Wenn Roger Federer und Rafael Nadal in diesen Tagen durch die Spielerlounge der French Open schreiten, wandern stets ein paar Dutzend Augenpaare mit ihnen. Die Superstars der Tennisbranche werden in Paris auf Schritt und Tritt verfolgt – mal mit diskreten, mal mit keineswegs heimlichen Blicken der Konkurrenten, der Trainer, der Sponsorenvertreter, der Turniermanager.

Federer und Nadal sind die Zentralgestirne in einem Universum, in dem sich buchstäblich alles um sie dreht. Sie werden selbst bei einem Turnier wie den French Open, bei dem es sportlich auch um Gleichheit und Brüderlichkeit im Wettbewerb gehen sollte, hofiert wie die Könige. Sie bekommen die besten Plätze, die besten Trainingszeiten, die besten Matchansetzungen, auch wenn sie gar nicht danach fragen.

Aisam Qureshi und Rohan Bopanna werden kaum beachtet in der riesigen Karawane dieses professionellen Nomadenbetriebs, in dem sich Größe nur zu oft an Preisgeldern, Antrittsprämien oder glitzernden, schlagzeilenträchtigen Auftritten definiert. Dabei sind der 30-jährige pakistanische Muslim Qureshi und der gleichaltrige indische Hindu Bopanna zwei der außergewöhnlichsten Protagonisten der globalen Tennistour, zwei Avantgardisten, die gegen den Strom öffentlicher Konventionen, Stimmungen und Vorurteile in ihren Heimatländern schwimmen.

Dass Qureshi und Bopanna auf ein und derselben Seite des Netzes in freundschaftlicher Allianz Tennis spielen (und am Sonntag die erste Runde überstanden), ist nichts weniger als eine Sensation. Eine größere Sensation sogar, als wenn Federer oder Nadal vor einem möglichen Finale am nächsten Sonntag ausscheiden würden.

„Wir geben einfach ein Beispiel dafür, wie man friedlich zusammenleben kann“, sagt Qureshi, ein Diplomat in kurzen Hosen, der mit geschliffenen Worten eine Partnerschaft beschreibt, „die Grenzen und Gräben überwindet“. Gerade unlängst bekamen die beiden Weltklasse-Doppelspieler unfreiwillig demonstriert, wie erstaunlich ihre eigene Liaison noch immer ist – als nämlich in Indien und Pakistan, den beiden unheimlich benachbarten Atommächten, ein Sturm der Entrüstung über die angekündigte Hochzeit der indischen Tennisspielerin Sania Mirza und des pakistanischen Cricketstars Shoab Malik losbrach. Politiker und populistische Boulevardblätter zündelten lange und intensiv, aber schließlich vergeblich: Das Pärchen traute sich, gegen alle Widerstände. „Wir freuen uns sehr für die beiden“, sagt Bopanna.

Heißblütige Bollywood-Fans

Auf der Tennistour fanden der beinahe staatsmännische Qureshi und der jugendlich-stürmische Bopanna unkompliziert zusammen, ohne sich um die angespannte politische Großwetterlage und militärische Verwicklungen zu scheren: „Es gibt viele einsame Momente, wenn du das ganze Jahr in diesem Sport unterwegs bist“, sagt Bopanna, „da war es schön, sich mit jemandem unterhalten zu können, der deine Sprache ziemlich gut versteht.“ Bopanna spricht Hindi, Qureshi Urdu, aber das liegt nah beieinander, näher jedenfalls als die meisten Menschen, die diese Sprachen sprechen.

Als sich Qureshi und Bopanna dann auch zum gemeinsamen Auftritt im Doppel verabredeten, waren sie zunächst einmal pragmatische Partner, die jeder für sich froh waren, „einen guten Nebenmann gefunden zu haben“ (Qureshi). Doch bald wurden sie auch Freunde, „die auf einer Wellenlänge funkten“ (Bopanna), obwohl sie charakterlich grundverschieden sind. Übrigens: Beide sind zwar heißblütige Bollywood-Fans, aber beim Fußball trennen sich die Wege: Qureshi ist Liverpool-Freak, Bopanna feuert Manchester United an. „Wenn die gegeneinander spielen, geht es hoch her bei uns“, sagt Bopanna.

Qureshi, der einzige Pakistani im internationalen Spitzentennis, ist sozusagen ein Veteran der sportlichen Grenzüberschreitungen: Im Jahr 2002 ging der sympathische Provokateur mit dem Israeli Amir Hadad bei Tourwettbewerben an den Start, begleitet von schrillen Nebengeräuschen in beiden Nationen. „Sport ist für mich frei von allen Konflikten. Wenn es etwas gibt, das Völker verbindet, dann Sport“, sagt Qureshi, ein Idealist, der seine Ideale aber auch praktisch vorlebt. Mit seinem jüdischen Weggefährten Hadad erreichte er in jenem Jahr in Wimbledon sogar die dritte Runde, später bekamen sie beide von der Spielergewerkschaft ATP den „Arthur Ashe Humanitarian Award“ verliehen.

Je enger in den späten Karrierejahren die Freundschaft zu Bopanna wuchs, umso besser wurde auch das Zusammenspiel auf den Tennisfeldern: „Ich verstehe mich so gut mit ihm, dass ich blind weiß, was er tut – und was nicht“, sagt Qureshi. Der Pakistani ist der Mann, der den guten Touch hat, der die Finten und Finessen ins Spiel bringt. Bopanna steht für Power, Dynamik, Geradlinigkeit. „Zwei Spieler aus diesen beiden Ländern, die sich einfach perfekt ergänzen“, sagt der ehemalige Weltranglistenerste Mats Wilander (Schweden), „eine wunderbare Sache.“

Noch große Pläne

Dass sie sich beide fast nur noch auf die Tennis-Angelegenheiten für zwei konzentrieren, schlägt sich in ihrem Arbeitszeugnis erfreulich nieder: In Johannesburg gewannen sie zu Saisonbeginn gleich ihren ersten ATP-Titel, vor den French Open standen sie zudem im Doppelfinale von Nizza. So rückte Qureshi auch als erster Pakistani im Doppel unter die Top 50 der Bestenwertung vor.

Seit er daheim einen Sponsorenvertrag mit Pepsi hat und Spots mit ihm in TV-Pausen beim Volkssport Cricket laufen, wird er sowieso ganz anders wahrgenommen: „Wenn die Kids immer nur Cricketspieler in der Werbung sehen, denken sie, dass man nur damit sein Geld verdienen kann. Und plötzlich tauche ich in der Reklame auf.“

Sie haben noch große Pläne, diese beiden unprätentiösen Künstler der Völkerverständigung. Wenn es nach ihnen geht, wird bald einmal am einzigen Straßen-Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien ein Netz aufgespannt, in Wagah. Dann soll es eine Tennis-Trainingseinheit geben mit Kindern aus beiden Ländern. Qureshi, der Pakistani, wird auf indischem Boden stehen. Und Bopanna, der Inder, auf pakistanischer Erde. Noch ist es ein Traum, ein Vision der beiden Profis. Aber wer, wenn nicht sie, könnte es schaffen. „Wir wollen auch anderen die Kraft geben, Mauern im Kopf einzureißen“, sagt Qureshi.