Was hat Berti Vogts bloß angerichtet – damals, als er noch Bundestrainer war und ohne falsche Bescheidenheit den hochkarätigen Satz vor sich hinschleuderte: „Meine Philosophie ist: Wir müssen in jedem Bereich auf dem Platz Überzahl schaffen.“
Der praktische Philosoph, der die Weisheit an einem Beispiel lehrt, ist der wahre Philosoph. Jedenfalls hat Berti seinerzeit gründlich die Welt verändert. Als Philosophie gilt seither nicht mehr die der Geisteswissenschaftler, die über das Wesen der Menschheit reflektieren – viel-mehr geht es in den philosophischen Quartetten von heute um das Wesen der runden Balles und die Frage, ob das 4-4-2 besser mit zwei Sechsern oder in der Raute gespielt wird, oder sagen wir es am besten gleich mit Lothar Matthäus: „Der Gürtel muss zu den Schuhen passen.“
Über den Scharfsinn dieser Philosophie mag man streiten, aber wenigstens hat der Altbayer Matthäus noch eine – was sein alter FC Bayern nicht widerspruchslos von sich sagen kann.
Philipp Lahm kennt da keine Verwandten. Und nach dem dürren Remis gegen Schalke wird der Münchner Vorwärtsverteidiger seinen forschen Vorstoß über den Flügel eher nicht bedauern, sondern den schrecklichen Verdacht weiter schonungslos hegen – er vermisst eine Philosophie wie in Barcelona oder Manchester. Interpretieren wir Lahm der Einfachheit halber ru-hig salopp: Wer als Star nicht bei drei auf dem Baum ist, wird von den Bayern blindlings gekauft, und weil sie kein Konzept haben, in das er eingepasst werden könnte, landet er im schlimmsten Fall im luftleeren Nichts oder auf der Reservebank – und mit dieser Philosophie ist im modernen Fußball nicht einmal mehr die goldene Ananas zu gewinnen.
Wüste Wutschreie des hellen Entsetzens und der nackten Empörung hat Lahm dafür geerntet. Uli Hoeneß, der Manager, will ihn in den kommenden Tagen abwechselnd rädern, teeren und steinigen, und auch Franz Beckenbauer hat das kritische Kerlchen übers Wochenende vollends auf Einsfünfzig mit Hut zusammengestaucht und mit der Macht des Kaisers trotzig gesagt. „Natürlich hat der FC Bayern eine Philosophie.“
Schließlich hat heutzutage jeder eine.
Die Fußballphilosophie ist der Renner unter sämtlichen Philosophien, die Naturphilosophie, die Geschichtsphilosophie, die Sprachphilosophie und die Kulturphilosophie können mittlerweile geschlossen einpacken. Bei der Trainerausbildung an der Kölner Sporthochschule werden die großen Philosophen unserer Zeit schon schwerpunktmäßig gelehrt, von Sepp Herberger („Das nächste Spiel ist immer das Schwerste“) über Franz Beckenbauer („Schaun mehr mal“) und Giovanni Trapattoni („Fußball ist ding, dang, dong“) bis Otto Rehhagel („Entscheidend ist auf'm Platz“) und anschließend wieder zurück zu Herberger („Ein Spiel dauert 90 Minuten“), in der Bundesliga wird ohne den in den Interviews vor dem Spiel zu erbringenden Nachweis einer zündenden Philosophie („Flach spielen, hoch gewinnen“) gar nicht mehr angepfiffen, und auch TV-Moderatoren wie Reinhold Beckmann („Ein rollender Ball setzt kein Moos an“) haben stets Philosophisches auf den Lippen – viel nachdenkenswerter hat sich auch Jean Paul Sartre nicht angehört, als er kurz vor seinem Tod nach einem letzten eigensinnigen Dribbling durch sein geistiges Labyrinth für die Nachwelt festhielt: „Ein guter Torwart zeichnet sich in erster Linie durch Überschreitung seiner Machtbefugnisse aus.“
Was Sartre uns damit sagen wollte? Wir ahnen es höchstens. Was Herberger meint, wissen wir.
Fußball ist Philosophie.
Ohne die geht es nicht mehr. Jeder braucht so eine, und das Streben des menschlichen Geistes, die Zusammenhänge des Seins zu erkennen, hat auch die Bayern erfasst, als einer ihrer größten Philosophen hat Gerd Müller jedenfalls schon ganz früh erkannt: „Vor dem Tor derfst net das Studieren anfangen.“ Diese Erkenntnis hat der größte aller Bayernbomber mit seinem autobiografischen Schlager „Dann macht es bumm“ untermauert, der wörtlich so geht: „Dann macht es bumm, ja und dann kracht's, und alles schreit: Der Müller macht's!“ Seine Philosophie war es, nicht unnötig lange herumzuphilosophieren – ähnlich hat sich das später auch beispielsweise wieder beim Dribbelkönig Wiggerl Kögl angehört („Entweder geh i links vorbei, oder i geh rechts vorbei“), und das alles deckt sich mit der Erfolgsphilosophie von heute: Mir san mir.
Da täuscht sich Philipp Lahm also vermutlich gewaltig. Die Bayern haben alles andere als keine Philosophie, die eine jagt vielmehr die andere, jedes Jahr setzen sie auf eine neue, nach Klinsmanns Buddha-Philosophie ist momentan die holländische van Gaal-Philosophie in der Probezeit, von der ewig und alles flankierenden „Schaun mer mal“-Philosophie müssen wir hier nicht extra reden – und dann kommt der Lahm, dieser lästerliche Lausbub, einfach so daher und tut so, als hätten die Bayern von einer Philosophie noch nie was gehört. Und das sagt er auch noch, obwohl jede Woche, wie jetzt wieder gegen Schalke, die Brechstangen-Philosophie mit Daniel van Buyten perfekt aufgeht, wie man das früher nur beim glorreichen HSV erlebt hat, O-Ton Horst Hrubesch: „Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!“
Manni, das war Kaltz, und wenn man den Bayernkaiser Beckenbauer richtig versteht, soll es der Lahm gefälligst auch so machen: Krumm flanken und Maul halten. Schließlich ist er Verteidiger.
Nicht Philosoph.
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