Public Viewing über den Dächern Berlins. Zwei Damen mittleren Alters haben wenig Interesse am Spiel, noch weniger Ahnung vom Fußball, aber ein stabiles Weltbild. „Diese karierten Hemden“, sagte die eine, „die kannte ich noch gar nicht.“ „Das sind doch Jugos“, sagte die andere. Sie meinte die Republik Kroatien, die vor 17 Jahren begründet wurde. Kroaten, sind das nicht die, die vorm Café King in der Rankestrasse tiefer gelegte Autos vorführen und Schiedsrichtern einen Flachbildschirm rüberschieben?

Es ist eben diese Arroganz, die den Deutschen zum Verhängnis wurde, im Publikum und auf dem Platz, wo sie bald in Unsicherheit und Angst umschlug. Nach dem Sieg gegen Polen schien der Weg ins Finale vorgezeichnet, der Kroate nur ein Punktelieferant. Von wegen.

Wir haben gestern das neue Europa gesehen. Entfesselte Fans, die jeden deutschen Ton im Stadion erstickten, eine hungrige und disziplinierte Mannschaft, die den deutschen Spielern gnadenlos ihre Schwächen aufzeigten. Zufall? An Pro-Kopf-Erfolgen gemessen, dürften viereinhalb Millionen Kroaten bei Handball, Fußball, Basketball und Tennis zu den sportlichsten Nationen Europas gehören. Sie sind getrieben von jener Begeisterung und Frische und Zukunftsglauben, die uns Alt-Europäer so behäbig aussehen lässt.

Slaven Bilic heißt der Mann, der jünger ist als Jens Lehmann, und die Kroaten zu diesem Erfolg führte. In Deutschland hätte er gerade die Junge Union verlassen und sich in irgendeine Hierarchie begeben. Die Qualität von Jogi Löw war es bislang, dem bräsigen deutschen Meckertrott zu trotzen und „Made in Germany“ neu aufzuladen. Sein Trost: Er kann es nach diesem Weckruf immer noch schaffen.

Hajo Schumacher