Die wichtigsten Daten des Fußballjahres schon mal vorneweg: 27. November 2010, 16. April 2011. Okay, gut, es wird auch in der Champions League interessante Spiele geben, in England, Italien und der Bundesliga. Aber an diesen beiden Abenden wird fast die komplette Weltmeisterelf auf dem Feld stehen, dazu die Weltfußballer der vergangenen Jahre, es werden sich die größten und umsatzstärksten Klubs des Planeten duellieren, und ihr Kampf wird wie immer soziokulturell aufgeladen sein. Nebenbei dürfte außerdem noch ein Meistertitel vergeben werden, im November und April, wenn der FC Barcelona auf Real Madrid trifft.

Am Samstag beginnt die Saison in der Primera Division, und beiden Übermächte des spanischen Fußballs wirken so entrückt vom Rest ihrer Liga, dass ihre direkten Duelle wohl den Ausschlag geben werden. Vorige Saison setzte sich Barcelona zweimal durch, was gleichbedeutend mit dem Titel war – die Katalanen holten 99 von 114 möglichen Punkten, Madrid trotz der beiden Niederlagen im „clasico“ immer noch 96. Der Dritte, Valencia, folgte mit 25 Punkten Abstand, und dass es dieses Jahr weniger werden, scheint unwahrscheinlich.

Wegen Finanzproblemen mussten die beiden Stars David Villa und David Silva verkauft werden, die Valencianos dürften mit Atletico Madrid, Sevilla und vielleicht noch Villarreal in einem eigenen Wettbewerb spielen: um Platz drei.

Die große Langeweile also? Nicht wirklich. Der Vergleich zwischen Barcelona und Madrid, zweimal direkt, an den anderen 36 Spieltagen über Distanz, bietet aufregenderes Theater als anderswo ganze Ligen. Eine permanent brodelnde Bühne fußballerischer Exzellenz, leidenschaftlicher Rivalität und wüster Verschwörungstheorien. Und wir reden hier von dem Zustand, bevor Jose Mourinho in das Programm aufgenommen wurde.

Der polemische Erfolgstrainer werkelt seit ein paar Wochen bei Real Madrid, und geholt haben sie ihn dort gegen viele Vorbehalte vor allem aus einem Grund: mit seinen früheren Mannschaften hat er es immer verstanden, den FC Barcelona bis zur Weißglut zu provozieren und so manches Mal auch zu besiegen. Es dürfte also nicht mehr allzu lang dauern, bevor er die Kraft seines Wortes nicht mehr gegen alte Lieblingsfeinde richtet wie Rafael Benitez, seinen Nachfolger bei Inter Mailand, sondern schnurstracks gen Katalonien.

Bislang hält sich Mourinho auffallend zurück, nach Barcelona sandte er zuletzt nichts als Komplimente. Der Portugiese weiß, wann er den Mund aufreißen kann, und noch sieht er den Moment nicht gekommen. Zu Reals Ligaauftakt am Sonntag in Mallorca (21 Uhr, im Internet live bei laola.tv) präsentiert er eine verjüngte Mannschaft, deren Identität sich erst noch finden muss. Bis auf Verteidiger Ricardo Carvalho (32, vom FC Chelsea) sind alle Zugänge weniger etablierte Größen als Versprechen auf die Zukunft, die deutschen Nationalspieler Sami Khedira (23) und Mesut Özil (21) ebenso wie Angel Di Maria (22, Benfica Lissabon), Pedro Leon (23, FC Getafe) und Sergio Canales (19, Racing Santander).

350 Millionen Euro hat Real allein in den vergangenen zwei Jahren für Transfers ausgegeben und scheint doch bei Null anzufangen – jedenfalls, wenn man der öffentlichen Tiefstapelei folgt. „Das hier ist kein Feenmärchen“, sagt Sportdirektor Jorge Valdano. Man könne nicht erwarten, „dass Mourinho kommt, seinen Zauberstab schwingt und sich sofort die Wettbewerbsfähigkeit einstellt.“

In Madrid traut sich keiner, die Meisterschaft zu fordern – wohl ein Novum, das aber den Respekt vor Barcelona illustriert. Der Champion schickt morgen (19 Uhr, laola.tv) in Santander eine eingespielte Mannschaft ins Rennen, die zuletzt zehn von zwölf möglichen Titeln gewonnen hat, das Gerüst der spanischen Europa- wie Weltmeisterelf bildete und mit Villa erstklassig verstärkt wurde. In Barcelona residiert inzwischen, was Real Madrid jahrzehntelang zu sein glaubte: der beste Klub der Welt.

Von den Real-Getreuen wird das furiose Spiel der Katalanen bewundert und beneidet; viele räumten ein, welch Vergnügen es gewesen sei, bei der WM endlich einmal unbelastet Xavi und Andres Iniesta zujubeln zu dürfen. Mit ihrem wild zusammen gekauften Kader warten sie dagegen seit sechs Jahren auf ein Champions-League-Viertelfinale, in der historischen Rangliste sämtlicher Titelgewinne steht es nur noch 72:70, und auch die Identifikation fällt schwerer: Während in Barcelonas Startformation acht Spieler aus der eigenen Jugend stehen, gibt es bei Madrid nach den Abgängen von Raul und Guti nur noch Iker Casillas. Der Torwart ist jetzt Kapitän, und als Losung hat er ausgegeben: „Barcelona darf keine Obsession für uns sein.“

Wenn es nur so einfach wäre.