Aufgrund ihres verhängnisvollen Hangs zum verantwortungslosen Vorurteil behaupten böse Zungen, die schlimmste Hölle dieser Welt sei der Ort, an dem die Engländer kochen, die Polen Autos bewachen und die Deutschen Tennis spielen.

Letzteres war lange wahr.

Vor lauter Scham musste man jedenfalls in den vergangenen Jahren auf den Tribünen in Wimbledon alles tun, um als Deutscher nicht erkannt zu werden – besonders listige deutsche Fans bauen sogar, wenn Roger Federer spielt, in ihren Applaus ein „Hopp Schwyz!“ ein in der Hoffnung, verwechselt zu werden.

Dieses Jahr ist nun vieles besser. Keiner war in den vergangenen Tagen gezwungen, sich verschämt zu tarnen mit Sennerhut, Kuhglocke und Schwyzerdütsch.

Ursprünglich war ja zu befürchten, dass der sportliche Höhepunkt aus deutscher Sicht das neckische Doppel bleiben würde, das Steffi Graf und Ehemann Andre Agassi in Wimbledon kürzlich für einen guten Zweck spielten. Doch jetzt ist alles ganz anders gekommen, denn Sabine Lisicki hat die French-Open-Siegerin Swetlana Kusnezowa geschwind weggeputzt, und das Ergebnis, mit dem Tommy Haas dem Kroaten Marin Cilic auf dem Weg ins Achtelfinale die Grenzen aufzeigte, lassen wir uns auf der Zunge ganz langsam zergehen: 7:5, 7:5, 1:6, 6:7, 10:8.

Moment mal, stutzt da der reife Fan: Spielabbruch wegen Dunkelheit? Fünf Sätze? Verdroschene Matchpoints hüben und drüben? Hatten wir solche Hitchcock-Thriller mit Happy End nicht früher oft unter Boris? Allein anno 85 haben wir daheim auf dem Sofa immer wieder die Schweißbänder ausgewrungen, in den Schläger gebissen und nach cirka fünf Stunden in den Bildschirm gefleht, unser 17-jähriger Leimener möge doch um Himmelswillen endlich eine größere Kilozahl aufziehen, wegen der Bespannungshärte – und am Ende haben wir dann kollektiv die Beckerfaust rausgehauen.

Mit Zeitmaschine zurückversetzt

Nun also Haas – es war, als ob uns einer mit der Zeitmaschine zurückversetzt in die glorreichen Tage. Jessas, wie lang haben wir im Tennis nichts mehr geholt? Der Letzte, der einen richtig dicken Siegerscheck heimgeschleppt hat, war Max Wünschig, unser alter Daviscup-Crack, indem er vor ein paar Jahren in der Quizshow bei Günther Jauch fünf Millionen Euro gewann. Woraus böse Zungen schlossen: Der deutsche Tennisspieler als solcher ist durchaus noch in der Lage, etwas zu reißen – wenn es nicht gerade um Tennis geht.

Und nun dieses plötzliche, aus der trüben Tiefe des Nichts kommende Lebenszeichen: Gleich zwei Deutsche auf einmal haben die erste Woche in Wimbledon überstanden. Das ist schon fast wieder ein Gefühl wie damals, als wir im Tennis noch wer waren und Hundertschaften von Journalisten nach London geflogen sind, um die Speisekarte beim Siegerbankett zu fotografieren und uns Daheimgebliebene teilhaben zu lassen an den Delikatessen, die sich Steffi und Boris einverleibt haben, bis hin zu den Krabben und etwas Thunfisch über Spinat.

Was unsere heutigen Verlierer so essen? Allenfalls ein aufgewärmtes und in Silberfolie serviertes Chicken Alfredo, mit Kunststoffbesteck – im Flieger auf dem Weg nach Hause.

Haas sorgte für private Höhepunkte

Wir können im Tennis seit nun schon bald 15 Jahren gar nicht schnell genug hinschauen, um alle Deutschen beim frühen Ausscheiden zu erfassen. Wenn überhaupt von Höhepunkten gesprochen werden kann, dann hat sie Tommy Haas gemacht, als er sich mit Sandy Meyer-Wölden zum Traumpaar vereinigte und wieder trennte – oder später Boris, als er sich mit derselben Sandy Hals über Kopf verlobte und wieder entlobte, um doch lieber Lilly zu heiraten.

Zuschauer kommen zum Tennis jedenfalls kaum noch, und wenn, dann nicht zum Daviscup wie zuletzt in Garmisch gegen Österreich, sondern in die Bergkapelle in St. Moritz zu Beckers Trauung. Wie früher vor den Kassenhäuschen haben die Fans dort mit Thermosflaschen und Butterbroten in Schlafsäcken übernachtet, und wo uns das Fernsehen einst stundenlang die Schampuskübel der VIPs beim Daviscup übertrug, werden sie uns heute live und in voller Länge von Beckers Hochzeit übertragen. Die restlichen Tennisfans sind zum Golfen übergelaufen. Das erschien ihnen als das geringere Übel, trotz des von Norbert Blüm („Was soll ich beim Golf, ich bin sexuell noch aktiv“) unterstützten Vorurteils, dieser Sport werde ausgeübt von knieweichen Tatterichen, die einen Caddie brauchen, der ihnen den Schläger hält und sie in den Gurt schnallen muss, ehe er sie mit einem Wägelchen zum nächsten Loch chauffiert.

Heute spielt man eher Golf

Kein Deutscher, der etwas auf sich hält, lässt sich jedenfalls noch beim Tennis sehen. Sondern spielt Golf wie Franz Beckenbauer. Oder wie Boris Becker.

Gerade in den Tagen vor Wimbledon hat der schmerzlich erleben müssen, was aus seinem Sport geworden ist: Über die Großmutter und das Brautkleid von Lilly, oder wie die sein Haus in London einrichten will, ist mehr gesprochen worden als über Philipp Kohlschreibers Aufschlag.

Der hat jetzt offensichtlich die Nase voll. Vor lauter Wut hat er gegen Federer dieser Tage ein Klassespiel gemacht – und mit Sabine Lisicki und Tommy Haas maßgeblich dafür gesorgt, dass sich Wimbledon manchmal schon fast wieder anfühlt wie früher, als es ein Stück unseres Lebens war und acht von zehn Deutschen auf die Frage, welche Bedingungen ein Tennisball zu erfüllen hat, wie aus der Pistole geschossen antworteten: „Er muss zwischen 1,23 und 1,47 Meter hoch springen, wenn er bei 20 Grad Celsius aus einer Höhe von 2,54 Metern auf eine harte Unterlage fällt.“

Sobald wir das alle wieder fehlerlos herunterrasseln, steht endgültig fest: Das alte Wimbledonfieber ist zurück.