Wettskandal

War St. Paulis Spiel gegen Lautern manipuliert?

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Sven Flohr

Foto: Getty / Getty/Bongarts

Aktuelle Spieler des FC St. Pauli stehen unter Verdacht. Es gibt Hinweise auf Manipulationen beim Spiel in Kaiserslautern, als drei Treffer in 13 Minuten fielen.

Plötzlich gab es Millionen von Zeugen auf der ganzen Welt. Wegen Madonna. Die hatte mit einem Konzert in Frankfurt den Rasen dermaßen ruiniert, dass drei Tage später an Fußball nicht zu denken war. Das Freitagabendspiel der Eintracht gegen Karlsruhe wurde verlegt. Die Deutsche Fußball Liga ließ am 12. September 2008 stattdessen eine Zweiligapartie weltweit live übertragen, und genau dieses Spiel steht seit Montag unter massivem Manipulationsverdacht. Der FC St. Pauli verlor damals 1:4 (1:1) beim 1. FC Kaiserslautern.

Offenbar gerät der Klub vom Hamburger Kiez immer tiefer in den Wettskandal, den die Bochumer Staatsanwaltschaft seit Monaten aufzudecken versucht. Nach Recherchen des ARD-Magazins „Fakt“ hat einer der Hauptverdächtigen im Prozess gegen die Wettmafia auch Profis der aktuellen Bundesliga-Mannschaft der Spielmanipulation bezichtigt. Bei seinen Vernehmungen brachte Marijo C. die Namen von insgesamt sechs ehemaligen und aktuellen Akteuren des Klubs ins Spiel. Auch weitere Partien stehen unter Verdacht. So gebe es Hinweise auf die Niederlage in Kaiserslautern.

Mehrere Auffälligkeiten

Tatsächlich gab es in dem Spiel damals einige Auffälligkeiten. Bis tief in die zweite Hälfte stand es 1:1, ehe Kaiserslautern binnen 13 Minuten drei Tore erzielte – zwei der vier FCK-Tore waren Abwehrfehler vorausgegangen. Und: St. Pauli beendete das Spiel mit nur zehn Männern. Der defensive Mittelfeldspieler Marc Gouiffe à Goufan hatte die Rote Karte gesehen, nachdem er den gegnerischen Torwart relativ motivationslos umgerissen hatte – sein zweiter Platzverweis am vierten Spieltag. Trainer Holger Stanislawski sagte der „Bild“ nach dem Spiel: „Da muss mich mal einer kneifen. Ich muss mir noch einmal ansehen, was ab der 61. Minute passiert ist.“

Die beste Note im „Kicker“ für einen Hamburger Feldspieler war damals eine „4“, gleich vier Profis wurden mit einer „5“ bewertet. Unter ihnen auch Rene Schnitzler, der die vollen 90 Minuten auf dem Platz stand. Der Stürmer hatte vor wenigen Wochen in einem Interview gestanden, mehr als 100.000 Euro Bestechungsgeld von der Wettmafia angenommen zu haben. Dafür habe er 2008 fünf Spiele seines damaligen Vereins St. Pauli manipulieren sollen. Es handelt sich neben zwei Spielen gegen den FSV Mainz 05 um Zweitligaduelle mit Hansa Rostock, dem FC Augsburg und dem MSV Duisburg. Schnitzler bestreitet, die Spiele beeinflusst zu haben. Das Geld habe er im Kasino verspielt.

Nun sind weitere Partien und fünf neue Namen dazu gekommen. Marijo C. gibt laut „Fakt“ an, er selbst habe sich an zwei von drei vermeintlich manipulierten Begegnungen beteiligt – in zwei Fällen mit Wetteinsätzen, in einem Fall mit Bestechungsgeld in Höhe von 50.000 Euro. Dass Spieler der aktuellen Bundesligamannschaft unter Verdacht sind, ist eine neue Qualität. Gleich acht standen damals während des Kaiserslautern-Spiels auf dem Platz: Matthias Hain, Carsten Rothenbach, Marcel Eger, Ralph Gunesch, Fabian Boll, Florian Bruns, Timo Schultz und Rouwen Hennings.

„Wir sind uns sicher, dass diese ganzen Dinge beim Kontrollausschuss des DFB und bei der Staatsanwaltschaft Bochum in guten Händen sind“ sagte Helmut Schulte, St. Paulis Sportdirektor, „Morgenpost Online“. Darüber hinaus werde es von Vereinsseite keine weitere Stellungnahme geben. Tatsächlich ist die Aussage von Marijo C. mit Vorsicht zu genießen. Schließlich kommt sie von einem mutmaßlichen Betrüger, der um ein mildes Strafmaß ringt. Allerdings führte er die Fahnder auch auf Schnitzlers Fährte.

Insgesamt stehen nunmehr 69 deutsche Spiele bei der Bochumer Staatsanwaltschaft unter Manipulationsverdacht. C. gilt neben Ante S. als Drahtzieher. Er steht neben fünf anderen Angeklagten von Anfang März an in Bochum vor Gericht. Laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die am 29. Dezember fertiggestellt wurde und insgesamt 287 Seiten umfasst, soll Marijo C. von Juni 2008 bis zu seiner Verhaftung im November 2009 europaweit 46 Fußballspiele verschoben haben und sein Insiderwissen beim Wetten genutzt haben. Allein auf einem Wettkonto in London sollen drei der Beschuldigten in knapp einem Jahr 32 Millionen Euro umgesetzt haben. Mutmaßlicher Gewinn laut Anklageschrift: 3,5 Millionen Euro.