Bayer Leverkusens Fünf-Punkte-Plan zur schnellen Aufholjagd Richtung Tabellenspitze hat nicht einmal 22 Stunden gehalten. Einen Tag nach der überraschenden Niederlage Borussia Dortmunds in Frankfurt erspielte sich die Bayer-Elf nur ein 2:2 gegen den SC Freiburg. Wenig später gelang dem FC Bayern im letzten Hinrundenspiel ein furchteinflößender 5:3-Sieg beim VfB Stuttgart. Statt den Rückstand auf den BVB zu verkürzen, schmolz das Polster auf die wieder erstarkten Münchner, die zum erstem Mal in dieser Bundesliga-Saison zwei aufeinander folgende Spiele gewinnen konnten.
"Es gibt so Tage, an denen alles gegenläufig ist", ärgerte sich Bayer-Coach Jupp Heynckes nach dem unerwarteten wie enttäuschenden Unentschieden gegen Freiburg. Der unaufhörliche Schneefall über der BayArena, die unentschlossenen Abwehrspieler (Stefan Reinartz, Manuel Friedrich) bei den Gegentoren und die Verletzungsprobleme von Sami Hyypiä (kurzfristiger Ausfall), Arturo Vidal (Auswechslung nach Fußprellung) und Patrick Helmes (Muskelfaseriss in der Schlussphase) verhinderten ein eindrucksvolles Erweckungserlebnis auf der Jagd nach Spitzenreiter Dortmund.
Die Freude darüber, dass es Bayer am 17. Spieltag zum ersten Mal in dieser Saison überhaupt gelang, den Rückstand auf den Tabellenführer zu verkürzen, blieb aus. Eine Nacht nur durften die Bayer-Profis davon träumen, in der 26-tägigen Winterpause eine ihnen dienliche Drohkulisse aufzubauen. Die Sache mit dem auf fünf Punkte zusammenschrumpfenden Vorsprung – einen Bayer-Sieg im direkten Duell gegen den BVB zum Rückrundenauftakt vorausgesetzt – blieb ein sehr kurzlebiger Konjunktiv.
Das ambitionierte „Kampfgeschrei“ aus Leverkusen ist seit Wochen nicht zu überhören. "Die haben so einen großen Vorsprung, dass sie enorm unter Druck stehen", sagte Kapitän Simon Rolfes. "Wenn die mit diesem Abstand nicht mehr Meister werden, dann werden sie nie mehr Meister." Und Nationaltorwart René Adler erinnerte an Bayers Absturz nach einer Halbserie an der Tabellenspitze. "Wir haben letztes Jahr erfahren, wie es ist, lange vorne zu stehen. Das muss man erst mal konsequent zu Ende spielen." Bayer gefällt sich in der Rolle des Jägers. Doch Unruhe lösen die Wortmeldungen beim BVB nicht aus. Die Überzeugungskraft dieser Psychospielchen verliert sich noch im deutlichen Punkteabstand zu Dortmund.
Die entscheidenden Punkte ließ Bayer in den neun Heimspielen liegen. Neben der vogelwilden 3:6-Blamage gegen das heutige Tabellenschlusslicht aus Mönchengladbach leistete sich die Heynckes-Elf auch eine unnötige 0:1-Niederlage gegen Mainz 05. Darüber hinaus reichte es vor eigenem Publikum vier Mal nur zu einem Unentschieden.
Momentan wird die Titelsehnsucht nur bei Schalke 04 noch größer sein als in Leverkusen. Zwischen 1996 und 2002 verpasste das Team unter Christoph Daum und Klaus Toppmöller vier Mal als Vizemeister die Schale. Spätestens seit der legendären 2002er-Saison, als Leverkusen neben dem Titelrennen auch die Endspiele um die Champions League und den DFB-Pokal verlor, haftet Bayer das Image an, im entscheidenden Moment den Triumph zu verpassen.
Auch ein Großteil des aktuellen Kaders hat einen schweren "Vizekusen"-Rückfall hinter sich: 2009 verlor Bayer das Pokalfinale gegen Werder Bremen mit 0:1. Mit dieser Niederlage endete ein zweijähriges Zwischentief, in dem die Qualifikation für die internationalen Wettbewerbe misslang. In dieser Phase erneuerte Sportdirektor Rudi Völler allerdings auch die Mannschaft. Außer Tranquillo Barnetta, Stefan Kießling, Gonzalo Castro und Rolfes spielt niemand länger als drei Jahre für die Leverkusener.
In dieser Saison steht Jupp Heynckes ein Team zur Verfügung, in dem er 18 fast gleichwertige Spieler bei Laune zu halten hat. Bisher kamen dem Trainer Verletzungssorgen und sein ausgereiftes Rotationsprinzip zugute. Zu den richtungweisenden Spielen im Januar und in einem möglichen Europa-League-Achtelfinale gegen den FC Villarreal (Tabellendritter in Spanien) oder den italienischen Tabellenzweiten SSC Neapel wird sich der Bayer-Coach zu einer klaren Hierarchie in seinem Team bekennen müssen.
Und in dieser Phase wird der lange verletzte Michael Ballack anklopfen und Einsatzzeiten einfordern. Mit dem Trainingsbeginn am 3. Januar gehört der Nationalmannschaftskapitän wieder zum Kader. Im Moment stellt sich die Frage, auf welcher Position sich der 34-Jährige im Bayer-Gefüge auf Formsuche begeben darf. Vor der Abwehr verwalten Kapitän Rolfes und Vidal das Bayer-Spiel vorzüglich. Davor haben sich Barnetta, Sidney Sam und Renato Augusto festgespielt und um die einzige Stürmerposition drängeln sich Eren Derdiyok, Kießling und Helmes.
Im „Express“ sagte Ballack, dass er der Mannschaft auf dem Weg in die Champions League helfen wolle. „Ich hoffe, dass ich im kommenden Jahr gesund bleibe. Dann wird man sehen, wann ich mein altes Niveau wieder erreiche." Nach einer schnellen Hilfe klingt das nicht.
Sein einziges Spiel über 90 Minuten in den letzten acht Monaten absolvierte Ballack ausgerechnet gegen Spitzenreiter Borussia Dortmund, als Bayer zum Bundesliga-Auftakt ein 2:0-Sieg gelang. Bayer-Kapitän Rolfes wäre vor dem Rückspiel am 14. Januar schon zufrieden, wenn es nicht schneien würde über der BayArena.




