Michael Ballack strahlte die meiste Zeit. Und wenn er sprach, dann merkte man allein daran, wie tief er zwischendurch immer wieder Luft holte, dass es ein absoluter Genuss für ihn war, auf jede der ihm gestellten Fragen zu antworten. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft machte nach dem 1:0 (0:0) gegen Österreich nicht mal für den Hauch einer Sekunde einen Hehl aus seiner Genugtuung über den Erfolg.
„Es ist viel gesprochen worden vor diesem Spiel“, sagte Ballack, „die Österreicher haben den Mund sehr voll genommen, und es ist immer schwer, vor dem Spiel zu reagieren. Man hat teilweise gedacht, sie waren schon dreimal Weltmeister, und wir haben noch nie einen Ball getroffen.“ Spott wollte der 31-Jährige nach dem Duell mit der Nummer 92 der Fußball-Weltrangliste erst gar nicht verhehlen.
Bereits beim Jubel im Anschluss an seinen Freistoß, den er in der 49. Minute zur Chefsache erklärt und mit einer Geschwindigkeit von 121 Stundenkilometern zum 1:0 ins Tor gewuchtet hatte, ließ Ballack wissen, was er von den verbalen Angriffen hielt. Nämlich gar nichts. Denn als er den Ball aus 25 Metern mit brachialer Gewalt und präziser Schusstechnik im Tor von Österreich untergebracht hatte, legte er den Zeigefinger zweimal demonstrativ auf die Lippen. Es war, wie er später zugab, ein ganz bewusstes Handzeichen an das österreichische Publikum, das er im Ernst-Happel-Stadion von Wien unbedingt zum Schweigen bringen wollte.
Ballack lobt deutsche Kampfkraft
Vor allem mit Ballack hatten die österreichischen Medien im Vorfeld versucht, die Stimmung vor dem ohnehin schon brisanten Duell zusätzlich anzuheizen. Auf dem Titelblatt der Tageszeitung „Österreich“ prangte eine Fotomontage des Mittelfeldspielers, der nackt unter der Überschrift „Zieht den Deutschen die Hosen aus“ zu sehen war. Zudem hatten sie ihm symbolisch ein Ticket für den Heimflug im Fall einer Niederlage direkt im Anschluss um 23.45 Uhr nach Frankfurt am Main ausgestellt.
Dass alles hatte Ballack nur noch mehr angestachelt. Gerade ihn, der sowieso schon nicht in allerbester Stimmung war, nachdem er mit seinen Kollegen zuvor gegen Kroatien (1:2) so enttäuscht hatte. Ballack war danach angespannt und wütend, was er die Öffentlichkeit und die Mannschaft auch wissen ließ. Mit Kritik hielt er sich nicht zurück, sogar eine Sitzung mit der Mannschaft ohne die Trainer hatte er einberufen. Und die hat offensichtlich gefruchtet. „Wir haben einen großen Fight abgeliefert“, lobte Ballack nach dem Einzug ins Viertelfinale.
Spiel gegen den künftigen Vereinstrainer
Doch sein 37. Länderspieltor, mit dem der Spieler des FC Chelsea in der ewigen DFB-Torschützenliste mit Teammanager Oliver Bierhoff auf Position acht gleichzog, war auch ein Akt der persönlichen Befreiung. Denn es war das erste deutliche Ausrufezeichen des torgefährlichen Mittelfeldspielers bei dieser EM, die ihm endlich den so lang ersehnten ersten internationalen Titel bescheren soll. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mannschaft einen Schub bekommen wird und wir gegen Portugal eine bessere Leistung zeigen“, sagte Ballack.
Das K.o.-Spiel gegen Portugal am Donnerstag steht für ihn unter besonderen Vorzeichen: In dieser Partie könnte er seinem künftigen Chef beim FC Chelsea, Luiz Felipe Scolari (59), den triumphalen Abschied als Nationaltrainer Portugals vermiesen. „Das wird ein schönes Wiedersehen. Wir haben ja schon bei der WM 2006 um Platz drei gegeneinander gespielt“, erinnerte Ballack an das 3:1 des deutschen Teams im Kampf um Bronze. Scolari hätte er in den vergangenen zwei Jahren ein paar Mal getroffen. Er freue sich, sagte Ballack, ihn nun demnächst auch als Trainer zu haben.
In den Verteidigern Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira werden ihm Donnerstag gleich zwei Vereinskollegen gegenüberstehen. Überstrahlt wird jedoch alles vom erneuten Gigantenduell mit Ausnahmekönner Cristiano Ronaldo, der ihm in dieser Spielzeit mit Manchester United schon die englische Meisterschaft und den Sieg in der Champions League wegschnappte. „Cristiano hat eine Riesensaison hinter sich. Das verspricht ein gutes Spiel zu werden“, sagte Ballack und fügte an: „Wir haben ja eines gemeinsam: Wir wollen beide weit kommen.“





