Eine solche Trauerfeier hat Deutschland noch nicht erlebt. Millionen Menschen werden dem Torwart Robert Enke an diesem Sonntag via Fernseher oder im Stadion von Hannover das letzte Geleit geben. Diese Anteilnahme hat bisweilen surreale Züge entwickelt, gleichwohl scheint der Freitod des Fußballprofis eine emotionale Schicht im Volk zu berühren, die tiefer liegt als bei der gewöhnlichen Massenhysterie.
Ein Mensch in diesem Land allerdings wird ganz andere, vermutlich widersprüchliche Gefühle hegen, ausgerechnet jene Person, die Robert Enke zum letzten Mal lebend gesehen hat: der Lokführer. Bei allem Leid, das die Depression bei Enke verursacht hat, so hat er mit seinem Selbstmord posthum gewaltige Schuld auf sich und seine Hinterbliebenen geladen.
Der Schienensuizid, wie diese Form des Selbstmords im Fachdeutsch heißt, ist auch deswegen so grausam, weil ein gänzlich unbeteiligter Mensch im Führerstand gleichsam als Henker missbraucht wird. Wie grausam müssen diese Sekunden sein, in denen ein Lokführer hilflos miterleben muss, wie sein Fahrzeug auf einen Menschen zurast und schließlich zermalmt. Jede Notbremsung ist zwecklos.
400 Lokführer werden jedes Jahr zu Tätern wider Willen. Makaber, aber wahr: In Internet-Foren werden inzwischen Tipps ausgetauscht, welche Strecken, welche Loktypen sich für einen Selbstmord besonders eignen. Die Deutsche Bahn tut gut daran, diese Mitarbeiter hermetisch vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. In Spezialkliniken werden die als Todespiloten Instrumentalisierten psychologisch betreut, meist einfache Menschen, Eisenbahner aus Leidenschaft mit kargen Einkünften, die, wie Enke, womöglich eine Familie haben, die mitleiden muss. Manche verdauen einen solchen Selbstmord ohne größere Spätfolgen, bei anderen bricht das Erlebte ein Leben lang immer wieder durch, wieder andere werden nie wieder einen Führerstand besteigen.
Natürlich kann ein Lokführer sich auf dem Wege der Vernunft einreden, dass ihn keine Schuld trifft. Aber das Unterbewusstein arbeitet oft dagegen; tiefsitzende Schuldgefühle kann man mit noch so klaren Gedanken nicht immer verscheuchen. Bisweilen führt das traumatische Erleben bei den Lokführern zu Depressionen, eben jenen seelischen Verwüstungen, unter denen auch Robert Enke litt. Irgendwo in diesem Land sitzt ein zutiefst verzweifelter Mensch, der an den Trauerbildern aus Hannover vermutlich schier zerbricht. Auch ihm gebührt, wenn auch anonym, eine landesweite Welle des Mitgefühls.
Hajo Schumacher











