Wenn Franck Ribery seinen Spind in der Kabine öffnet, geht ein Fenster auf. Mit Frischluft hat das allerdings nichts zu tun, das erledigt beim Rekordmeister die computergesteuerte Lüftung. Nein, in Riberys Schrank leuchtet ein Bildschirm, auf dem minutiös das Tagesprogramm des französischen Nationalspielers angezeigt wird.
Zum Beispiel öffnet sich dort an einigen Tagen das „Medienzeitfenster“. Früher hieß das mal Pressegespräch, aber seit Trainer Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße herrscht, hat sich einiges getan beim FC Bayern – nicht nur sprachlich. Die „Messageboards“ im Umkleideraum, die allen Spielern die individuellen Tagespläne vorgeben, sind nur eine der zahlreichen Innovationen.
Felix Magath bekommt Hautausschlag, wenn er so etwas hört. Nur aussprechen würde er es nicht. Jedenfalls nicht so direkt. Dem Trainer des VfL Wolfsburg, der bis zum 31. Januar 2007 bei den Bayern unter Vertrag stand und am Samstag beim ehemaligen Arbeitgeber um Bundesliga-Punkte kämpft, ist die Amerikanisierung des Fußballs im Allgemeinen und digitale Spielereien im Speziellen ein Graus. „Aus meiner Sicht zeigen diese technischen Hilfsmittel die große Unsicherheit, die unter den Trainern herrscht, weil ihre Position immer schwächer wird“, sagt Magath.
Er ist aus anderem Holz geschnitzt. Ein Typ wie eine alte Eiche – hart und beständig: „Ich bin der Meinung, dass man den Fußball nicht ständig neu erfinden kann. Obwohl das Phänomen, Altbewährtes abschaffen zu wollen, allgemein in der Gesellschaft zu verfolgen ist. Ich sehe das mit Besorgnis.“
Wo Kollegen per Laptop Herzfrequenzen messen und lichtschrankengestützte Sprinttests durchführen, geht es beim VfL archaisch zu. Magaths liebstes Trainingsgerät ist und bleibt der Medizinball, mit dem er seine Spieler durch eigens aufgestellte Parcours rennen lässt. Der Abstand zwischen den Stangen wird durch die Schrittlänge des Trainers vorgegeben und nicht lasergesteuert ermittelt. Nein, unter ihm wäre das Bayern-Hauptquartier nicht zur kuscheligen Wohlfühllounge mutiert. Wer es plastisch formulieren will: Magath ist der Anti-Klinsmann.
Nicht jeden Tag alles neu machen
„Nein, bin ich nicht“, kontert der 55-Jährige. Er vergleiche sich nicht mit anderen Trainern, habe nur seine eigene Arbeitsweise. Und die seit Jahren: „Ich greife auf Bewährtes zurück. Ich halte es für einen Fehler, jeden Tag alles neu machen zu wollen. Man sieht es ja an der Finanzkrise, die gerade herrscht. Da wollten auch viele zu viel auf einmal verändern. Den Effekt sehen wir jetzt.“
Der traditionelle Aspekt in seiner Arbeit ist Magath wichtig – und brachte ihm den Spitznamen „Quälix“ ein. In der Saisonvorbereitung greift er gern auf die ortsgegebene Topografie zurück, vor allem auf Treppen, die er seine Untergebenen bis zur völligen Erschöpfung rauf- und runtersprinten lässt. Möchte sich ein Spieler den Frust über die hohen Belastungen von der Seele reden, kann er das bei seinem Friseur tun. Einen Sportpsychologen, wie ihn Klinsmann erst bei der Nationalmannschaft und dann beim FC Bayern installierte, wird man in Wolfsburg vergebens suchen.
"Bei uns wird Deutsch gesprochen"
Ebenso wie die Bibliothek, die Lounge mit DJ-Pult oder den Hörsaal mit den Kabinen für die Simultandolmetscher, in denen Klinsmann seinen Profis die Taktik für das kommende Spiel erklärt und übersetzen lässt. „Bei uns in der Mannschaft wird Deutsch gesprochen. Ich lege Wert darauf, dass neue Spieler sich anpassen. Sie müssen sich mit ihrer Umgebung anfreunden. Und das tun sie nicht, wenn sie sich abschotten und nur ihre Sprache sprechen“, sagt Magath.
Es bahnt sich also am Samstag ein Kampf der Philosophien: Wertebewahrer Magath gegen Innovator Klinsmann. Derzeit führt der Traditionalist in der Tabelle der Fußball-Bundesliga mit einem Punkt. Doch egal ob Medizinball oder Medienzeitfenster – am Ende wird sich doch wieder alles am Sinnspruch von Trainer-Urgestein Otto Rehhagel orientieren: „Modern ist, wer gewinnt.“




