Bernie Ecclestone verstand die Frage nicht. „Was heißt schon fair?“ murrte der Formel-1-Chef, als er den Sitzungssaal im Quartier des Internationalen Automobilverbandes Fia in Monaco verließ. „Wir sind immer fair.“
Der in diesem Jahr viel beschäftigte Fia-Weltrat hatte Recht gesprochen. Ob nun fair, plausibel oder salomonisch, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die Funktionäre erkannten in der Spionageaffäre von Renault auf einen „klaren Verstoß“ gegen Paragraf 151c des „International Sporting Code“, der grundsätzlich jede „betrügerische Handlung“ eines Rennstalls ausschließt. Die Fia sah gleichwohl davon ab, eine Strafe gegen den französischen Hersteller zu verhängen, weil der Datenklau aus der Fabrik des Konkurrenten McLaren-Mercedes „ohne Einfluss auf die Weltmeisterschaft blieb“, hieß es in der Urteilsbegründung.
„Keine Entscheidung ist einfach. Aber mit dieser Entscheidung bin ich absolut einverstanden“, jubelte Fia-Präsident Max Mosley. Für den dreimaligen Weltmeister Jackie Stewart ließ das Urteil „viele Fragen offen“.
Wiederaufnahme des Prozesses ist möglich
Der Freispruch zweiter Klasse für Renault ist ein Aufguss des erstinstanzlichen Urteils des ersten Spionageprozesses. Im Juli saß McLaren-Chef Ron Dennis auf der Anklagebank, weil einer seiner Mitarbeiter über geheime Ferrari-Daten verfügt hatte. McLaren wurde zunächst wie Renault „aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen. Erst als neue Beweise auftauchten, brummte die Fia der deutsch-englischen Fahrgemeinschaft die Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar auf und erkannte ihr alle Punkte in der Konstrukteurs-WM ab. Die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Verfahrens ließ sich die Fia auch in der Causa Renault offen. Entscheidend für die beiden Urteilsfindungen dürfte das Abschneiden in der WM gewesen sein. Während die Formkurve von McLaren im Vergleich von 2006 zu 2007 nach oben zeigte und der Verdacht besteht, dass die Informationen nützlich waren, entpuppte sich der diesjährige Renault als Flop.
In der Anhörung wurde dargelegt, wie Ingenieur Philip Mackereth vor seinem Wechsel von McLaren zu Renault im September 2006 insgesamt 11 Disketten aus Woking mitgehen ließ. Ausgedruckt umfasste das Material 762 Seiten. Ein Teil dieser Daten wurde ins Renault-Computersystem eingespeist. 111 Seiten enthielten vertrauliche McLaren-Daten und Zeichnungen.
In der sieben Seiten langen Urteilsbegründung wurde die Bedeutung der Dokumente heruntergespielt und der Nutzen für das Renault-Team als „sehr gering“ eingeordnet.
"Proaktivität" kam Renault zugute
Vier Zeichnungen legte Mackereth seinen neuen Kollegen vor. Ein Skizze über die McLaren-Benzinanlage sei wertlos gewesen, weil Renault bei der Konstruktion einen völlig anderen Ansatz verfolgt habe; eine Skizze des McLaren-Getriebes sei von Chefdesigner Tim Densham nur aus „akademischen“ Interesse in Augenschein genommen worden. Zwei Zeichnungen des J-förmigen Dämpfers aus dem Silberpfeil seien von den Renault-Technikern schlicht „nicht verstanden“ und „fehlinterpretiert“ worden.
Das Sportgericht wertete entlastend, dass Renault in der Affäre „proaktiv“ gewesen sei. Der Rennstall habe unverzüglich die Fia und McLaren informiert und mit „großer Transparenz“ zur Aufklärung beigetragen.
Das Hohelied auf die Krisenbekämpfer von Renault wird der McLaren-Riege in den Ohren geklungen haben. Es hätte getrost in der Fußnote des Urteils stehen können, dass sich die Fia jene Maßnahmen im Fall McLaren gegen Ferrari ebenfalls gewünscht hätte.
Feine Spitze gegen McLaren
Auch der Hinweis darauf, dass kein konstanter Informationsfluss zwischen Renault und McLaren stattgefunden habe, ist eine feine Spitze gegen McLaren. Ein Teammitglied bezog nach Aktenlage über Monate Ferrari-Daten. Und noch immer ist die unangenehme Spionage-Angelegenheit für McLaren nicht ausgestanden. Erst musste der Rennstall vor der Anhörung eine Richtigstellung veröffentlichen, weil seine eigenen Recherchen über den Umfang des geklauten Materials, die dann an die englische Presse weitergegeben wurden, offensichtlich falsch waren.
Dann gab der Weltrat einen Aufschub bekannt, statt wie erhofft grünes Licht zu geben. Nachdem dem Gremium ein Untersuchungsbericht ausgehändigt wurde, entschied es gestern, eine Entscheidung über die technische Abnahme des Silberpfeils für die nächste Saison auf den 14. Februar zu vertagen.
McLaren-Mercedes wurde dazu verdonnert, ihren neuen Rennwagen bei der Fia vorzuführen. Der Verband will ausschließen, dass Ferrari-Konstruktionsideen eingeflossen sind. Das Zittern geht bei McLaren weiter.


