Depressionen

Die Einsamkeit und Selbstzweifel der Sportler

In der Öffentlichkeit sind Sportstars für viele Menschen Vorbilder und Idole. Sie haben Erfolg, sind finanziell abgesichert und müssen sich wenig Sorgen machen. Doch oft plagen Selbstzweifel. Daher suchen Athleten wie Britta Steffen, Sven Hannawald oder auch Sebastian Deisler professionelle Hilfe von Psychologen.

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Die Welt liegt ihnen zu Füßen, sie werden nach ihren Erfolgen als die Götter der Neuzeit verehrt - doch im Inneren von vielen Superstars des Sports nagt der Selbstzweifel. Viele der letztlich allzu menschlichen Idole suchen - mal mehr und mal weniger freiwillig - die Hilfe von Psychologen. Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen, der zweimalige Skisprung-Weltmeister Sven Hannawald und der frühere Fußball-Nationalspieler Sebastian Deisler, einst Teamkollege von Robert Enke, haben mit professioneller Unterstützung ihren Lebensweg gefunden.

Steffen arbeitet seit langem mit der Psychologin Friedrike Janofske zusammen. „Vor unserer Zusammenarbeit habe ich mich nur übers Schwimmen definiert, das hat mich gehemmt“, sagte Steffen im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". „Heute weiß ich, dass ich auch dann Anerkennung finde, wenn ich keine gute Sportlerin bin. Ich habe das Menschsein gelernt.“

Deisler galt als Hoffnungsträger des deutschen Fußballs, verlor aber bereits bei seiner zweiten Station Hertha BSC Berlin die Freude am Spiel. „Ich bin unglücklich geworden, als ich versucht habe, andere glücklich zu machen. Ich fühlte mich wie ein trauriger Clown“, sagte Deisler. 2007 beendete er mit nur 27 Jahren seine Karriere - eine Befreiung für den sensiblen Ballkünstler.

Im Leistungssport herrscht eine besondere Situation, der Druck auf eine einzelne Person ist mit dem auf einen normalen Arbeitgeber nicht zu vergleichen. „Egal welchen Sport man betreibt, man führt ein Leben im Zeitraffer. Es gibt viele Emotionen, positive wie negative. Man lebt mit der permanenten Angst, sich zu verletzen und den Anschluss zu verlieren“, sagt der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche.

Radprofis, meint Jaksche über seine früheren Berufskollegen, müssten vielleicht schon von Natur aus belastbarer sein. Täglich fünf Stunden Training, täglich fünf Stunden Schmerz. „Der Druck ist groß. Oft gibt es nur kurze Verträge, die soziale Absicherung ist gering“, sagt Jaksche. Das raube dem Körper und dem Geist die Kraft.

In der Öffentlichkeit wurden gerade Radsportler häufig als Helden wie einst Jan Ullrich oder Marco Pantani dargestellt. „Das heißt aber nicht“, betont Jaksche, „dass jemand, der die Tour de France gewinnt, kein labiler Mensch sein kann. Ein Marco Pantani war zum Beispiel ein ganz sensibler Mensch.“

Jener Pantani verstarb einsam in einem Hotelzimmer. Wie auch jüngst der Belgier Frank Vandenbroucke. Beide litten an teilweise schweren Depressionen. Jaksche selbst hat während seiner Karriere nie psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Ohnehin hatte es das Angebot seitens seiner Arbeitgeber in der knallharten Sportart auf zwei Rädern nie gegeben.

Das einst umjubelte Teenie-Idol Sven Hannawald musste schon während seiner aktiven Zeit professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Burn-out-Syndrom riss den Schanzenstar, der als bisher Einziger alle Springen einer Vierschanzentournee gewann, aus dem Leben.

Mit einer Psychologin fand er den Weg zurück, seine glanzvolle Karriere war jedoch vorbei. Hannawald telefoniert noch ab und zu mit der Psychologin, sie sind lose befreundet, erklärte er im vergangenen Winter. „Mit Therapie hat das aber nichts mehr zu tun“, sagt der 35-Jährige.

Der Deutsche Skiverband (DSV) bietet seinen Athleten kostenlos mentale Unterstützung an, es liegt an den Sportlern, diese auch anzunehmen. „Es geht nicht um schneller, höher, weiter. Man muss auch Lebenshilfe leisten“, sagt ein DSV-Sprecher.

Nicht nur der DSV auch der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) oder der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) lassen ihre Sportler von einem Psychologen begleiten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schickt zu den Winterspielen nach Vancouver sogar zwei Pfarrer.

Verständnis für die Zerbrechlichkeit von Sportstars gibt es allerdings nicht von allen Seiten. Andre Agassi legte jüngst in einem Buch über seine Karriere dar, wie ihn Versagensangst und Einsamkeit zu Drogen getrieben habe. „Das Leben, das ich damals führte, hatte ich gar nicht selbst gewählt. Ich war deprimiert. Ich hatte wirkliche Depressionen. Man sprach nicht darüber“, sagte Agassi dem ZDF.

Von früheren Wegbegleitern wie Martina Navratilova und Boris Becker erntete Agassi für sein Geständnis Kritik. Der heutige Ehemann von Steffi Graf kann das überhaupt nicht verstehen: „Ich würde mir wünschen, dass mit solcher Kritik auch etwas Mitgefühl verbunden wäre, dass ich in meiner damaligen Situation keine Verurteilung, sondern vielmehr Hilfe gebraucht hätte.“