Wie akribisch Urs Siegenthaler (62) ist, wissen die deutschen Nationalspieler sehr gut. Seit drei Jahren ist der Schweizer Chefscout der DFB-Auswahl und unter anderem damit beschäftigt, die Profis detailliert über den kommenden Gegner zu informieren. Auch vor dem EM-Viertelfinale heute gegen Portugal hat Siegenthaler viel gearbeitet. Er stellte DVDs mit verschiedenen Szenen zusammen und klärte die Spieler – erst die einzelnen Mannschaftsteile, dann alle gemeinsam – über die Spielweise sowie Stärken und Schwächen des Kontrahenten auf.

Wie hilfreich Siegenthalers Analyse wirklich war, muss sich nun zeigen. Erstmals bei der EM geht die deutsche Mannschaft nicht als Favorit in eine Partie. Portugal hat in seinen Gruppenspielen zum Teil begeisternden Fußball auf den Rasen gezaubert, Deutschland ist größtenteils durch die Vorrunde gestolpert.
Die einen stehen bei diesem Turnier für Kreativität, die anderen für Kampf. Trotzdem gibt es für Löw, dessen Team nur zum Auftakt gegen Polen (2:0) überzeugen konnte, keinen Grund, die Ziele aufzugeben. „Wir wollen noch länger im Turnier bleiben“, sagt er.


Seine Mannschaft hat ein peinliches Vorrunden-Aus gegen Österreich verhindert. Jetzt steht nicht mehr ganz so viel auf dem Spiel. Eine Niederlage gegen einen der Titelkandidaten wäre der zu frühe Schlusspunkt eines insgesamt enttäuschenden Turniers, aber er käme für niemanden überraschend. „Gegen Österreich konnten wir doch nur verlieren. Jetzt trauen uns viele nicht mehr viel zu, dass macht es vielleicht etwas einfacher“, sagt Michael Ballack. Er glaubt, dass es vielleicht gar nicht so schlecht sei, diesmal nur in einer Außenseiterrolle zu sein.

Suche nach dem Rezept

Der Kapitän war auch in den vergangenen Tagen einer der wichtigsten Ansprechpartner für den Bundestrainer. Mit ihm hat er auch über die vielleicht alles entscheidende Frage des Spiels gesprochen: Welche Taktik wirkt am besten gegen die Genialität eines Cristiano Ronaldo? „Er ist ein hervorragender Fußballspieler, auf den wir besonders achten müssen“, sagt Ballack, der mit dem FC Chelsea häufiger gegen Manchester United gespielt hat. Gleiches gilt für Torhüter Jens Lehmann, der sagt. „Meine Kollegen beim FC Arsenal haben immer ein gutes Rezept gegen ihn gefunden.“

Nach diesem Erfolgsrezept hat Löw in den vergangenen Tagen gesucht. Wie vor jedem Spiel hat er mit Urs Siegenthaler zusammen gesessen, bevor der Schweizer zur Mannschaft sprach. Sie haben vor allem analysiert, welche Rolle Ronaldo für Portugal spielt, wann und warum er im Gegensatz zum Verein nicht nur über die linke Seite Druck nach vorn macht, sondern sich hin und wieder auch in die Mitte verschiebt oder sogar ganz auf die rechte Seite.


Die theoretische Vorbereitung lief so professionell wie immer, der Praxisteil wurde für den besonderen Anlass kurzfristig geändert. Das übliche Abschlusstraining am Spielort wurde gestrichen. Stattdessen setzte Löw vor dem Abflug nach Basel am Mittwoch noch einmal eine Einheit am Vormittag in Tenero/Tessin an.


Ganz in Ruhe wollte er sich auf dem abgeschirmten Trainingsgelände des DFB auf das Spiel vorbereiten. „Außerdem hat unsere Mannschaft durch die vorgezogene Einheit einen halben Tag länger zur Regeneration“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff mit Verweis auf die längere Pause der Portugiesen, die einen Tag vor den Deutschen ihr letztes Gruppenspiel gegen die Schweiz (0:2) hatten und einige Leistungsträger wie auch Ronaldo schonen konnten.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Exakt eine Stunde ließ Löw seine Mannschaft am Mittwoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren und den Ernstfall simulieren. Das galt besonders für Torsten Frings, der im Gegensatz zu Lukas Podolski (Wadenprobleme) dabei war: Nach Frings’ Rippenbruch im Spiel gegen Österreich sind die Verantwortlichen darum bemüht, alles dafür zu tun, damit der Bremer im defensiven Mittelfeld auflaufen kann. Dass er im Training als einziger ein blaues Leibchen trug, hatte fast so etwas wie Symbolcharakter und dokumentierte die Wichtigkeit dieser Personalie.

Frings, der mit Schmerzmitteln trainierte, war in der kompletten Übungseinheit dabei. Sollte er gegen Portugal nicht einsatzfähig sein, würde Thomas Hitzlsperger, der Frings bereits mehrmals in der EM-Qualifikation vertrat, für ihn spielen. Der Stuttgarter müsste dann auch auf Ronaldo schauen, um den sich allerdings größtenteils Clemens Fritz und Arne Friedrich auf der rechten Seite sowie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger auf der linken Außenbahn kümmern sollen. „Wir werden Cristiano Ronaldo immer wieder doppeln. Es ist wichtig, dass wir uns richtig verschieben, da es für uns nicht nur darum geht, ihn auszuschalten“, sagt Löw.

"Ronaldo darf den Ball nicht bekommen"

Einer, der weiß, wie Ronaldo aus dem Spiel genommen werden kann, ist Dietmar Hamann. Mit Manchester City hat der 61-malige deutsche Nationalspieler in der vergangenen Saison beide Spiele gegen Manchester United gewonnen: 2:1 und 1:0. „Es ist wichtig, nicht nur auf Ronaldo, sondern auch auf den Ball zu schauen. Er darf ihn nicht bekommen. Denn dann nimmt er unheimlich schnell Tempo auf und ist nur schwer zu stoppen“, sagt Dietmar Hamann.

Wichtig sei zudem, dass sich die deutschen Spieler helfen, insbesondere Fritz und Friedrich auf rechts. „Sie sind eine gute Wahl für diese Seite. Vor allem Fritz, weil er defensiv sogar noch besser ist als nach vorn“, sagt Hamann, der noch einen Tipp für die Mannschaft hat: „Man muss gegen Ronaldo auch ein bisschen aggressiv spielen, weil er jemand ist, der schnell die Nerven verlieren kann.“

Das soll den deutschen Spielern nicht passieren. Zur visuellen Einstimmung auf die Begegnung wird die Mannschaft nicht nur Bilder vom Gegner sehen, sondern auch von der bislang letzten Begegnung mit Portugal. Die endete am 8. Juli 2006 mit 3:1. Es war das Spiel um Platz drei bei der Weltmeisterschaft – und quasi das große Finale des Sommermärchens.