Angst zu verbreiten will gelernt sein. Trainer Louis van Gaal vom FC Bayern München jedenfalls hatte nach dem Sieg über die TSG 1899 Hoffenheim am Freitagabend vermutet, dass die Konkurrenz nach dem Erfolg des deutschen Rekordmeisters in Ehrfurcht erstarren würde. Ein Irrtum, wie sich 19 Stunden später herausstellen sollte.
Denn Bayer Leverkusen, das sich in erster Linie angesprochen fühlen durfte, fertigte Mainz 05 mit 4:2 (3:1) ab. Das Team ist nunmehr seit 18 Ligaspielen unbesiegt und eroberte unbeeindruckt von den bajuwarischen Angriffsbemühungen die Tabellenführung zurück. Mehr noch: Es waren gelassene Konter zu vernehmen „So berauschend fand ich das Bayern-Spiel nicht“, ließ Sportdirektor Rudi Völler wissen. Dessen Trainer Jupp Heynckes teilte mit, die Vorstellung seines ehemaligen Arbeitgebers habe ihn „nicht vom Hocker gerissen“.
Auch das Duell mit Mainz war nicht dazu angetan. Dennoch zeigte sich in dieser Partie, dass Leverkusen jederzeit zurückschlagen kann. Tim Hoogland hatte die Gäste zwar schon in der achten Minute in Führung gebracht, was durchaus auf Seiten von Bayer zu einer Schockstarre hätte führen können, denn zu diesem Zeitpunkt war die ruhmlose Vergangenheit wieder ganz nah. In den vergangenen zwei Spielzeiten hatte Leverkusen die Hinrunde jeweils erfolgversprechend abgeschlossen, in der Rückrunde aber war das Team stets eingebrochen und am Ende nicht mal auf einem internationalen Startplatz gelandet.
Doch Bayer Leverkusen 2010 hat nichts mehr mit dem Versager von einst gemein, was gegen Mainz zu beobachten war. Michal Kadlec (15. Minute), Tranquillo Barnetta (19.) und Toni Kroos (30.) machten kurzen Prozess. Als dem Mainzer Niko Bungert der Anschlusstreffer zum 3:2 gelang, (67.) schlug der Treffer von Eren Derdiyok (88.) schließlich den Zwergenaufstand nieder. „Wir haben das Gefühl, ruhig bleiben zu können, wenn mal ein Gegentor kommt. Wir sind stabil geworden“, sagte Völler.
Tatsächlich kann die Mannschaft problemlos reagieren, wenn der Gegner aufmüpfig wird. Sie kann diszipliniert verteidigen, wenn es vonnöten ist, und durch ihr enormes Offensivpotenzial beizeiten jeden überwinden. Vom Torwart bis zum Stürmer haben Topleute die Leverkusener Mission verinnerlicht, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Meister werden zu können.
Was sie darüber hinaus noch an Qualität auf der Ersatzbank sitzen haben, ist selbst für ein Spitzenteam außergewöhnlich. „Mir wird angst und bange, wenn ich sehe, wer da in der zweiten Hälfte eingewechselt wurde“, sagte der Mainzer Manager Christian Heidel. Den beiden deutschen Nationalspielern und lange verletzten Simon Rolfes sowie Patrick Helmes gewährte Heynckes Einsatzzeit, dazu brachte er noch den brasilianischen Ausnahmekönner Renato Augusto. „Wir haben Potenzial, Klasse, und jetzt kommen auch noch Möglichkeiten dazu. Wenn Helmes, Rolfes und Renato Augusto wieder ihren Rhythmus gefunden haben, werden wir noch besser“, sagte Heynckes. So viel Selbstbewusstsein ist in einer Liga, wo sich außer den Bayern keiner offen zum Erfolg bekennen mag, erfrischend.
Es braucht in Leverkusen zwar keinen unerschrockenen Vordenker wie den 64 Jahre alten Heynckes, um das Thema Titelgewinn zur eigenen Sache zu erklären – mittlerweile reden auch die Spieler unbefangen darüber. „Wir spielen, um Meister zu werden“, sagte etwa Kapitän Rolfes. Doch Jupp Heynckes verkörpert beim Werksklub trefflich den neuen Geist unterm Bayer-Kreuz. Wie er ruht die Mannschaft im Vertrauen auf die eigene Stärke in sich selbst. „Wer ein wenig vom Fußball versteht, der weiß, dass wir so weiter Erfolg haben werden“, sagte er.
Das ganze Konstrukt, vom Trainer über das Team bis hin zur Vereinsführung, scheint unerschütterlich zu sein. Diese Mischung aus Autorität, Qualität und Kompetenz macht aus Leverkusen den ernsthaftesten Titelkandidaten. Zumal der Klub im Vergleich zu den Konkurrenten keine Belastung durch DFB-Pokal oder internationale Wettbewerbe hat. Allein das verschafft den Rheinländern im Vergleich zu den Spitzenteams der Liga eine Sonderstellung.
Da bleibt sogar genug Zeit, dem FC Bayern die Stirn zu bieten. Die Münchener Klubführung hatte verkündet, die Leihgabe Toni Kroos wie vereinbart im Sommer zurückholen zu wollen. Darüber gebe es „überhaupt keine Diskussion“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Völler jedoch äußert unablässig den Willen, Kroos weiter halten zu wollen. Auch der Spieler selbst sagte am Samstag, die Rückkehr nach München sei „noch längst nicht entschieden“. Das Thema Bayern scheint in Leverkusen tatsächlich keinem Angst zu machen.




