Die Reise zurück ins Arbeitsleben begann am frühen Sonntagmorgen, und sie führte über Genf und Zürich zunächst nach Bielefeld, wo Lucien Favre ein wenig Zweitliga-Fußball gucken wollte. Doch dann, so erzählte er es gestern, riefen die Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach an zu finalen Gesprächen über eine Anstellung als Trainer. Zu einer Zeit also, zu der Michael Frontzeck noch davon ausging, „dass ich meinen Vertrag erfülle“, stand sein Nachfolger beim Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga insgeheim schon fest. Am Montagnachmittag gab der Traditionsklub die Personalie offiziell bekannt. Favre erhält einen Vertrag bis Sommer 2013, der auch für die Zweite Liga Gültigkeit besitzt.

Gladbach und Favre – zwei finden da zusammen, für die es die letzte Chance ist. Nach acht Niederlagen in den vergangenen zehn Spielen, zuletzt gegen die direkten Konkurrenten VfB Stuttgart (2:3) und FC St.Pauli (1:3), knüpft der fünfmalige Deutsche Meister sein Schicksal an das Wirken des zuletzt eineinhalb Jahre arbeitslosen Schweizers. Nach der Trennung von Frontzeck war Favre laut Sportdirektor Max Eberl nicht nur der „Wunschtrainer“, sondern auch der „erste und einzige Kandidat“. Dabei war Favre bei seiner ersten Deutschland-Station bei Hertha BSC vor allem daran gescheitert, kein Trainer für Krise und Abstiegskampf zu sein. Im Herbst 2009 war er auf Tabellenplatz18 entlassen worden, und auf diesen letzten Platz kehrt er an neuer Wirkungsstätte nun zurück. Schon sieben Punkte liegt die Borussia hinter Platz 15 – und das Restprogramm hat es, beginnend mit dem Heimspiel am Sonntag gegen Schalke04, durchaus in sich. Nach 1999 und 2007 droht der nächste Sturz in die graue Zweitklassigkeit.

„Wir haben nicht viel Zeit“

Doch Favre glaubt an seine bislang nicht bekannten Qualitäten als Retter. „Wir haben nicht viel Zeit. Daher müssen wir präzise arbeiten und die Fehler sofort korrigieren.“ Er habe sich weiterentwickelt, behauptet der Mann, der in Berlin als Zauderer galt. Jetzt sagt er fest: „Alle Gedanken richten sich auf die große Herausforderung, den Abstieg zu verhindern. Die Chance dazu ist da. Meine Vorfreude auf diese Aufgabe ist riesengroß.“

Der Fußballlehrer nimmt für sich außerdem in Anspruch, durch seine Beobachterrolle aus der Ferne „alle Mannschaften in der Bundesliga in- und auswendig“ zu kennen. Damit dürfte ihm auch geläufig sein, dass seine neue Mannschaft nur in einer Hinsicht Spitze ist: beim eklatanten Mangel an Disziplin. Nach schon sieben Platzverweisen in dieser Saison ist der Bundesligarekord von HSV, 1860 München und Dynamo Dresden noch eine Hinausstellung entfernt. Immerhin wurde Offensivkraft Ivan de Camargo für seinen versuchten Kopfstoß am Sonnabend gegen St. Paulis Matthias Lehmann gestern nur für eine Partie gesperrt.

Mönchengladbach sieht in Favre aber auch den Trainer, der nach einem Abstieg eine Mannschaft formen kann, die postwendend die Rückkehr in Liga eins schafft. Aus geringen finanziellen Mitteln ein taktisch bestens geschultes Team zu entwickeln, ist immerhin die Paradedisziplin des 53 Jahre alten Tüftlers. Favres Vorstellung von Fußball ist auf Ballbesitz und viel Bewegung aufgebaut. Hertha galt zu seiner besten Zeit im Frühjahr 2009 als die Mannschaft, die vielleicht nicht den attraktivsten, aber was die Zirkulation des Balles angeht doch schnellsten Fußball der Bundesliga spielte.

Wenn Favre sagt, in Gladbach zu arbeiten, sei „fantastisch und ein Traum für mich“, gehen diese Worte über die branchenüblichen Nettigkeitsfloskeln hinaus. Denn schon früher hätte diese Verbindung zustande kommen können, viel früher. Schon dass Frontzeck überhaupt Trainer der Borussia wurde, hat mit Favre zu tun. Vor der Anstellung des nun geschassten Übungsleiters im Sommer 2009 schwärmte Eberl von den fachlichen Qualitäten Favres, der da Hertha fast in die Champions League geführt hatte. Prompt wurde er von HamburgerSV und Bayer Leverkusen umgarnt. Klubs mit glänzenden Zukunftsperspektiven, aber aus verschiedenen Gründen uninteressant für Favre. Der Romantiker aus dem Romand erwärmte sich stattdessen am meisten für das Interesse aus Mönchengladbach, „dem Klub von Netzer und Heynckes“, wie er damals gegenüber Vertrauten genussvoll raunte.

Letztlich blieb Favre in Berlin, wo Hertha BSC sich gerade vom übermächtigen Manager Dieter Hoeneß losgesagt hatte. Der Trainer bestritt sogar bei einer skurrilen Pressekonferenz, diese Trennung mitbetrieben zu haben. Nicht viel fehlte nun, und Favre und Hoeneß hätten erneut zueinander gefunden. Denn Mönchengladbach war nur eine von zwei kurzfristigen Jobperspektiven für den Schweizer. Schon im Frühjahr vergangenen Jahres hatten sich die Streithähne von einst an Hoeneß' neuem Arbeitsplatz Wolfsburg ausgesprochen. Am Montag vergangener Woche, dem Tag der Trennung des VfL vom englischen Trainer Steve McClaren, hatte Hoeneß Favre aus der Schweiz im Firmenjet nach Braunschweig einfliegen lassen – was offiziell dementiert wird. Die Gespräche waren fortgeschritten, doch soll Favre nur ein Vertrag bis Saisonende geboten worden sein. Danach hörten beide Seiten nichts mehr voneinander. Jetzt sind sie wieder Rivalen – im Abstiegskampf.