10-Millionen-Hengst

Keine Starbehandlung für Wunderpferd Totilas

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Jens Bierschwale

Paul Schockemöhles teuerstes Pferd im Stall wird behandelt wie jeder andere Vierbeiner in seinem Gestüt in Mühlen.

Das Wunder wartet in der hintersten Ecke. Durch das Haupthaus, vorbei an den Büros, die aussehen wie kleine Pferdeboxen aus Holz, führt der Weg über den schlammigen Reitplatz zum backsteinroten Stall. Das Rolltor steht offen, Musik dröhnt aus dem Kassettenrekorder, der gleich hinter dem Eingang an der Wand hängt. „Summer Wine“ im kühlen Herbst. In einem schwarzen Eimer vor dem Waschraum stehen drei Mistforken, durch den Türschlitz der Sattelkammer wird ein Klappbett sichtbar, und aus der letzten der 13 Boxen streckt Totilas neugierig seinen Kopf hervor, als wolle er sagen: Komm’ doch rein in mein Wohnzimmer.

Allein mit seiner Anmutung trotzt der Jahrhundert-Hengst der Kargheit in seiner Box. Zwei Spielbälle hängen von der Decke herab, Gummimatten an den Wänden und auf dem Boden schützen den Rappen vor Verletzungen. Zehn Millionen Euro teuer war Totilas, er ist damit das wertvollste Dressur-Pferd der Welt, ein Mythos auf vier Beinen, aber untergebracht ist er auf dem Gestüt in Mühlen beinahe so wie jeder beliebige Ackergaul in einer der fünf benachbarten Bauernschaften.

Beim Vorführen hat Paul Schockemöhle Mühe, sein Wunder-Pferd im Zaum zu halten. Früher war er mehrmaliger Europameister im Springreiten, nun ist er erfolgreicher Züchter und Besitzer des derzeit famosesten Pferdes auf dem Markt. Doch noch müssen sich Schockemöhle und seine neueste Errungenschaft erst aneinander gewöhnen. Der Hengst, dem unfassbare Fähigkeiten bescheinigt werden, zwingt den 65-Jährigen in der mit Heu gesäumten Scheune zu einigen Drehungen, bevor das gewünschte Foto gelingt. „Totilas ist fantastisch“, sagt Schockemöhle, „aber wir behandeln ihn wie jedes andere Pferd hier auch.“

350 Tiere sind auf dem Gestüt im Oldenburger Münsterland untergebracht, 75 Mitarbeiter kümmern sich um das Wohl der Pferde, darunter zwei Tierärzte und eine Besamungstechnikerin. Seit sie den neuen Star im Stall haben, bemühen sich die Angestellten, die Normalität vergangener Monate und Jahre beizubehalten. Doch das gelingt nicht jedem in Mühlen.

Christin Geske kann die dunklen Ränder unter ihren Augen schwer verbergen. Seit zwei Wochen hat sie einen neuen Schlafplatz bezogen, in der Sattelkammer, einige Meter von Totilas’ Box entfernt. Rund um die Uhr kümmert sich die 27 Jahre alte Pferdepflegerin um den Hengst, die einzige Sonderbehandlung, die Totilas in seiner neuen Heimat erfährt. Geske ist nun auch Bodyguard des aktuell bekanntesten Pferdes der Welt. Sie ist es gern.

In der ersten Nacht neben dem Wunder-Hengst habe sie jedes Knacken im Stall wahrgenommen, sagt sie, an Schlaf auf dem mäßig bequemen Klappbett in der Sattelkammer war da kaum zu denken. Zumal sie auch früh raus muss. Um sechs Uhr beginnt die Fütterung. Müsli, Trockenpellets und einen Apfel gibt’s für Totilas zum Frühstück. Mittagsmahlzeit und Abendessen sehen genauso aus. Einfache Kost für ein Millionen-Pferd. Dabei wäre in der laienhaften Vorstellung vermutlich eher Hafer mit Blattgold eine angemessene Mahlzeit für den Wunder-Hengst. Doch letztlich, sagt Christin Geske, sei Totilas eben auch nur ein Pferd. Umgänglich und unkompliziert sei er. „Aber ihm ist auch bewusst, dass er schon etwas Besonderes ist.“

Der Rummel um das Pferd, das allein äußerlich so schön ist wie Black Beauty aus der englischen Fernsehserie, begann vor rund einem Jahr. Mit dem niederländischen Reiter Edward Gal feierte Totilas nacheinander Siege bei den nationalen Titelkämpfen, dem Grand Prix und den Europameisterschaften. Weit mehr als die Trophäen sorgten aber die Punktzahlen für Aufsehen. Der vor Kraft strotzende Hengst erwies sich als ungeahntes Bewegungstalent, entzückte im Dressur-Viereck mit raumgreifenden Piaffen, scheinbar schwerelosen Gangarten und stellte einen Weltrekord nach dem nächsten auf. Dem einst elitären Sport reicher Töchter verhalf er so binnen kürzester Zeit zur Massenkompatibilität. „Totilas ist vom ganzen Bewegungsablauf her eine wahnsinnige Erscheinung, gerade die Grand-Prix-typischen Lektionen absolviert er mit mehr Ausdruck als andere Pferde und begeistert damit sogar Laien“, sagt der deutsche Dressur-Bundestrainer Holger Schmezer. Der Hengst habe keine erkennbaren Mängel, ein Jahrhundert-Pferd eben.

Den Aufstieg des zehnjährigen Rappen hat Schockemöhle aufmerksam verfolgt. Zweimal erst habe er sich in ein Pferd verliebt, beim ersten Mal war er 16, das Pferd konnte er sich nicht leisten. Bei Totilas war das anders. „Dieses Mal hatte ich das nötige Geld“, sagt Schockemöhle. Der Züchter und Speditionsunternehmer kontaktierte im Frühjahr den niederländischen Besitzer Cees Visser, er hatte gehört, Totilas stünde nach den Weltmeisterschaften in Kentucky im Oktober zum Verkauf. Noch in den USA, als Reiter Gal und das Wunder-Pferd drei Mal Gold abräumten, fädelte Schockemöhle den Deal ein. Seine finanzielle Schmerzgrenze sei erreicht gewesen, aber er wollte das Pferd eben unbedingt haben.

Nach der tierärztlichen Untersuchung holten Christin Geske und Pferdewirtschaftsmeisterin Anja Engelbart, 41, das Tier aus den Niederlanden ab. Äußerst vorsichtig seien sie beim Transport nach Mühlen gefahren, berichten sie, niemals zuvor war die Fracht derart wertvoll wie bei dieser Tour.

Den ganzen Zauber des neuen Stars bekommt Anja Engelhart, die seit zehn Jahren auf dem Gestüt arbeitet, am Morgen nach der Ankunft zu spüren. Sie darf Totilas das erste Mal reiten. „Als ich drauf saß, war das der gigantischste Moment in meinem Leben“, sagt sie. „Totilas ist das beeindruckendste Pferd, das ich je gesehen habe. Er hat eine ganz besondere Aura.“

Die Einmaligkeit bewahrt den Hengst aber nicht vor dem typischen Dasein auf dem Mühlener Gestüt. Da Schockemöhle Pferdeliebhaber, vor allem aber kühl kalkulierender Geschäftsmann ist, plant er Totilas neben der sportlichen Nutzung zuvorderst als Deckhengst ein. 4000 Euro kostet eine Portion Samen künftig, sollte eine Stute danach tragend werden, sind noch mal 4000 Euro fällig. Bis zu 5,6 Millionen Euro pro Jahr sind so im Idealfall möglich. Ein anderer Hengst aus Schockemöhles Stall hat zuletzt dank künstlicher Besamung 700 Stuten in einem Jahr gedeckt. Den gigantischen Kaufpreis könnte der Pferdehändler also rasch wieder reinholen.

Gleich neben dem Stall lagern im Labor, das aussieht wie eine weiße, schlichte Küche, die wertvollen Proben. Der Samen der Hengste wird hier auf seine Beschaffenheit untersucht. Nächste Woche liefert auch Totilas erstmals sein Ejakulat ab. Vorabtests in den Niederlanden haben ergeben, dass das Pferd auch bei dieser Prüfung Weltklasse-Eigenschaften verkörpert. Diana Markmann, 29, steht mit einem weißen Kittel im Labor, und holt eine Samenprobe aus dem Kühlschrank. Vor drei Jahren hat sie sich für einen Bürojob auf dem Gestüt beworben, doch da nichts frei war, ist sie im Labor gelandet – als Besamungstechnikerin. Allerlei Gerätschaften stehen um sie herum, ein Nucleo-Counter zur Ermittlung der Ejakulatsdichte, eine Zentrifuge, dazu Mikroskop und Waage. Gleich hinter dem Labor liegt die Scheune, in der den Hengsten mithilfe einer Attrappe der Samen entnommen wird. Ab Januar wird Totilas hier auch regelmäßiger Gast sein. „Wenn er nur einen Teil seiner Fähigkeiten an die Nachkommen weitervererbt, kann er in der deutschen Zucht eine Menge bewegen“, sagt Schockemöhle.

Derlei Aussichten wittern inzwischen auch andere Pferdehändler, die sich in den vergangenen zwei Wochen bei Schockemöhle gemeldet und nach dem Preis für Totilas erkundigt haben. „Der ist unverkäuflich“, sagte ihnen der neue Besitzer. Denn neben der Zucht erhofft sich der Unternehmer auch im Wettkampf weiter Wunderdinge von Totilas. Noch sucht er allerdings nach einem geeigneten Reiter für das Jahrhundert-Pferd. „Es gibt Gespräche. Ich bevorzuge eine deutsche Lösung“, sagt Schockemöhle. Vor Weihnachten möchte er den neuen Reiter, der Olympia-Gold 2012 dann schon mal fest ins Visier nehmen dürfte, vorstellen.

Weil er den Niederländern das beste Pferd im Stall weggekauft hat, musste sich Schockemöhle in einigen Emails wüste Beschimpfungen gefallen lassen. Angst um seinen Wunder-Hengst hat er aber nicht bekommen. „Was sollte jemand mit einem Pferd wie Totilas anfangen?“, fragt er. „Er könnte mit ihm doch nirgendwo auftreten. Das wäre so, als wenn ich die Blaue Mauritius hätte – die könnte ich mir auch nur zu Hause angucken.“ Trotzdem will Schockemöhle demnächst eine Überwachungskamera im Stall installieren lassen. Black Beauty in der Neuauflage ist dann im Privatkanal zu sehen.