Morgenpost Online: Herr Chapuisat, wo steht der Schweizer Fußball bei dieser EM?

Stephané Chapuisat: Im Eishockey schlagen wir regelmäßig die besten Mannschaften der Welt. Im Fußball ist uns das noch nicht gelungen. Dabei kann die Qualität an guten Tagen reichen, um mächtigen Gegnern ein Bein zu stellen. Wir haben uns für die EM 2004 und die WM 2006 qualifiziert, unser kleines Land spielt auf der Fußball-Weltkarte eine gute Rolle.

Morgenpost Online: Trotzdem behauptet Alexander Frei, Schweizer Fußballer genössen in etwa das Ansehen der Berufskollegen von den Fidschi-Inseln.
Chapuisat: Das ist eine extreme Einschätzung, die ich nicht mehr teile. Vielleicht fühlt der eine oder andere Spieler so, ist unzufrieden mit dem Stellenwert des Fußballs in der Schweiz. Aber der basiert auf den Eigenarten der Menschen. Mein Land bietet eine gigantische Palette an Freizeitmöglichkeiten: Die Leute machen Sport, gehen in die Berge. Man verbringt das Wochenende nicht damit, sich auf eine Fußballmannschaft zu fokussieren. Ein Teil der Schweizer Bevölkerung hat den Fußball wirklich gern – aber nur, wenn große Spiele anstehen. Tritt der Alltag ein, schwindet das Interesse schnell.

Morgenpost Online: Gegen die Türkei spielt das Nationalteam bereits im zweiten Gruppenspiel um das Überleben bei dieser EM. Wie würde sich ein Schweizer Scheitern in der Vorrunde auf das Interesse Turnier auswirken?

Chapuisat: Es wäre besser, wenn das nicht passiert.

Morgenpost Online: Bedauert wird in der Schweiz, es hätten sich begnadete Fußballer reihenweise gegen das eigene Land entschieden.

Chapuisat: Ja, das ist eine bittere Angelegenheit. Zdravko Kuzmanovic vom AC Florenz hat sich für Serbien entschieden, Schalkes Ivan Rakitic für Kroatien. Beide würden unserem Mittelfeld mehr Klasse verleihen. Dortmunds Stürmer Mladen Petric ist auch Schweizer, kickt aber ebenfalls für Kroatien. Sie alle wurden von unserem Verband intensiv und lange ausgebildet, dann hat er sie aber doch verloren. Einfach so. Ich verstehe, dass die Offiziellen und die Fans enttäuscht sind.

Morgenpost Online: Nach der EM wird Ottmar Hitzfeld die „Nati“ übernehmen. Jener Mann, der noch heute behauptet, die wichtigste Aktion seiner Trainerkarriere sei der Chapuisat-Transfer von Uerdingen nach Dortmund gewesen. Was halten Sie von der Lösung?

Chapuisat: Ich halte sie für ein Geschenk des Himmels! Hitzfeld hat große Mannschaften trainiert, viele Titel geholt. Er steht für Erfolg, strahlt ihn aus, macht ihn für die Spieler greifbar. Wir erwarten von ihm die WM-Qualifikation für Südafrika im Jahr 2010. Die Ausgangslage ist nicht einfach. Wir hatten vor der EM zwei Jahre lang nur Freundschaftsspiele, jetzt läuft das Heimturnier, anschließend wird Hitzfeld eine einzige Vorbereitungspartie im August haben – im September startet schon die Qualifikation.