Der 15. Spieltag dürfte im Saisonrückblick, als der Moment eingehen, in dem die Großmacht FC Bayern im Meisterkampf kapitulierte. "Ich glaube, dass es jetzt soweit ist", antwortete Louis van Gaal auf die Frage, ob die Titelverteidigung nach dem 0:2 gegen Schalke 04 in unerreichbare Ferne gerückt sei. So kleinlaut hatte man den Münchner Trainer noch nie gehört. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer empfahl den Verlierern, sich nun auf den sieben Zähler entfernten Platz 2 zu konzentrieren, "dann wird der FC Bayern eben mal nicht deutscher Meister".

Dass Herbstmeister Borussia Dortmund durch den 2:0-Erfolg im Sonntagsspiel beim 1. FC Nürnberg den Münchnern auf 17 Punkte enteilen konnte, dafür hatte Manuel Neuer am Vortag in der Gelsenkirchener Arena den Grundstein gelegt. Der Schalker Torwart war der beste Spieler auf dem Platz und sicherte dem Tabellen-15. mit seinen Paraden den Sieg gegen den lange Zeit überlegenen FC Bayern. Dafür klopfte ihm Beckenbauer nach dem Schlusspfiff sogar anerkennend auf die Schulter.

Beckenbauers Herzlichkeit als Indiz für eine erneute Avance der Münchner an den deutschen Nationaltorwart herzunehmen, ist gar nicht nötig. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Neuer in der Führungsetage des FC Bayern der Wunschkandidat für die Nachfolge des soliden Jörg Butt ist, dessen Vertrag zwar noch bis 2012 läuft, der im Mai aber bereits seinen 37. Geburtstag begeht.

Neuer hingegen, von seinem Trainer Felix Magath als "bester Torhüter der Welt" gelobt, ist erst 24, ein Mann der Zukunft also, der die Rolle als für die schnelle Spieleröffnung verantwortlicher erster Feldspieler nahezu perfekt interpretiert. Auch der Vertrag des Schalker Kapitäns hat noch bis 2012 Gültigkeit. Wollen die bedürftigen Gelsenkirchener noch eine Transfereinnahme erzielen (die in zweistelliger Millionenhöhe liegen würde), müssten sie ihn also nach dieser Spielzeit verkaufen.

Die Bayern sind traditionell berüchtigt dafür, die nationale Konkurrenz zu schwächen, indem sie ihr die Schlüsselspieler wegkaufen. Auch die Schalker, Erzrivalen dieses Jahrzehnts, wird der Rekordmeister seine wirtschaftliche Überlegenheit spüren lassen, man kann das auch als kleine Revanche für die jüngste bedeutsame Niederlage auf dem Spielfeld ansehen. Eine Großinvestition in Neuer wäre allerdings auch sportlich sinnvoll - und mit der Verpflichtung Oliver Kahns aus Karlsruhe 1994 zu vergleichen.

Zwar hat van Gaal seinem Torwarttrainer Frans Hoek dem Vernehmen nach den Auftrag erteilt, den 22-jährigen Reservisten Thomas Kraft zum nächsten Stammkeeper zu formen. Doch mit dem Ansatz, die eigenen Spieler besser zu machen und gegen den Rat des Vorstands auf teure Zugänge zu verzichten, ist der niederländische Star-Trainer schon diese Saison gescheitert. Außerdem haben besonders Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß nicht vergessen, dass sie vor zweieinhalb Jahren mit ihrer Entscheidung, Michael Rensing als Kahn-Nachfolger zu installieren, etwas zu optimistisch waren.

Obwohl Neuer, seit der F-Jugend im königsblauen Trikot unterwegs, mit Haut und Haaren Schalker ist, wird er seine viel versprechende Karriere vorantreiben und nächste Saison nicht vor dem Fernseher sitzen wollen, wenn die internationalen Spiele übertragen werden. Das Finale der Champions League 2012 findet übrigens in München statt.

Der Wechsel des Nationaltorwarts zum FC Bayern wäre demnach konsequent, aber das Fußballgeschäft ist eine hochspekulative Angelegenheit. Vor rund einem Jahr bereits sagte TV-Moderator Günther Jauch, Umfragen zu Folge der "vertrauenswürdigste Deutsche", in einer Talkshow: "Ich weiß aus guten Quellen, und darauf wette ich auch, dass der Transfer von Manuel Neuer zum FC Bayern im Winter eingetütet ist."

Bekanntlich irrte der Fußball-Insider hier. Doch die Zeit spielt für die Bayern. Sie müssen nur aufpassen, dass nicht auch noch die Champions-League-Plätze in unerreichbare Ferne rücken.