Skandaltradition

Ohne Streit und Intrigen wäre Schalke Rekordmeister

Der Traditionsklub macht sich seit jeher selbst das Leben schwer. Fans und Ex-Stars sind entsetzt über die bevorstehende Entlassung von Felix Magath.

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Was für ein Mensch Felix Magath ist, darum ranken sich Legenden, darüber streiten die Gelehrten. Wer den zahlreichen Schalker Insidern Glauben schenkt, die sich allerdings stets nur anonym zitieren lassen, muss vermuten, er sei der Teufel in Menschengestalt, der Spieler, Geschäftsstellenmitarbeiter und Fans mit seinem Dreizack malträtiert. Andere loben seine akribische und erfolgsorientierte Art. Auf jeden Fall ist Magath ein begnadeter Schauspieler.

Mit aufgerissenen Augen und gespieltem Erstaunen quittierte er den Medienandrang am Donnerstag – dem größten seit Menschengedenken beim FC Schalke 04 bei einem schnöden Auslaufen. „Was machen Sie denn alle hier?“ fragte er und lächelte spitzbübisch – wohl wissend, dass er wieder einmal das Epizentrum eines medialen Erdbebens ist. 24 Stunden zuvor, am Tag des Achtelfinalrückspiels der Champions League gegen den FC Valencia, hatten die berühmt-berüchtigten anonymen Schalker Informanten mal wieder ihr Unwesen getrieben und eine brisante Nachricht verbreitet. Magath müsse sein Projekt, den chronisch erfolglosen Traditionsklub bis 2013 zum Deutschen Meister zu machen, vorzeitig abbrechen. Zum Saisonende spätestens, aber wahrscheinlich schon viel früher.

Dass so eine Nachricht an einem Spieltag lanciert wird und damit den Einzug ins Viertelfinale gefährdete, der nach dem 3:1 (1:1) gegen Spaniens Tabellendritten dennoch gelang, ist aktiv betriebene Politik. Und gute Schalker Tradition. Der Klub aus dem Ruhrpott war schon immer erfindungsreich darin, sich das Leben selbst schwer zu machen. Wäre in den Sport die gleiche Energie investiert worden wie in interne Scharmützel, Streitereien und Ränkespielchen, wäre Schalke heute vermutlich Rekordmeister. So aber spricht Gelsenkirchens Torjäger-Legende Klaus Fischer (535 Bundesliga-Spiele, 268 Tore) vielen Fans aus der Seele, wenn er sagt: „Ich bin entsetzt über das Bild, das der Verein wieder einmal in der Öffentlichkeit abgibt.“

Das allerdings ist nichts Neues für S04. Der Klub verblüfft seit jeher mit Skandalen und Kapriolen. 1930 war er der erste, der wegen verbotenen Profitums für ein Jahr vom Spielbetrieb ausgeschlossen wurde. Die Legenden um Fritz Szepan und Ernst Kuzorra erhielten monatlich zehn Mark pro Kopf, skandalös damals. Der Kassierer sprang aus Scham in den Rhein-Herne-Kanal. Die Totenwache für ihn fand unter Anteilnahme Tausender in der mythischen Glückauf-Kampfbahn statt – er war doch einer von ihnen.

1971 verkaufte die Mannschaft im Abstiegskampf eine Partie für 2300 D-Mark pro Spieler. Nicht nur Schalke machte das damals, aber die Spieler der Königsblauen leugneten trotz erdrückender Beweise am längsten. Einige schworen sogar Meineide. Stars wie Klaus Fischer oder Rolf Rüssmann kostete das viele Länderspiele.

Manches war auch einfach lächerlich. Nur Schalke 04 brachte es fertig, dass auch über den betrüblichen Vorgang einer Beerdigung geschmunzelt wurde. Als der große Ernst Kuzorra 1990 zu Grabe getragen wurde, fehlte der eitle Präsident Günter Eichberg, der noch im Flieger aus Florida saß. Als er endlich eintraf, bestand er auf Wiederholung, damit er auch aufs Foto kam. So geschah es – drei Stunden später.

Überhaupt die Schalker Präsidenten: Der erste war – kein Witz – 14 Jahre jung. Willy Gies, ein Schlosserlehrling, führte eine Bande von 16 Jugendlichen an, die den Urverein Westfalia Schalke anno 1904 gründeten. Erst 1909 wurde der Vereinsgründer von einem Volljährigen abgelöst. Viel reifer wirkten einige Nachfolger aber auch nicht: Einer blieb nur zwei Tage, dann pfiff ihn sein Arbeitgeber zurück, dummerweise war es der Bundesnachrichtendienst. Helmut Kremers gewann die Wahl mit dem Spruch „Früher haben wir uns gegen Dortmund nicht mal umgezogen“ und regierte doch nur drei Monate. Günter „Oskar“ Siebert war dreimal am Ruder, besaß eine Tanzbar auf Gran Canaria und eine gewisse Überzeugungskraft. Sein größter Coup: 1987 ernannte er den verblüfften Papst Johannes Paul II. anlässlich einer Messe im Parkstadion zum Ehrenmitglied.

Haushalten konnten sie weniger gut, Schalke hatte zu Bundesliga-Zeiten wohl immer Schulden. Der besagte Klinikbesitzer Günter Eichberg zahlte Anfang der 90er-Jahre Wahnsinnsgehälter: Bayerns Radmilo Mihajlovic stellte er einen Blankoscheck aus („Wenn ich wiederkomme, haben Sie bitte eine Summe eingesetzt“), der Jugoslawe gönnte sich prompt 500.000 DM im Jahr. Mit Trainer Udo Lattek wurde ein Bierdeckelvertrag gemacht und darin eine Sonderprämie versprochen (1,5 Millionen DM), sollte S04 vor Dortmund landen. Vorgänger Peter Neururer hatte Eichberg im Herbst 1990 entlassen, obwohl Schalke auf Platz zwei stand – allerdings in Liga zwei.

Und wenn den Schalkern schon mal etwas gelang, ging auch das nicht ohne Malheur ab. Manager Rudi Assauer ließ nach dem letzten großen Erfolg der Schalker im Siegestaumel den frisch gewonnenen DFB-Pokal vom Triumphwagen fallen. Der Goldpott war danach sichtlich lädiert. Immerhin trug der passionierte Zigarrenraucher die Reparaturkosten selbst. In seiner Ära hatten Präsidenten wenig zu sagen, nur mit dem Manager mussten die Trainer gut auskommen. Ralf Rangnick kam es nicht und wurde im Winter 2004 als statistisch bester Trainer in der Schalker Bundesligahistorie entlassen.

Ähnliches könnte nun auch Magath blühen. Das Erreichen des DFB-Pokalfinales in der vergangenen Woche hat den Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Clemens Tönnies offenbar erst richtig angestachelt, den Erfolgstrainer zu entmachten. Dass der trotz des Sperrfeuers nun auch noch in die Runde der besten acht Mannschaften der Königsklasse eingezogen ist, hatten die hohen Herren scheinbar nicht kalkuliert. Und auch nicht, dass in der Schalker Fanschar mitnichten nur Gepeinigte herumlaufen, die sich wahlweise „nicht mitgenommen“ fühlen oder die Schalker Identität gefährdet sehen.

Im Stadion waren zahlreiche Pro-Magath-Plakate zu sehen, vor der Pause hallten „Magath, Magath“-Sprechchöre durch die Arena. Im Internet wurde eine Unterschriftenaktion „Für das Festhalten an Felix Magath als Trainer und Manager des FC Schalke 04“ ins Leben gerufen; an den ersten zwei Tagen unterzeichneten rund 5000 Menschen die Petition.

Nicht nur in Fankreisen wird hitzig diskutiert. Auch Klaus Fischer fragt sich seit Tagen, was da vor sich geht in seinem Klub: „Sie haben gesagt, dass sie bis 2013 mit dem Trainer arbeiten wollen. Also, was wollen wir? Wollen wir Erfolg, wollen wir endlich mal kontinuierlich arbeiten?“ Schalke sei im ersten Jahr unter Felix Magath Ligazweiter geworden, „jetzt sind wir im Pokalfinale und im Viertelfinale der Champions League“. Nur mit den laschen Auftritten in den Bundesliga sei er nicht einverstanden, sagt „Mr. Fallrückzieher“: „Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass hier in aller Regelmäßigkeit elementar wichtige Dinge über die Öffentlichkeit ausdiskutiert werden. So geht das nicht. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit Felix Magath nicht reden kann.“

Helmut Kremers ist da nicht so optimistisch. Der ehemalige Präsident des Gelsenkirchener Chaosklubs absolvierte 226 Spiele für die Königsblauen und glaubt nicht an ein gutes Ende: „Beide Parteien, Trainer und Verein, müssten sich ändern. Aber das wird wohl nicht passieren. Ich glaube, dass der Zug für eine weitere Zusammenarbeit abgefahren ist.“ Früher seien die Trainer zwar auch hart gewesen („Die haben auch nicht viel mit uns gesprochen“), aber „wir waren es ja nicht anders gewohnt“, sagt Kremers: „Heute sind die Spieler sensibler. Manche brauchen ja fast eine Rundumbetreuung. Deswegen sind heutzutage Trainer gefragt, die darauf eingehen.“

Wie geht es also weiter mit Felix Magath und seinem Experiment, Schalke 04 auf Erfolg zu polen? Auch am Donnerstag hatte sich keiner der Entscheidungsträger bei ihm gemeldet. Zwar spekulierte der „Kicker“ schon mit einer sofortigen Ablösung des Trainers und zitierte Clemens Tönnies mit den Worten: „Wir müssen die Reißleine ziehen. Völlig unabhängig von der Champions League. Im ganzen Verein brennt es lichterloh.“ Der Vereinschef soll gar vorbereitete Entlassungspapiere mit in die Arena gebracht haben. Doch die zückte er weder nach dem Sieg über Valencia noch gestern.

So spricht alles dafür, dass Magath auch Samstag gegen Eintracht Frankfurt auf der Bank sitzen wird. Erst am Montag, wenn er als Vorstandssprecher automatisch an einer turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung teilnehmen wird, könnte es zum großen Showdown kommen. Dann gibt es drei Szenarien. Entweder knickt der Aufsichtsrat ein, und es bleibt bei Magaths Vertrag bis 2013. Oder der Vertrag wird zum Saisonende aufgelöst und Magath für die restlichen zwei Jahre mit einem hohen Millionenbetrag abgefunden. Dritte Lösung: Die sofortige Kündigung, die den klammen Klub allerdings noch teurer zu stehen kommen würde. In diesem Fall soll Tönnies-Kumpel Otto Rehhagel bereits als Übergangslösung bereit stehen. Der 72-Jährige würde zu Schalke passen: Die Fans könnten dann für den Rest der Saison vermutlich die Wiedereinführung des Liberos bestaunen.

Mitarbeit: LaGa, sip