Österreich ist wie die deutsche Sozialdemokratie: meist mit sich selbst beschäftigt, den Blick starr nach innen gerichtet und nur glücklich, wenn es unglücklich sein darf. In den seltenen Momenten des Überschwangs ist die Grenze zur Großmäuligkeit rasch überschritten. Man definiert sich nicht aus eigener Kraft, sondern als verzweifelte Ohnmacht: Mal heißt das große Böse Deutschland, mal neoliberal.
Jede Demütigung durch das Monster wird mit depressiver Freude angenommen: Prima, endlich wieder Opfer, das behandelt wird, aber über keine eigene Handlungsmacht verfügt. Wer aber Opfer ist, darf illoyal sein, darf mobben, tratschen, maulen, vor allem gegen den, der gerade anführt. Sie reden von Solidarität, sind aber fürs Kollektiv gar nicht zu gebrauchen. Sie pflegen den Mythos vom genialischen Einzelgänger, deren Konsequenteste erst heilig gesprochen werden, wenn sie die Gruppe verlassen haben: Da geht es Arnold Schwarzenegger genauso wie Oskar Lafontaine.
Österreicher wie Sozialdemokraten leben in einer Vergangenheit, als alles besser war. Hier Willy Brandt, Helmut Schmidt, Erich Ollenhauer, dort Franz II., Hans Krankl und Toni Polster. Früher war alles besser, oben und unten sortiert, das Feindbild klar umrissen. Nostalgie ersetzt Utopie. So reich man an Traditionen ist, die unentwegt beschworen werden, so hilflos ist man in der Gegenwart. Kein Wunder, dass merkwürdige Frauen an Einfluß gewinnen: Was Österreich Christina Stürmer und Elfriede Jelinek, sind der SPD Katja Ebstein und Andrea Nahles.
Wenn aber Österreich so ist wie die SPD, dann ist Deutschland so wie die CDU. Es herrscht fragile Selbstgewissheit, die jederzeit bereit ist, in Verzweiflung umzuschlagen. Zwischen Selbstüberschätzung und Spontandepression ist alles möglich. Na gut, es lief ordentlich in den letzten Jahren. Aber man traut weder dem Erfolg noch den Rezepten. Es gibt keinerlei Krisenroutine, aber die Bereitschaft, bei jedem Lüftchen folgenlose Grundsatzdebatten zu führen. Es wird ein spannendes Spiel heute abend.




