicht 100-prozentig zufrieden. Er hat auch klar angekündigt, dass er mit Ihnen härter trainieren wird. Belastet diese Härte manchmal das Verhältnis, oder gehört es zu Job?
Abraham: Das Verhältnis ist eine ganz besondere Sache. Mal sind wir gelassen, mal sind wir angespannt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, bei einem anderen Trainer zu arbeiten. Er ist mehr als ein Trainer.
Morgenpost Online: Ulli Wegner hat einmal gesagt Sie hätten 21 Berufe und würden glauben, jeden Tag ganz wichtige Geschäftstermine zu haben.
Abraham: (Abraham lacht) Er hat immer Recht.
Morgenpost Online: Für Froch ist die Situation genauso schwer wie für Sie. Auch er hat seinen bislang letzten Kampf verloren. Er provoziert. Sie wären als Mittelgewichtler eben doch nicht stark genug für das Supermittelgewicht. Sie würden gegen ihn merken, was Schlagkraft bedeute und Ihre eigene Schlaghärte würden Sie überschätzen.
Abraham: Er kann von mir aus reden, was er will. Ich denke meistens nicht so viel über solche Sprüche nach. Es macht ja keinen Sinn. Ich zeige lieber im Ring, was ich kann. Ich werde ihn nicht unterschätzen.
Morgenpost Online: Sind Sie verunsichert, weil Carl Froch gegen Andre Dirrell gewonnen hat und Sie nicht?
Abraham: Nein, solche Vergleiche bringen nichts.
Morgenpost Online: Drei Boxer sind aus dem Turnier ausgeschieden. Ist der sportliche Wert für Sie dennoch erhalten geblieben?
Abraham: Natürlich. Besonders für Froch und mich. Mikkel Kesslers Ausstieg gibt uns die Möglichkeit im Turnier um die Weltmeisterschaft zu boxen (nach Version des Verbandes World Boxing Council – d.R.). Ich kann also in einer zweiten Gewichtsklasse Weltmeister werden. Das ist einfach super. Und das Turnier macht uns in Amerika bekannt. Natürlich möchte ich gewinnen, Superchampion sein und dann auch in Amerika boxen. Das ist doch ein Traum. Was die Gegner angeht, die sind alle stark.
Morgenpost Online: Was ist wichtiger, Geld oder Ehre?
Abraham: Wenn ich kämpfe, zählt die Ehre, weil ich mich sonst nicht so quälen könnte, wie ich es tue. Später ist Geld wichtig.
Morgenpost Online: Für Sie allein?
Abraham: Nein. Ich will nach dem Turnier meine eigene Familie gründen. Mein Bruder Alexander hat geheiratet und wird Vater. Ich werde also Onkel. Darauf freue ich mich. Und noch mehr werde ich mich über eigene Kinder freuen.
Morgenpost Online: Unabhängig vom Super-Six-Turnier gibt es einen Kampf, den die Boxfans gern sehen würden: Felix Sturm gegen Arthur Abraham. Glauben Sie daran, dass es klappt?
Abraham: Ja. Felix ist sein eigener Manager und kann mit jedem verhandeln. Ich denke schon, wir würden uns einig werden, auch über die Gewichtsklasse. Aber erst kommt das Turnier.
Morgenpost Online: Nach einer Karriere und dann vielleicht mit einer eigenen Familie beginnt ein neues Leben. Wie wichtig ist für Sie eine gute Ausbildung neben dem Sport?
Abraham: Als Profi musst du viel Zeit in den Sport investieren. Es ist hart und manchmal monoton. Aber du kannst trotzdem schauen, was dir Spaß macht, wo du gern später arbeiten würdest. Denn eines Tages ist jede Karriere vorbei. Und dann möchte ich nicht mit leeren Händen dastehen.





