Der Torhüter verletzt, die Spieler ratlos, die Fans sauer: Nach dem Rausch der Vorsaison mit dem knapp geplatzten Meistertraum herrscht bei Hertha BSC mittlerweile Katerstimmung. Spätestens durch das enttäuschende 1:1 (1:0) zum Gruppenauftakt in der Europa League gegen den lettischen Meister FK Ventspils sind die Himmelsstürmer von damals auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

„Unser Selbstvertrauen ist zerstört. Aber wir dürfen nicht jammern, sondern müssen die Ärmel hochkrempeln. Jetzt ist Charakter gefragt“, sagte Kapitän Arne Friedrich. Trainer Lucien Favre sprach nach dem erneuten Rückschlag von einer „großen Enttäuschung“ und warnte: „Wir sind nicht mehr in der Vorsaison, die müssen wir vergessen.“

Während in der Europa League trotz des dürftigen Unentschiedens weiter alles möglich ist, steht Hertha in der Bundesliga nach vier Niederlagen in Folge im Kellerduell am Sonntag gegen den SC Freiburg bereits mit dem Rücken zur Wand.

Doch ausgerechnet in der Krise hat der Tabellenvorletzte nun auch noch ein Torwartproblem. Stammkeeper Jaroslav Drobny zog sich bei einer Rettungsaktion in der 19. Minute einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zu und fällt mindestens zwei Wochen aus.

Der 19-Jährige Sascha Burchert, der nur als Nummer drei hinter Drobny und dem ebenfalls verletzten Christopher Gäng ins Rennen gegangen war, soll am Sonntag wie schon gegen Ventspils das Hertha-Tor hüten. „Sascha hat viel Qualität hat. Er kann ein Spiel lesen und hat fantastische Reflexe“, sagte Trainer Favre. Ein vertragloser Torhüter - im Gespräch war Stefan Wessels - wird definitiv nicht verpflichtet.

„Die vielen Verletzten sind keine Ausrede, aber eine Erklärung für unsere Leistungen“, meinte Manager Michael Preetz. Gegen den Tabellenzweiten der lettischen Liga wurden die angeschlagenen Gojko Kacar, Raffael, Patrick Ebert und Artur Wichniarek geschont, was wiederum Ventspils-Trainer Nuncio Zavattieri auf die Palme brachte: „Ich bin enttäuscht, dass uns Hertha offenbar unterschätzt hat. Eine der wichtigsten Sachen im Fußball ist der Respekt vor dem Gegner.“

Mit einem besseren B-Team, in dem der kolumbianische Neuzugang Adrian Ramos ein durchwachsenes Debüt in der Startelf gab, präsentierte sich Hertha streckenweise desolat. Selbst der Führungstreffer durch Lukasz Piszczek (34.) gab keine Sicherheit, der Ausgleich durch Edgars Gauracs (48.) fiel mehr als verdient. Die nur 13.454 Fans im Olympiastadion quittierten den schwachen Auftritt ihrer Mannschaft mit einem Pfeifkonzert.

Am 1. Oktober steht Hertha im zweiten Gruppenspiel beim portugiesischen Traditionsklub Sporting Lissabon, der 3:2 beim SC Heerenveen gewann, bereits unter Zugzwang.

sid/jr