Der Arbeitsalltag ist für den einstigen Langzeitarbeitslosen Mirko Slomka ernüchternd. 647 Tage war er nach seiner Entlassung bei Schalke ohne Beschäftigung. Als neuer Trainer von Hannover 96 aber, das dürfte ihm gestern bei Mainz 05 klar geworden sein, hat er es mit einer besonderen Herausforderung zu tun. Sein Team verlor nach einem Treffer von Andre Schürrle (4. Minute) 0:1. Slomka blieb nur die Erkenntnis, dass durch bloßes Handauflegen dem Übel nicht beizukommen ist.
Schon vor dem Spiel war die Frage, ob die Mannschaft unter neuem Geleit endlich den Schicksalsschlag verarbeiten könne, der die Spieler nach dem Selbstmord ihres Torwarts Robert Enke im November heimgesucht hat. Seitdem hat Hannover kein Spiel mehr gewinnen können, was am Dienstag in der Entlassung von Slomkas Vorgänger Andreas Bergmann mündete. Schon dessen Wirken war in eine erfolgreiche Periode vor dem Freitod von Enke und eine Misserfolgsserie nach dessen Ableben geteilt.
Bergmann sagt: „Ich habe die Jungs in die Spur gebracht. Dann kam die Enke-Tragödie, durch die den Spielern auch sportlich etwas weggebrochen ist. Ich hätte gern die aktuelle Krise noch gemeistert. Nach Enkes Tod wurde viel über Sensibilität gesprochen. Aber so ist das Geschäft eben.“
Tatsächlich wurde in Hannover nach dem Absturz in der Tabelle konsequent daran gearbeitet, das Thema Enke für beendet zu erklären. So stellte Sportchef Jörg Schmadtke ein bittersüßes Zeugnis aus. Bergmann habe die Gruppe „in der Phase nach der furchtbaren Tragödie um Enke gefühlvoll geleitet. Ich habe aber nicht mehr das Gefühl, dass er der Mannschaft die nötigen Impulse für den Verbleib in der Bundesliga geben kann“.
Mit anderen Worten: Genug der Streicheleinheiten, jetzt muss auf die raue Art mit der Mannschaft umgegangen werden. Slomka ließ schon wissen, er könne „kein Trainer und gleichzeitig Seelsorger sein. Ich bin menschlich und erreichbar. Manchmal ist es aber notwendig, eiskalt zu handeln“. Ein Credo, das Klubchef Martin Kind gefallen dürfte. Der hakte das Thema mit der ihm eigenen Nüchternheit ab. „Es sterben täglich Menschen. In Familien, in Unternehmen. Aber die Arbeit geht weiter“, sagte er.
Genau in diesem sozialen Spektrum aber tun sich die Parallelen zur Mannschaft von Hannover 96 auf. Ein mit dem unerwarteten Tod eines Mitspielers konfrontiertes Team sei vergleichbar mit einer Familie oder Belegschaft eines kleinen Betriebes, aus deren Mitte plötzlich ein geliebter Mensch oder geschätzter Kollege entrissen wurde, skizziert der Sportpsychologe Bernd Strauß von der Universität Münster. „Man darf es sich nicht so vorstellen, dass die Spieler auf dem Platz darüber nachdenken. Dennoch ist es erst einmal ein Ereignis, dass sehr viel Aufmerksamkeit zieht. Klar kann es enorm in die Mannschaft eingreifen“, sagt er.
Selbst die jüngsten Aussagen der Spieler bestätigen das. Zwar betonen die meisten, dass Enkes Tod nicht als Ausrede herhalten könne. Sie sagen aber auch, dass es sie massiv beschäftigt habe. Wie etwa Mittelfeldspieler Hanno Balitsch. „Natürlich hat der Tod von Robert hier etwas verändert. In den ersten zwei Wochen ging es nur darum zu funktionieren. Wir waren durch Trauer und Schmerz nur darum bemüht, das Spiel halbwegs über die Bühne zu bekommen. An drei Punkte oder einen Sieg haben wir nicht gedacht“, sagt er.
Dadurch aber ist Hannover in den Teufelskreis geraten. Im Spitzensport braucht es die Fokussierung auf den Erfolg, um siegen zu können. Durch Enkes Tod war das nicht möglich. Weil Siege ausblieben, verselbständigte sich die Spirale des Abstiegs dann noch auf einer anderen psychologischen Ebene: das Selbstvertrauen der Mannschaft schwand. Deren Stärke war in den vergangenen Jahren, dass sie zusammenrückte, wenn es brenzlig wurde. Das, heißt es aus Teamkreisen, klappe seit einiger Zeit nicht.
Zudem bemängeln Hannovers Führungsspieler hinter vorgehaltener Hand, dass es zwischen Anspruchsdenken der Klubspitze und der Wirklichkeit eine Kluft gibt. Der Verein strebt nach Höherem, das Personal aber ist dazu nicht geeignet. Professor Strauß, an sich überhaupt kein Befürworter von Trainerwechseln, glaubt nicht nur deswegen, dass es gut war, mit Slomka einen Neuanfang einzuleiten – auch wenn sich der Erfolg noch nicht eingestellt hat. „Aber manches bekommt wieder eine neue Bedeutung durch Symbole“, sagt Strauß.
Als solches muss Slomka nun herhalten. Er führt die Spieler im Gegensatz zu Bergmann mit Trillerpfeife, mehr Schichten an Trainingstagen und rauem Ton: „Hey, beweg dich“ oder „Hey, das war ein Scheißball“. Auch Schmadtke, ein Symbol aus alten, traurigen und erfolglosen Tagen, kommt nicht ungeschoren davon. Bei Bergmann durfte er auf der Trainerbank Platz nehmen, Slomka dirigierte ihn gestern auf die Tribüne. Mitarbeit: fs, laga





