Jubelnd und feixend waren sie wieder mal in ihre Umkleidekabine zurückkehrt. Frei von Schadenfreude über den geschlagenen FC Bayern. Aber voller Stolz über ihren bundesweit bestaunten Höhenflug. „Es ist wie ein Traum. Ich weiß gar nicht, was man zu dieser Saison sagen soll“, sagte Verteidiger Christian Schulz nach dem 3:1 über den Rekordmeister aus München.

Wie es dazu kommen konnte, dass Hannover 96 nach 25 Spieltagen mit 15 Siegen als Kandidat für den Einzug in die Champions Lage ernst genommen werden muss und dabei auch noch fünf Punkte Vorsprung auf die Bayern hat, können auch die Hauptdarsteller nur bedingt erklären. „Wir treten einfach als Einheit auf. Und im eigenen Stadion sind wir schwer zu besiegen“, sagte der unscheinbare Mittelfeldspieler Konstantin Rausch, der eine Torvorlage und das 2:0 (51. Minute) beigesteuert hatte.

Keine Angst mehr vor nichts zu haben, das ist bei einer Mannschaft die Grundlage für eine Erfolgsserie, die ihr kaum jemand zugetraut hat. Im Sommer 2010 noch jammerten Trainer Mirko Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke im Gleichklang, als es darum ging, wie schlecht die eigene Mannschaft besetzt sei und wie wenig Zugänge der knauserig gewordene Präsident Martin Kind ihnen bewilligt habe. Mittlerweile stürmt die Mannschaft mit bundesweit völlig unbekannten Spielern wie Manuel Schmiedebach, Moritz Stoppelkamp, Lars Stindl und eben Rausch von einem Erfolg zum nächsten.

„Diese Mannschaft ist in der Lage, einen internationalen Platz zu erreichen. Sie hat eine klare Spielphilosophie und wirkt in sich sehr geschlossen", findet selbst Bundestrainer Joachim Löw. Damit sprach er indirekt auch das Erbe der Spielzeit 2009/2010 an, in welcher der von Depressionen geplagte Torhüter Robert Enke den Freitod wählte. Der frühere 96-Kapitän hatte die Mannschaft vor eine schwere Probe gestellt, die sie bis an den Rand des Abstiegs führte. Aber der Zusammenhalt dieses Teams ist trotz diverser Pleiten und Verunsicherungen seitdem enorm gewachsen.

Denn das Slomka-Team ist frei von Allüren und Egoismen. Es versteht sich als Kollektiv, in dem jeder brav seinen Beitrag leistet. In der Abwehr glänzt der Österreicher Emanuel Pogatetz als kompromissloser Abräumer und gestand nach dem Triumph über die Bayern, dass „ich mir das nicht so leicht vorgestellt hatte“. Im Mittelfeld gefällt sich der Portugiese Sergio Pinto als raubeiniger Abräumer und Spezialist für Fernschüsse, von denen der indisponierte Bayern-Torhüter Thomas Kraft einen zum vorentscheidenden 3:1 durch seine Finger gleiten ließ (61.). Und die Offensive mit dem noch verletzten Didier Ya Konan und dem gegen die Münchener beim 1:0 (16.) erfolgreichen Mohammed Abdellaoue ist darauf ausgerichtet, schnelle Gegenstöße nach Fehlern des Gegners zu vollenden. Die Mehrheit der Konkurrenten, die Hannover 96 in der vergangenen Saison noch gnadenlos abgeschossen haben, kommt mit dem minimalistischen Prinzip der Niedersachsen einfach nicht zurecht.


Wie weit es der Klub bringen kann, wird in Hannover unterschiedlich gedeutet. „Objektiv betrachtet haben wir nicht die nötige Qualität“, sagt Klubchef Kind auf die Frage, ob sein Verein in der Champions League oder Europa League überhaupt richtig aufgehoben wäre. Seine sportliche Leitung sieht es positiver. „Natürlich beschäftigen wir uns jetzt auch mit dem Thema Champions League. Wir können uns nichts Schöneres vorstellen, als uns oben in der Tabelle festzusetzen“, sagt Trainer Slomka. Und Sportdirektor Schmadtke, der mit seinen vielen Billig-Transfers als der heimliche Vater des Erfolges gilt, geht sogar noch einen Schritt weiter. „Ich finde nicht, dass wir an dieser Mannschaft viel ändern müssen, um auch im europäischen Vergleich zu bestehen“, sagt er.

Klubchef Kind will ihn in Kürze zum Geschäftsführer befördern. Denn Schmadtke hat es verstanden, aus wirtschaftlichen Nöten eine Tugend zu machen. Der Verein hatte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust in Höhe von sechs Millionen Euro gemacht. Kostspielige Einkäufe waren fortan nicht mehr möglich, Schmadtke musste in den Nischen des Transfermarktes fündig werden. Er bewies Augenmaß und Treffsicherheit, das nötigt Kind Respekt ab.

„Wir suchen da nach Spielern, wo andere nicht mehr hinsehen“, sagt Schmadtke, der Ya Konan und Abdellaoue in den Niederungen des norwegischen Fußballs entdeckt hat und ihnen den Wechsel zu einem vor einem Jahr noch stark abstiegsgefährdeten Verein schmackhaft machen konnte. „Den jüngsten Erfolg zu bestätigen und zu wiederholen, das wird eine schwere Aufgabe für uns alle“, befürchtet Schmadtke. Popularität kann manchmal auch eine Last sein.