Schüchtern schüttelte Andrej Arschawin die Hand der Dame, die ihm den Pokal überreichte, dann blickte er noch einmal auf die Menschen und stürzte plötzlich vom Podium, mit einem Haken aus der Tür und nur weg in den Bus.

Ein Spieler, der den Unterschied ausmacht

Auch abseits des Spielfeldes bleibt der 27 Jahre alte Angreifer ein unhaltbares Phänomen, der Stürmer von Zenit St. Petersburg, der mit seinem Klub den Uefa-Cup gewonnen hat und nun mit einem 2:0 (1:0) gegen Schweden im letzten Gruppenspiel seinem Nationalteam den Schritt ins EM-Viertelfinale eröffnet hat, wo das Team Samstag auf die Niederlande trifft. Erstmals haben die Russen damit seit dem Zerfall der Sowjetunion die K.o.-Runde eines großen Fußballturniers erreicht. "Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft", sagte Trainer Guus Hiddink, "wir haben uns in wenigen Tagen enorm weiterentwickelt und großartigen Fußball gespielt." Und zu Leistung seines Besten, Andrej Arschawin: "Es hilft den anderen sehr, wenn er auf dem Feld ist und sie mit ihm spielen können", sagte der Trainer, der sich bestätigt fühlen durfte.

Er hatte Arschawin nominiert, obwohl der wegen einer Roten Karte in der Qualifikation für die ersten beiden EM-Spiele gesperrt war. Doch allein die Leistung in der letzten Gruppenpartie gegen Schweden rechtfertigte Hiddinks Plan. "Andrej kann sehr schnell entscheiden, wie er auf dem Platz für Gefahr sorgt", lobte er seinen Star. "Ihm fehlt noch Spielpraxis, aber er ist einer der Spieler, die den Unterschied ausmachen können."

Das hat der nur 172 Zentimeter kleine, aber wieseflinke Arschawin bewiesen. Er war noch nicht die zentrale, alle überstrahlende Figur im Spiel der Russen, aber allein seine Präsenz schien den Kollegen Sicherheit zu geben. Und mit seinen rasanten Sprints aus dem Mittelfeld in die Spitze riss er immer wieder Lücken für seine Mannschaftskameraden. Atemberaubend war sein Auftritt beim 2:0, als er den Ball im Mittelfeld auf die linke Außenbahn spielte, pfeilschnell Richtung Strafraum stürmte, den Laufweg mit Konstantin Zyrianow kreuzte und den Ball nach dessen Querpass präzise ins Tor spitzelte (52. Minute). Arschawin wird gesucht und gefunden. "Die Spieler in unserem Mittelfeld sind sehr klug und setzen ihn gut ein", sagte Hiddink.

War das russische Offensivspiel zu Beginn des Turniers noch gehemmt, so inszenierten Arschawin und seine Kollegen nun einen faszinierenden Hochgeschwindigkeitsfußball, dem die überforderten Schweden nur zusehen konnten. "Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann höchstens unsere Chancenauswertung", sagte Hiddink. "Wir hätten sie härter bestrafen sollen, ein Tor pro Halbzeit mehr hätte es sein sollen." Zu dem Vorwurf hatte Russlands Superstar Andrej Arschawin dann doch noch etwas zu sagen: "Man kann ja nicht alle Tore in einem Spiel schießen. Wir mussten uns noch etwas aufheben."

Feiern von Moskau bis Wladiwostok

Eine Warnung an den nächsten Kontrahenten. "Holland ist ohne jeden Zweifel die stärkste Mannschaft in diesem Turnier. Aber wir wollen uns nicht mit der Außenseiterrolle begnügen", sagte Arschawin. Der Nürnberger Bundesligaprofi Iwan Saenko ergänzte: "Wer hätte vor vier Jahren den Griechen den Titel zugetraut? Jetzt ist es schwer, uns zu schlagen."

Zehntausende feierten schon jetzt zu nachtschlafender Zeit von Moskau bis Wladiwostok das spektakuläre 2:0 (1:0). Auf dem Roten Platz in Moskau flossen Sekt und Wodka, Präsident Dimitri Medwedjew übermittelte seine Glückwünsche ins ferne Innsbruck.