Morgenpost Online: Herr Sammer, Sie waren als Spieler und Trainer von Borussia Dortmund bei insgesamt 14 Derbys gegen Schalke dabei. Ist das Aufeinandertreffen der beiden Erzrivalen wirklich so wichtig?

Matthias Sammer: Ja, für die Fans ist dies das wichtigste Spiel. Die Identifikation mit ihren Klubs ist im Ruhrgebiet ungewöhnlich groß. Vor jedem Derby ist ein Kribbeln zu spüren, das die Region erfasst. Allerdings haben wir in Dortmund schon in den 90er Jahren auch daran gearbeitet, dass es nicht der einzige Anspruch des Vereines sein kann, die zwei Derbys der Saison zu gewinnen und ansonsten nicht abzusteigen. Um den BVB sportlich voranzubringen, war es unabdingbar, die Bedeutung der Duelle mit Schalke zu relativieren. Das war die Basis für den Aufschwung des Klubs und für ein vernünftiges Miteinander mit den Schalkern.

Morgenpost Online: Macht es einen Unterschied, ob man als Spieler oder Trainer in ein Derby geht?

Sammer: Nein, ich habe es nicht anders empfunden. Ich habe immer versucht, mein Anspruchsdenken nicht nur auf den Rivalen zu richten, sondern meine Ziele für mich selbst klar zu definieren. Da ist der jeweilige Gegner ein Teil der Gesamtplanung, aber eben nur einer von vielen.

Morgenpost Online: Am Freitag treffen sich die Klubs unter denkbar verschiedenen Vorzeichen. Beginnen wir bei den Dortmundern. Spielen sie die perfekte Saison?

Sammer: Ja. Vor allem, weil sie sich nach kleineren Rückschlägen immer wieder aufgerappelt haben. Ich erinnere an das 1:1 zu Beginn der Rückrunde gegen den VfB Stuttgart oder die Niederlage in der Hinrunde gegen Eintracht Frankfurt. Nun haben sie beim 3:0 in Wolfsburg eine deutliche Demonstration ihrer Stärke gegeben. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen, denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass es immer noch eine junge Mannschaft ist, die sich in der Entwicklung befindet. Darum ist es durchaus von Vorteil, nicht mehr im Europa- oder DFB-Pokal zu spielen, sondern nur auf einer Hochzeit zu tanzen. Das machen sie mit Bestnote.

Morgenpost Online: Anders Schalke…

Sammer: Sie stehen auf dem elften Platz und genügen derzeit sicher nicht den Ansprüchen, die sie an sich selbst gestellt haben. Sie hätten sicher selbst nicht damit gerechnet, so in die Rückrunde zu starten, weil sie sich eine höhere physische Stabilität versprochen hatten. Aber diese Mannschaft befindet sich weiterhin wie kaum eine andere der Bundesliga im Umbruch. Und sie sind im Halbfinale des DFB-Pokal und noch in der Champions League. Darum sollte man Schalke nicht abschreiben.

Morgenpost Online: Manager Felix Magath hat in seinen anderthalb Jahren auf Schalke 39 Spieler geholt.

Sammer: Das ist eine Menge, ohne Frage. Aber Magath ist mit der ausdrücklichen Maßgabe geholt worden, Schalke seinen Stempel aufzudrücken, dafür wurden ihm alle Freiheiten eingeräumt. Das nutzt er nun. Wer Felix Magath holt, der weiß, dass er jemand ist, der sein Ding durchzieht. Und bislang hat er ja auch stets ein gutes Gespür bewiesen. Darum muss Schalke Magath vertrauen. In der Wolfsburger Meistersaison stand er bis zur Winterpause auch in der Kritik. Ein halbes Jahr später haben ihm alle auf die Schultern geklopft.

Morgenpost Online: Dennoch: Riskiert Magath nicht mit den vielen Verpflichtungen nicht, dass die Fans die Identifikation mit dem Verein verlieren?

Sammer: Schalke ist ein Traditionsverein mit Fans, die hochemotional sind und reagieren, wenn ihnen etwas nicht passt. Den Gegebenheiten muss man sich als Verein stellen und dem Verantwortlichem, in diesem Fall Felix Magath, das Vertrauen aussprechen. Anders geht es nicht.

Morgenpost Online: Sie glauben nicht, dass es zum endgültigen Bruch zwischen Magath und den Fans kommen könnte? Der Konflikt schwelt ja schon seit Saisonbeginn.

Sammer: Das glaube ich nicht. Ende der vergangenen Saison wurde er gefeiert für Platz zwei. Bei Schalke sitzen mit Magath, dem Sportdirektor Horst Heldt und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies fähige Leute, die den Verein führen und bald wieder in die Erfolgsspur bringen werden. Dann werden die Diskussionen von selbst verstummen.

Morgenpost Online: In Dortmund hingegen herrscht Euphorie. Ist die Entwicklung nachhaltig?

Sammer: Absolut. In der vergangenen Saison schafften sie den Sprung in die Europa League, im Jahr davor verpassten sie sie nur knapp. Was wir jetzt sehen, ist der nächste Schritt – wenn auch ein gewaltiger. Der Verein kann sich auf Dauer in der Spitzengruppe der Bundesliga etablieren.

Morgenpost Online: Also zum Dauerkonkurrenten des FC Bayern werden?

Sammer: Da muss man aufpassen. Die Dortmunder sollten sich nicht am FC Bayern orientieren, sondern eine eigene Identität pflegen.