Er geht halt seinen Weg. Ziemlich geradeaus, von ihm aus gesehen.
Geradeaus und möglichst aufwärts. Plötzlich ist Martin Kind (66) dann da, und keiner hat es so richtig mitbekommen. Platz drei in der Bundesliga. Hannover 96 schickt sich an, klammheimlich die Hierarchien des deutschen Fußballs durcheinander zu bringen. Platz drei, das ist die Tür zur Champions League. Platz vier, das ist dagegen nichts. Gar nichts. Der Hort der unerfüllten Wünsche.
Da tummelt sich jetzt der FC Bayern München, etwas peinlich ist das schon. Der Rekordmeister wird im Grunde nur noch hin und her geschubst. Am Samstag sind sie Gegner. „Gelassen und entspannt“, beschreibt Kind die eigene Gemütslage, der Präsident hat mit Spitzenspielen auch keinerlei Erfahrung. „Gegen die Bayern, das ist eines von 17 Heimspielen in dieser Saison. Mehr nicht.“
Alles im neutralen Bereich, versucht er zu vermitteln, vergebens, na klar. Die einzige Besonderheit ist für den Präsidenten die Erkenntnis, dass alle Karten für das heutige Spiel gegen den Rekordmeister an einem Tag ausverkauft waren. „Gewöhnungsbedürftig“, sagt er, aber willkommen. Vorerst hat er genug damit zu tun, überall in der Stadt und im Verein die Erwartungen herunter zu schrauben. Ihm ist das Ergebnis eigentlich wurst. 96 sei der Planung ohnehin längst voraus.
Zehnter wollten sie mal werden, vor der Saison. Gegen den FC Bayern München sei verlieren erlaubt. Aber gewinnen genauso erwünscht, dann wären sie schon fünf Punkte enteilt.
Sollte das tatsächlich passieren, sollte die Europa League, oder gar die Champions League erreicht werden, keine Sorge, ganz Fußball-Deutschland würde sich wundern, aber Martin Kind hat die Szenarien längst durchgespielt. Unterm Strich bleibt: „Wir können nur gewinnen.“ Ihn fürchtet kein sportlicher Gegner, ihn fürchten nur die Mechanismen des Fußball-Geschäfts. „Die Presse wird übertreiben, die Ansprüche werden steigen, sie werden schwer zu erfüllen sein, der Druck wird größer werden. Das Projekt wäre gefährdet, wenn wir nicht vorausschauend arbeiten würden.“
Doch da wird kaum jemand Kind auf dem falschen Fuß erwischen. Er ist Unternehmer, ein Mann schneller Entscheidungen, die Nase immer im Wind, er weiß auch jetzt schon, was zu tun ist im Fall der Fälle. Das Fundament liegt, er nennt es einigermaßen stabil. „Dann brauchen wir eine neue Kommunikationsstrategie, eine bessere Infrastruktur, die taugt für die Bundesliga, aber Europa stellt höhere Ansprüche. Das Ziel, den Charakter der Mannschaft zu verändern, ist schon erreicht, wir werden der Mannschaft weiter vertrauen, das Profil ist gut, Verstärkungen muss und wird es geben.“
Wer nach Gründen für den nach wie vor wundersamen Aufschwung von Hannover 96 in dieser Saison sucht, der wird schnell beim Präsidenten fündig. Die Lage war schlimm, die Selbsttötung von Torwart Robert Enke ließ den Verein 2009 in seinen Fundamenten erzittern, der Abstieg in die Zweite Liga konnte haarscharf vermieden werden. Der Präsident bewies mit der Besetzung der wichtigsten Jobs im Verein ein ruhiges und gutes Händchen, das war nicht immer so gewesen. Die Verträge von Trainer Mirko Slomka und Manager Jörg Schmadtke wurden und werden dieser Tage verlängert, rechtzeitig, denn die Planungen für die Zukunft laufen schon an. „Das Problem werden die hohen Erwartungen sein, das Ziel die Nachhaltigkeit des Erfolges“, hat Kind erkannt.
Er geht seinen Weg, machte das elterliche Geschäft zu Europas Nummer eins in der Hörgeräte-Branche, 1900 Angestellte, Kind-Hörgeräte ist in 65 Ländern aktiv. „Mein Leben ist Arbeit“, sagt er gerne, und „das Unternehmen ist eine Leidenschaft.“ Lieber lässt er sich hier an den Erfolgen messen, weil sie planbarer sind. Der Fußball tickt anders, das hat er gelernt und sich darauf eingestellt. „Unser Tabellenstand ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Arbeit, von richtigen Entscheidungsprozessen in den letzten beiden Jahren.“
So kann es gerne weitergehen. Das entspricht seiner Art und seinem Tempo. Die einen nennen ihn „Rambo“, die anderen „Revolutionär“, „Alleinherrscher“ wird auch gerne genommen. Da lacht der Kind, nach der Selbsteinschätzung als Sonderling der Bundesliga befragt geht auch die Beantwortung wie beinahe alles bei ihm ratzfatz. „Ich bin ein Fremdkörper in dieser Bundesliga, ein Querdenker, habe ja auch keinen Stallgeruch.“ Kratzt ihn das? Natürlich nicht. Martin Kind geht seinen, nur seinen Weg.
Geradeaus. Und am liebsten aufwärts.




