Cricket

Trainermord – Die Spur führt ins illegale Wettmilieu

Der Mord an Pakistans Trainer während der Weltmeisterschaft auf Jamaika deckt die Abgründe in der Cricketszene auf. Offenbar wollten die Täter ein Enthüllungsbuch verhindern.

Foto: AP

Sie mussten Fingerabdrücke und DNA-Proben abgeben, erst dann durften die pakistanischen Spieler am Samstag die Insel des Albtraums verlassen. Nur zwei Akteure blieben zurück. Die jamaikanische Polizei zwang die beiden namentlich nicht genannten Spieler zum Bleiben, bis die Leiche ihres Trainers Bob Woolmer ein weiteres Mal untersucht ist. Eilig erklärte Pakistans Cricket-Chef Naseem Ashraf, die Spieler seien „nicht mehr oder weniger verdächtig als alle anderen Gäste in diesem Hotel“.

Zwei Spieler werden festgehalten

Das stimmt nicht ganz, denn ausschließlich Spieler und Offizielle hatten am vergangenen Sonntag Zugang zur 12. Etage des „Pegasus“-Hotels in Jamaikas Hauptstadt Kingston. Hier, auf Zimmer 374, geschah ein Mord, der die Welt des Crickets erschüttert. Um 3.12 Uhr schrieb Woolmer hier noch eine E-Mail an seine Frau Gil. Es sollte seine letzte sein. Die Niederlage seines Teams gegen die Außenseiter aus Irland vor wenigen Stunden, das Aus des Weltmeisters von 1992 in der WM-Vorrunde, all das sei „zerstörerisch“, schrieb Woolmer. Es war das letzte Lebenszeichen des Engländers, der vor drei Jahren ein lustloses Team übernommen und auf Rang vier der Weltrangliste geführt hatte. Sieben Stunden später fand ihn ein Zimmermädchen auf dem Boden, nur mit einer Unterhose bekleidet, die Extremitäten schon blau angelaufen. Um 12.14 Uhr stellte ein Arzt den Tod fest.

Unbekannter besuchte die Mannschaften

Der 58 Jahre alte Trainer, einer der besten seiner Zunft, wurde erwürgt, gab die Polizei am Donnerstag bekannt. Wahrscheinlich kannte Woolmer den Mörder, es gab weder Spuren eines Einbruchs noch eines Kampfes. „Diese Geschichte trifft uns ins Mark“, so Ashraf. Damit spricht er für die gesamte Cricket-Szene, die unter Schock die viertgrößte Sportveranstaltung der Welt fortsetzt. Denn die Anzeichen verdichten sich, dass der Mord an Woolmer in Zusammenhang mit illegalen Sportwetten steht, mit denen der Cricket-Sport seit Jahrzehnten zu kämpfen hat. Am Freitag berichtete der Sender Geo TV Pakistan, dass die jamaikanische Polizei einen Mann „mit monetärem Interesse an Spielausgängen“ festgenommen habe, was von der Polizei bislang nicht bestätigt wurde. Der Mann sei gesehen worden, wie er Mitglieder der Mannschaften Pakistans, Sri Lankas und Indiens besucht habe.

Woolmer wollte im Juni seine Trainerlaufbahn beenden und nach Angaben des „Daily Telegraph“ in einer Biografie über Praktiken der Wettmafia berichten. „Die Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, sie muss erzählt werden und zwar korrekt, (¿), nur die ehrlichen Fakten“, zitiert die Zeitung aus einer E-Mail von Woolmer an einen pakistanischen Journalisten. Selbst die Familie wusste von diesem Vorhaben wohl nichts. „Wir können versichern, dass in keinem Buch von Bob etwas steht, das die Situation erklären könnte“, sagte Woolmers Berater Michael Cohen im Beisein der Witwe und den beiden Söhnen in Kapstadt. In den offenbar geheim gehaltenen Abschnitten wäre jedoch so manche Anekdote zu vermuten gewesen. Woolmer trainierte im Jahr 2000 die südafrikanische Auswahl, als sein Kapitän Hansie Cronje wegen Spielmanipulation lebenslang gesperrt wurde. Der Trainer wurde mit dem Skandal nicht in Verbindung gebracht, aber auch ihm waren die Praktiken der Wettmafia damals wohl bekannt.

Selten werden noch ganze Spiele verschoben, stattdessen halten die Syndikate über Agenten Kontakt zu Spielern, die für ihre Gefälligkeiten – wie Geschenke für die Geliebte – interne Informationen über den Leistungsstand einzelner Spieler erwarten. Schließlich kann inzwischen auch auf das Auftreten einzelner Akteure gewettet werden. „Wir nennen das Mikro-Korruption“, sagte Lord Condon, der Vorsitzende des Anti-Korruptions-Ausschusses des Cricket-Weltverbandes ICC. Erst im Januar wurde deshalb Marlon Samuel, ein Spieler der Westindischen Inseln festgenommen. Er hatte dem indischen Buchmacher Dawoold Ibrahim Informationen gesteckt. Ein pakistanischer Teamsprecher berichtete nun, der Trainer habe ihm nun einige Tage vor dem Spiel gegen den 8:1-Außenseiter Irland besorgt erzählt, dass das wichtigste Manuskript zu dem Buch verschwunden sei. Die Polizei recherchiert zusammen mit dem ICC, ob Woolmer Verdacht in Richtung eines Wettskandals geschöpft habe.

Denn verschobene Spiele gibt es auch in Pakistan, wo Cricket als Nationalsport emotionaler als irgendwo sonst verfolgt wird. „Gewinnt die Nationalmannschaft, werden die Spieler durch die Straßen getragen. Verliert sie, wird sie am Flughafen schon einmal mit Steinen empfangen“, sagte Altaf Rehman, 39. Er spielte bis zum 21. Lebensjahr in Pakistan, zog nach Berlin und absolvierte vier Länderspiele für Deutschland. Rehman hofft, dass kein pakistanischer Spieler mit dem Mord in Verbindung steht. Schon vor neun Jahren sei ein Spieler der Spielmanipulation überführt worden. Als er nach dem Verhör zu seinem Haus zurückgekommen sei, war es leer geräumt. Ein paar Tage später waren alle Möbel wieder da – zertrümmert auf dem Vorhof.