Frankfurts neuer Trainer

"Niemand darf durchdrehen, weil Daum jetzt hier ist"

Eintracht Frankfurts Trainer Christoph Daum spricht im Interview mit Morgenpost Online über Mitleid, seinen Kokainskandal und das Laufen über Glasscherben.

Morgenpost Online: Herr Daum, wie haben sich die ersten Tage in Frankfurt angefühlt?

Christoph Daum: Es war überwältigend. Ich komme ja nicht aus dieser Region und hatte zuvor auch keinen großen Bezug zu ihr, deshalb fand ich es erstaunlich, wie herzlich ich empfangen worden bin. Ich habe von vielen Menschen Geschenke erhalten, quasi als Glücksbringer.

Morgenpost Online: Selbst bei Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth hatten Sie schon eine Audienz.

Daum: Ich habe sie am Mittwochabend, an meinem ersten Arbeitstag, auf einer Veranstaltung getroffen. Da waren Leute mit Rang und Namen aus der Kultur und Wirtschaft, die ich im Schnelldurchgang kennengelernt habe. Auf Treffen wie diesen, hat man mir gesagt, werden eigentlich keine Leute extra begrüßt. Doch als ich kam, haben sie eine Ausnahme gemacht.

Morgenpost Online: Das muss doch gut getan haben. Oder waren Sie peinlich berührt?

Daum: Wissen Sie, ich habe einen Auftrag, der da lautet, mit der Eintracht die Klasse zu sichern. Ich habe für Optimismus und Zuversicht zu sorgen. Und ich merke natürlich, dass die Menschen große Hoffnungen in mich setzen. Ich möchte sie nicht enttäuschen. Deshalb stecke ich alle meine Kräfte in die Arbeit mit der Mannschaft. Und die zieht übrigens sehr gut mit.

Morgenpost Online: Das hört sich doch gut an.

Daum: Ja. Die Mannschaft ist hoch motiviert bei der Sache. Teilweise sogar übermotiviert, so dass ich sie schon mal bremsen muss. Die Atmosphäre ist unheimlich gut. Ich spüre eine Aufbruchsstimmung, die wir nun richtig kanalisieren müssen.

Morgenpost Online: Sie selbst müssten auch sehr motiviert sein. Immerhin waren Sie seit Juli 2010 nicht mehr tätig.

Daum: Stimmt. Es ist wunderbar, wieder im Geschäft zu sein. Ich habe zuletzt immer gesagt, dass ich mein Betätigungsfeld in der Bundesliga sehe. Nun bin ich wieder da. Ich bin zwar nicht bei einem vermeintlichen Top-Klub. Dennoch war es die richtige Entscheidung, ja zur Eintracht zu sagen. Denn der Verein ist deutsche Fußball-Tradition. Er ist sehr solide aufgestellt und die Gespräche mit den Führungsgremien haben mich in meiner Entscheidung bestätigt. Die Eintracht hat Ambitionen, auf kurz oder lang höheren Ansprüchen zu genügen. Doch es ist wichtig, dass niemand anfängt durchzudrehen, weil jetzt der Christoph Daum hier ist.

Morgenpost Online: Der ins Ausland hätte gehen können, wenn es ihm ums Geld gegangen wäre.

Daum: Meine Entscheidung war auch eine Entscheidung für den deutschen Fußball. Ich biege auf die Zielgerade meiner Trainer-Karriere ein und will am Ende dieser noch einmal dort erfolgreich arbeiten, wo alles begonnen hat – in Deutschland. Ich hoffe, dass mir das mit der Eintracht gelingt.

Morgenpost Online: Zuletzt hat sich das Trainerkarusell in der Bundesliga vehement gedreht. Die „Sport-Bild“ titelte unter der Woche: „Bundesliga pervers“.

Daum: Es ist wirklich eine anomale Situation. Da haben sicher viele Faktoren zu einem Art Dominoeffekt geführt und diese Trainerrochade verursacht. Allerdings sollte das nicht zur Normalität werden. Denn gerade die Bundesliga hat immer auch für Kontinuität gestanden. Das sollte auch in Zukunft so sein.

Morgenpost Online: Bundestrainer Joachim Löw meinte sogar, die Liga müsse aufpassen, nicht an Seriosität zu verlieren.

Daum: Wir dürfen das Ganze jetzt auch nicht überbewerten. Keine Frage, es ist sicherlich eine außergewöhnliche Situation. Die Bundesliga steht gerade etwas Kopf. Denn viele Vereine finden sich in der Tabelle nicht dort wieder, wo sie sich selber gern sehen oder wo man sie erwartet hat. Dadurch haben sich die Veränderungen auf den Trainerbänken ergeben. Ich denke aber nicht, dass das, was wir gerade erlebt haben, nun immer und regelmäßig so sein wird.

Morgenpost Online: Am Ende des „Trainer-Wechsel“-Spiels hat es Jupp Heynckes zurück zum FC Bayern geführt.

Daum: Das hatte sich angedeutet, wenn man zwischen den Zeilen gelesen hat. Er kennt die Bayern und weiß, was ihn erwartet.

Morgenpost Online: Haben Sie eigentlich Mitleid mit Kollegen wie etwa Peter Neururer, Klaus Toppmöller oder Jürgen Röber, die in Zeiten wie diesen gar nicht mehr gefragt sind?

Daum: Ich denke für alle Trainer gilt, mit einer gewissen Kollegialität aufzutreten. Ich habe Respekt vor jedem Kollegen, selbst wenn er noch so lange auf ein Engagement warten muss. Wer mit Leib und Seele Trainer ist, will natürlich so schnell wie es geht zurück auf den Trainingsplatz. Aber es ist eben auch ein sehr hart umkämpftes Geschäft, in dem zuletzt viele gute junge Trainer nachgekommen sind. Das ist gut, führt aber auch dazu, dass sich ältere Trainer irgendwann eingestehen müssen: Okay, das wars für mich. Das ist ein ganz normaler Generationswechsel.

Morgenpost Online: Wobei sich die Bayern, Schalke, Wolfsburg oder auch Frankfurt dem Trend widersetzt und nicht auf einen jungen Trainer zurückgegriffen haben. Sondern auf Erfahrung.

Daum: Jeder Verein macht sich Gedanken und fragt sich, welcher Trainer passt zu meinen Zielsetzungen? Dabei geht es nicht um jung oder alt. Und einen Trend sehe ich ohnehin nicht.

Morgenpost Online: Ralf Rangnick bei Schalke oder Felix Magath in Wolfsburg haben Kritik an ihren Vorgängern geübt. Das kam nicht so gut an?

Daum: Ich habe in Frankfurt gleich zu Beginn ganz klar gesagt, dass unter meinem Vorgänger Michael Skibbe gute Arbeit geleistet worden ist. Es wäre mir nicht in Sinn gekommen, mich irgendwie negativ über ihn oder die Arbeit zu äußern. Zumal ich ihn auch gut kenne und 2000 aus Dortmund zum DFB geholt habe, als ich kurz davor war, Bundestrainer zu werden.

Morgenpost Online: Wenn Sie verpflichtet werden, ist in der Öffentlichkeit immer auch gleich vom Kokainskandal aus dem Jahr 2000 die Rede. Nervt Sie das eigentlich?

Daum: Ich habe gelernt, auch mit Dingen wie diesen umzugehen. Es hält mich jedenfalls nicht von meiner Arbeit ab. Ich habe beobachtet, dass mir die breite Masse in den vergangenen Jahren viel Unterstützung, Rückendeckung und Zustimmung hat zukommen lassen. Ich kann es nie allen Menschen recht machen. Aber ich glaube das kann niemand von uns. Selbst wenn ich dreimal hintereinander Deutscher Meister werden würde, wird es immer einen kleinen Prozentsatz geben, der mich sehr, sehr kritisch sieht und für den ich ein rotes Tuch bin.

Morgenpost Online: Um die Meisterschaft werden Sie in dieser Saison kein Wort mitreden können. Glauben Sie, dass Dortmund es schafft?

Daum: Ich glaube schon, dass sich der BVB den Titel holt. Selbst wenn Dortmund noch den einen oder anderen Punkt liegen lassen sollte, denke ich nicht, dass da noch etwas anbrennt. Dafür spielt die Konkurrenz nicht konstant genug.

Morgenpost Online: Wie zuversichtlich sind Sie, was den Klassenerhalt mit Frankfurt betrifft?

Daum: Sehr zuversichtlich. Ich habe schon viele Gespräche mit Spielern geführt und habe das Gefühl, dass ihnen bewusst ist, dass Profifußball ein knallharter Beruf ist und es sich insgesamt um eine ernste Angelegenheit handelt. Ich sehe das sehr positiv.

Morgenpost Online: Sie haben zum Einstand davon gesprochen, dass der Kopf der Spieler quasi das dritte Bein ist. Können Sie das noch einmal erläutern?

Daum: Viele Dinge spielen sich nun mal in dem Bereich zwischen den Ohren ab. Da geht es um Selbstvertrauen, Selbstzweifel oder den Glauben an die eigene Stärke bzw. die Stärke deiner Mitspieler. Und wenn du im Kopf stark bist, an dich glaubst und dich für das Ziel der Gemeinschaft einbringst, dann stellt der Kopf eine unheimliche Macht dar. Er gibt dir dann vielleicht einen kleinen Vorteil im entscheidenden Moment besser als der Gegner zu sein. Natürlich sind Taktik und Kondition unabdingbar. Aber der Kopf ist der Schlüssel.

Morgenpost Online: Im ersten Spiel treffen sie auf Felix Magath und seine Wolfsburger. Haben Sie schon einen Plan, wie Sie gewinnen?

Daum: Wir sind schon dabei, die Wolfsburger zu analysieren. Auch erarbeiten wir schon taktische Maßnahmen, um den VfL bezwingen zu können. Es ist ganz interessant zu hören, dass einige meinen, wir hätten dort keine Chance, so wie die Eintracht zuletzt gespielt habe und so gut wie der VfL nun mit Magath aufgestellt sei. Aber wissen Sie, genau das ist unsere Chance. In Wolfsburg wird es auf Kleinigkeiten ankommen. Wir werden gut vorbereitet sein. Und ich bin überzeugt davon, dass wir dort Erfolg haben und vielleicht sogar ein Ausrufezeichen setzen können.

Morgenpost Online: Dann verraten Sie uns noch eins: Werden Sie die Spieler der Eintracht vorher noch über Glasscherben laufen lassen, wie Sie das einst in Leverkusen angeordnet haben?

Daum: Nein. Dafür ist die Situation nicht stabil genug. Ich konnte das damals in Leverkusen nur machen, weil die Mannschaft dafür gefestigt war. Ich kann und will hier in der Kürze der Zeit nicht alle Register ziehen. Außerdem würde ich heute zu anderen Maßnahmen greifen. Für Bayer Leverkusen war es damals genau das Richtige. Die Jungs sind in die Erfolgsspur gekommen.