Was Louis van Gaal nun genau gesagt hatte, wollte Thomas Müller nicht erzählen, nur so viel ließ er verlauten: „So laut war es dieses Jahr noch nie in der Kabine.“ Der Trainer des FC Bayern München war gar so stimmgewaltig, dass er bis in die Mixedzone des Borussia-Parks in Mönchengladbach, jener Interviewmöglichkeit für Journalisten, zu hören war. „Ich war sehr enttäuscht und auch ein bisschen böse auf meine Spieler“, erklärte van Gaal später.
Manch einer mag jene lautstarken Schimpftiraden van Gaals als Dünnhäutigkeit werten, nach einer Woche, die das Innenleben des FC Bayern neu sortiert haben dürfte. Acht Tage sind seit der fundamentalen Kritik von Präsident Uli Hoeneß an ihm vergangen. Doch mit dieser simplen Rechnung ist dem Trainer Louis van Gaal nicht gerecht zu werden.
Ein emotionaler Mensch war er schon immer. Einer, der lauter wird, wenn er Dinge bespricht, die ihm nicht passen, der sich auch ohne jene Trillerpfeife Gehör verschaffen kann, die er bei Übungseinheiten um den Hals trägt. Am Samstag jedenfalls hatte van Gaal allen Grund, den Seinen nach dem 3:3 (2:1) beim Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach gehörig die Meinung zu geigen. Es war ein Unentschieden, dass so absurd wie unnötig war.
Nach dem Abpfiff verweilte van Gaal noch minutenlang auf der Bank. Er saß ganz allein dort. In der Hand hielt er seine lederne Schreibmappe, in der er alle Unzulänglichkeiten seiner Schützlinge zu notieren pflegt. Er starrte auf den Rasen, mit leerem Blick, weil er nicht recht glauben konnte, was er zuvor gesehen hatte.
Den Auftritt der Münchner in der ersten Hälfte nannte er das „beste Bayern in dieser Saison“. Trotz der frühen Gladbacher Führung in der 5. Minute, eine verunglückte Flanke von Borussias Patrick Herrmann entwickelte sich zum erfolgreichen Torschuss, marschierten die Münchner unbeirrt nach vorn. Sie dominierten mit Werten, die selbst für van-Gaal-Bayern bemerkenswert sind: 79 Prozent Ballbesitz und 91 Prozent Passgenauigkeit. Dass es zur Pause nur 2:1 für die Münchner stand – Mario Gomez hatte in der 11. Minute zum Ausgleich geköpft, Bastian Schweinsteiger in der 40. Minute mit der Hacke erhöht – war das einzige, aber entscheidende Manko.
Das Spiel in Gladbach offenbarte aber auch alle Schwächen, die die Münchner schon seit einiger Zeit plagen: Ihre desolate Chancenverwertung etwa, allein dreimal trafen sie in der ersten Hälfte Latte oder Pfosten. In der 42. Minute setzte Schweinsteiger gar einen Foulelfmeter allzu lässig ans Aluminium.
Was van Gaal aber zu jenen Unmutsbekundungen trieb, war die fast schon obligatorische 15-minütige Auszeit, die sich seine Schützlinge nach der Pause leisteten, in der sie so agierten, als gehe es um einen sommerlichen Freundschaftskick. „Wir haben mit einer schlechten Viertelstunde unser ganzes Spiel kaputt gemacht, unsere Serie kaputt gemacht und unsere Aufholjagd gestört“, sagte Müller.
Doch von Spielen mit diesem fast schon schizophrenem Verhaltensmuster lassen sich einige finden in dieser Bayern-Saison. Ob nun in der Liga gegen Wolfsburg und in Kaiserslautern, oder aber beim Pokaltriumph gegen Werder Bremen. Selbst jüngst beim 4:0 in der Champions League in Cluj schafften sie es nicht, ein Spiel über 90 Minuten konzentriert zu bestreiten. Gepaart mit den schon seit Monaten offensichtlichen Problemen in der Rückwärtsbewegung ist das eine höchst gefährliche Mischung. Auch gegen Mönchengladbach leisteten die Innenverteidiger Daniel van Buyten und Martin Demichelis sowohl beim 2:2 durch Marco Reus (56.) als auch bei der Gladbacher Führung durch Igor de Camargo (60.) eher Hilfestellung als Gegenwehr.
Wie es so weit kommen konnte? Die Münchner Deutungsversuche blieben dürftig. Zur Pause hatte Mönchengladbachs Trainer Michael Frontzeck seine Formation auf zwei Positionen verändert. Dass sich eine Mannschaft wie der FC Bayern aber von taktischen Umstellungen des Gegners und einer aggressiveren Gangart so dermaßen düpieren lässt, ist unerklärlich. „Wir sind aus der Kabine raus und sagen uns, dass wir es nicht so machen wie in Cluj, wo wir die ersten zehn Minuten verpennt hatten, doch dann passiert genau dasselbe wieder“, sagte Gomez.
Weil Philipp Lahm noch zum späten Ausgleich traf (84.), werten sie das zumindest als Beweis für intakte Moral. Dennoch sprachen die Oberen von einer „gefühlten Niederlage“ (Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge), weil die angekündigte Klettertour recht abrupt gestoppt wurde. Immerhin habe München einen Punkt auf den einstigen Tabellenprimus Mainz aufgeholt, befand van Gaal. Es war ein Statement mit reichlich Trotz, die Ansprüche in München sind weit ambitionierter, auch van Gaals. Ob sie denn noch an die Meisterschaft glauben, wurde Sportdirektor Christian Nerlinger gefragt. „Natürlich glauben wir noch daran“, sagte er.
In Frankfurt plauderte Franz Beckenbauer, Bayern-Präsident ehrenhalber, ebenfalls über den Sachverhalt. Er tat es in seiner nonchalanten Art. Angesichts der Gegebenheiten sinnierte er schon über eine Saison ohne Meistertitel. „Dann wird’s halt ein anderer“, sagte Beckenbauer. „So schlimm ist das nicht.“ Jene Sichtweise der Gemengelage dürfte er zumindest im Bayern-Tross exklusiv haben.


