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Ballack glaubt weiter an Champions-League-Titel

Das Scheitern des FC Chelsea im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona in allerletzter Sekunde hatte tragische Züge. Doch Michael Ballack, dem wegen seines Wutanfalls eine nachträgliche Sperre droht, glaubt weiter daran mit den Londonern in den nächsten Jahren die Champions League zu gewinnen.

Nur zehn Zentimeter trennten die Nasen der Kontrahenten. Michael Ballack recke die Arme seitlich in die Höhe und schrie sein Gegenüber an. Immer und immer wieder. Auch als Henning Övrebö sich abwandte und davonlief, konnte Ballack nicht vom Schiedsrichter lassen. Er verfolgte den Norweger, brüllte weiter auf ihn ein und konnte sich nur mühsam beherrschen, nicht handgreiflich zu werden. Die Wut darüber, wieder einmal ein wichtiges Spiel verloren zu haben, war schlicht überwältigend.

183 Minuten lang hatte der FC Chelsea im Halbfinale der Champions League den FC Barcelona entzaubert. Die Londoner hatten im Hinspiel ein 0:0 erreicht, im Rückspiel ein frühes Traumtor durch Michael Essien erzielt (9.) und danach der Zauberelf aus Spanien keinerlei Raum gelassen, selbst zu treffen. Bis auf dieses eine Mal: In der dritten Minute der Nachspielzeit kam Andres Iniesta frei zum Schuss und wuchtete den Ball zum 1:1 in den rechten Winkel. „Iniesta macht das Wunder wahr, er lädt uns alle nach Rom ein“, jubelte die spanische Zeitung „As“. In Italiens Hauptstadt bestreitet Barcelona am 27. Mai das Endspiel gegen Titelverteidiger Manchester United.

Es wird ein Traumfinale, das Duell der beiden besten Ligen der Welt. Vielleicht sogar das Duell der beiden besten Klubs der Welt, ganz sicher das Duell der beiden besten Spieler der Welt: Cristiano Ronaldo gegen Lionel Messi. Und dennoch ist es nur bedingt der Qualität Barcelonas zu verdanken, dass es zu diesem Endspiel kommt. Größeren Anteil hatte der dramatisch schwache Schiedsrichter Övrebö, der Chelsea am Mittwochabend einen Elfmeter nach dem anderen verweigerte.

Trainer Guus Hiddink nannte den Norweger später „den schlechtesten Schiedsrichter, den ich in meiner Karriere jemals erlebt habe“. Einer der größten englischen Buchmacher zahlte allen Zockern, die Geld auf Chelseas Weiterkommen gesetzt hatten, ihre Einsätze zurück. Begründung: „Die Schiedsrichterleistung war beschämend. Unsere Kunden sollen wegen dieses Unsinns keinen Verlust erleiden.“

Sechs Strafstöße hätte Övrebö verhängen können, drei müssen. In die umstrittene Kategorie fiel die Szene kurz vor Abpfiff, als Samuel Eto’o einen Schuss von Ballack mit dem Arm blockte und dieser dann derart die Fassung verlor, dass er ganz am Ende doch noch die Gelbe Karte sah. Diese hatte Ballack zuvor mit aller Macht vermeiden wollen, da er mit einer Verwarnung nicht im Finale hätte mitspielen dürfen.

Er gab dennoch alles, lief insgesamt zwölf Kilometer, gewann 80 Prozent seiner Zweikämpfe und leistete sich in der zweiten Hälfte kein Foulspiel mehr. Beim Gegentor jedoch konnte Ballack nicht mehr eingreifen. Nach dem Ballverlust von Essien hätte nur noch der Deutsche das 1:1 verhindern können. Er stand aber zu weit entfernt von Iniesta, um diesen am Schuss hindern können. Und auch sein Abblockversuch schlug fehl. Ballack ging dafür in die Knie, der Schuss aber war hoch angesetzt.

Und so ist die bislang vergebliche Jagd des Deutschen nach einem internationalen Titel um eine dramatische Niederlage reicher. „Wir sind enttäuscht darüber, dass wir es selber nicht gepackt haben – und über den Schiedsrichter“, sagte Ballack tags darauf und war mit dieser Meinung tatsächlich nicht allein. Angreifer Didier Drogba, der die große Chance zum 2:0 vergeben hatte, verfolgte Övrebö nach dem Abpfiff über das gesamte Spielfeld. Immer wieder zeigte er mit dem Finger auf den Norweger, warf ihm serienweise Obszönitäten an den Kopf und ließ sich auch von mehreren Mitspielern nicht abdrängen. Im Spielertunnel soll Drogba den Unparteiischen weiter attackiert haben. „Rasender Drogba dreht durch“, schrieb die „Times“. Dass Trainer Hiddink das Verhalten seines Spielers verteidigte („Ich kann seine Reaktion völlig verstehen“), hilft dem wenig. Drogba droht eine lange Sperre durch die Uefa.

Und auch Övrebö, der gegenüber Uefa-Verantwortlichen schwere Fehler eingestanden haben soll, muss sich darauf einstellen, in naher Zukunft keine großen Spiele mehr pfeifen zu dürfen. Dies war in London jedoch sein geringstes Problem. Nach Informationen der örtlichen Lokalzeitung „Evening Standard“ soll es Morddrohungen gegen Övrebö gegeben haben. Der Schiedsrichter hatte auf Anraten der Polizei noch in der Nacht das Hotel gewechselt und war dann Donnerstagfrüh unter dem Schutz der Ordnungshüter außer Landes gebracht worden.

Verschwörungstheorien in England

In England macht nun folgende Verschwörungstheorie die Runde: Die Uefa wollte nicht schon wieder zwei englische Mannschaften im Finale haben und hat daher Einfluss auf den Spielausgang genommen – schließlich standen sich Manchester und Chelsea bereits im Vorjahresendspiel gegenüber. „Ich möchte das nicht bejahen“, sagte Hiddink. Es sei schließlich schwierig, so etwas zu beweisen. Und Michael Ballack sagte: „Ich weiß nicht, ob es Betrug war – ich hoffe nicht.“

Er muss nun auf eine weitere Chance im nächsten Jahr hoffen, dabei ist noch nicht ganz sicher, ob Chelsea die Option auf eine einjährige Verlängerung des Vertrags zieht. Ballack, dem wie Drogba eine Sperre drohen könnte, glaubt jedoch an eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. Und er träumt noch vom Triumph in der Champions League: „Ich spiele in einer Super-Mannschaft – da ist die Chance relativ hoch, jedes Jahr ins Finale zu kommen. Ich hoffe, dass mit dem FC Chelsea in den nächsten ein, zwei Jahren etwas möglich ist.“