Reinhard Rauball

"Nur England ist für uns vorerst unerreichbar"

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Lars Wallrodt

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Liga-Präsident Reinhard Rauball spricht im Interview mit Morgenpost Online über die deutsche Aufholjagd in Europa und eine große Gefahr für die Klubs.

Vor zehn Jahren tat der deutsche Profifußball einen entscheidenden Schritt: Der Ligaverband wurde gegründet, die Vereine der ersten und zweiten Liga lösten sich aus dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) heraus. Die neue Selbsthändigkeit in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zahlte sich aus. Heute stehen die deutschen Klubs besser da denn je, bestätigt Reinhard Rauball (63), Präsident des Ligaverbandes und von Borussia Dortmund.

Morgenpost Online: Im Champions-League-Achtelfinale kommt es zur Neuauflage des Endspiels der vergangenen Saison: Bayern gegen Inter.

Reinhard Rauball: In der Tat eine packende Partie mit offenem Ausgang. Ich drücke dem FC Bayern die Daumen, dass die Revanche gelingt.

Morgenpost Online: Ist die Bundesliga heute wieder auf Augenhöhe mit den anderen großen Ligen?

Rauball: Mindestens. Ein Blick auf das Uefa-Ranking zeigt, dass wir auf der Zielgerade sind, um an den Italienern vorbeizuziehen. Mittelfristig werden wir auch die Spanier überholen können. Nur die Engländer sind erst einmal unerreichbar. Wir haben aber die solidere und wirtschaftlich nachhaltigere Grundstruktur. Das lässt mich hoffen, dass wir in den nächsten zehn Jahren auch deutlich näher an die Engländer herankommen werden. Wir brauchen uns hinter niemandem zu verstecken.

Morgenpost Online: Allerdings wurde auf der vergangenen Liga-Vollversammlung auch beschlossen, dass die verschuldeten Klubs bis zur neuen Saison ihre Verbindlichkeiten reduzieren müssen.

Rauball: Daran möge man erkennen, wie ernst wir das Thema nehmen. Die Liga und ihre Klubs konnten in den vergangenen Jahren immer neue Rekordzahlen vermelden. Aber die größten Fehler – das lehrt die Geschichte – werden im Erfolg gemacht. Deswegen wollen wir uns jetzt nicht ausruhen, sondern haben Maßnahmen getroffen, das negative Eigenkapital dieser Klubs zu reduzieren. In der fast fünfzigjährigen Geschichte der Bundesliga und Zweiten Liga ist noch nie ein Verein während der Saison in Konkurs gegangen. Das soll so bleiben.

Morgenpost Online: Wird das Financial Fairplay, mit der die Uefa bald die Schuldenflut der europäischen Klubs beschränken will, ein Vorteil für die deutschen Klubs?

Rauball: In aller Bescheidenheit: Das Financial Fairplay ist ja weitgehend aufgebaut auf dem Lizenzierungsverfahren der Bundesliga. Unser System wird in Europa als vorbildlich erachtet. Es wurde dringend Zeit, international gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Davon werden die deutschen Vereine in hohem Maße profitieren.

Morgenpost Online: Am 18. Dezember 2000 wurde der Ligaverband gegründet. Sind zehn Jahre ein Grund zum Feiern?

Rauball: Es ist ja nur ein kleines Jubiläum. aber zehn Jahre in diesem schnelllebigen Fußballgeschäft sind allemal ein Grund, mit ein wenig Stolz zurückzublicken. Der Ligaverband hat nach anfänglichen Schwierigkeiten heute einen Stellenwert erreicht, der sich sehen lassen kann. Die Liga hat sich als feste Größe im deutschen Sport etabliert- auch und gerade wegen der hervorragenden Arbeit bei den Vereinen.

Morgenpost Online: Sie hatten im Jahr 2000 kein Amt im Sport inne. Wie haben Sie die Loslösung vom DFB erlebt?

Rauball: Ich habe sie mit großem Interesse verfolgt. Schon zu meiner ersten Amtszeit als Dortmunder Präsident (1979 bis 1982; die Red.) habe ich gesagt, dass es eigentlich nicht sein kann, dass die Bundesliga vom DFB geführt wird, sondern der Amateur- und Profibereich klar getrennt sein müssen. Das haben mir damals einige Leute beim DFB krumm genommen.

Morgenpost Online: Ist der Weg des Ligaverbandes und der DFL eine Erfolgsgeschichte?

Rauball: Aus heutiger Sicht ja. Es hat sich bewahrheitet, was die Gründerväter um Werner Hackmann, Gerhard Mayer-Vorfelder, Wilfried Straub und Wolfgang Holzhäuser im Jahr 2000 geplant haben. Wir handeln heute noch im Sinne der damaligen Philosophie. Aber selbstverständlich war die Erfolgsgeschichte nicht. Am Anfang gab es viele Reibungsverluste, das Vertrauensverhältnis zwischen DFB und Liga musste erst aufgebaut werden. Beide Seiten sind mit der neuen Konzeption dann aber zunehmend professionell umgegangen, und heute haben wir ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe.

Morgenpost Online: Das nicht immer reibungsfrei ist. Stichwort: Vereinsinteressen gegen die Interessen der Nationalmannschaft.

Rauball: Es gibt natürlich unterschiedliche Interessenlagen, das bleibt nicht aus. Aber die Art und Weise, wie diese Konflikte gelöst werden, ist ausgezeichnet. Das Verhältnis ist völlig intakt.

Morgenpost Online: Was ist das drängendste Problem des deutschen Fußballs?

Rauball: Wir dürfen die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Klubs nicht ohne Not gefährden. Traditionell müssen die Vereine ja die Stimmen-Mehrheit an ihrer Profiabteilung halten. Dagegen hat Hannover 96 geklagt. Durch das Ende der sogenannten „50+1-Regel“ könnte eine Tür geöffnet werden, die möglicherweise nie wieder geschlossen werden kann. Das Schiedsgerichtsverfahren wird voraussichtlich im ersten Quartal des kommenden Jahres vonstatten gehen. Die 36 Clubs des Ligaverbandes haben sich bei einer Gegenstimme von Hannover 96 klar zu Gunsten der 50+1-Regel positioniert.

Morgenpost Online: Was befürchten Sie?

Rauball: Der Profi-Fußball in Deutschland ist so populär wie noch nie und im Vergleich zu anderen Ligen insgesamt wirtschaftlich stabil. Darauf können wir stolz sein. Viele andere Länder beneiden uns für den nachhaltigen Weg, den die Bundesliga gegangen ist. Das dürfen wir uns nicht kleinreden lassen. Ohne den Schutzschirm der bestehenden Regelung werden die Klubs Gefahren ausgesetzt, die wir heute noch gar nicht absehen können. Das zeigt der Blick über die Ländergrenzen, wo der FC Portsmouth oder Real Mallorca Insolvenz angemeldet haben. In der zweiten italienischen Liga konnten viele Vereine monatelang keine Gehälter zahlen. Außerdem wird das Grundvertrauen der Fans erschüttert, wenn Investoren ihre Klubs übernehmen. Ich erinnere an die Kämpfe bei Manchester United und dem FC Liverpool.

Morgenpost Online: Würden Sie als Präsident zurücktreten, wenn die „50+1-Regel“ fällt?

Rauball: Nein. Das ist kein K.o.-Kriterium, aber eine ganz wichtige Weichenstellung für den deutschen Fußball.

Morgenpost Online: Im kommenden Jahr wird der neue TV-Vertrag ausgehandelt. Was ist zu erwarten?

Rauball: Ich werde bei so einem sensiblen und kartellrechtlich schwierigen Thema keine öffentlichen Forderungen stellen. Dafür sind die Einnahmen aus der Fernseh-Vermarktung zu wichtig. Klar ist aber auch: Der deutsche Medienmarkt ist einer komplexesten der Welt. Wir dürfen keine Traumschlösser bauen und müssen realistisch bleiben.

Morgenpost Online: Das Kartellamt machte den Plänen der DFL beim letzten Mal einen Strich durch die Rechnung.

Rauball: Darum sind wir bereits jetzt – so frühzeitig wie noch nie vor einer Ausschreibung - mit dem Kartellamt im Gespräch. So können eventuell unterschiedliche Auffassungen frühzeitig identifiziert werden.