Dieses Drehbuch bekommen nur sie hin, die Mia-san-Mia-Bayern. Mehr als anderthalb Jahre stand der Rekordmeister nicht an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga, und dann, passend zum 110. Geburtstag des Klubs samt Feuerwerk in der Allianz-Arena, schenkt Franck Ribery mit seinem Soloauftritt dem Klub die Tabellenführung. Nicht sehr originell. Und trotzdem das perfekte Präsent zur richtigen Zeit.
"Es ist ein gutes Gefühl wieder Tabellenführer zu sein“ sagte Louis van Gaal. Das „wieder“ hätte sich der Bayern-Trainer sparen können. Schließlich ist es für ihn eine Premiere in der Bundesliga.
Das 1:0 durch den französischen Flügelspieler gegen den Hamburger SV verschafft dem FC Bayern eine hervorragende Ausgangsposition für den Saisonendspurt. Es ist das schlimmste anzunehmende Szenario für die Konkurrenz hierzulande.
In München schwärmen sie wieder von der eigenen Stärke, von ihrer starken Psyche und von der dem Klub innewohnenden Siegermentalität. „Wir haben darauf gewartet, dass Leverkusen stolpert“, resümierte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge zufrieden. Ihrem Selbstverständnis folgend sind die Münchner wieder da, wo sie hingehören.
Nach 652 Tagen, 92 Wochen, 48 Bundesliga-Runden oder 21 Monaten Abstinenz. Zum Vergleich: Die SPD leistete sich in dieser Zeit drei Parteivorsitzende; Boris Becker ver- und entlobte sich mit Sandy Meyer-Wölden, heiratete Lilly Kerrsenberg und wurde zum vierten Mal Vater. Amadeus Benedict Edley Luis sei Dank.
Auch der FC Bayern erlebte bewegte Monate seit dem 17. Mai 2008, als der Klub zum letzten Mal an der Bundesliga-Spitze stand, die Meisterschaft feierte und gleichzeitig Kapitän Oliver Kahn sowie Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld verabschieden musste. Es folgte der selbsternannte Projekttrainer Jürgen Klinsmann, mit ihm die Buddhas auf der Dachterrasse an der Säbener Straße und das nie eingelöste Versprechen, "irgendwann mit dem FC Bayern an der Tabellenspitze" zu stehen.
Dafür kassierte der Rekordmeister in der Saison 2008/09 bittere Niederlagen: gegen Bayern Leverkusen (2:4) im DFB-Pokal, gegen den späteren Meister VfL Wolfsburg (1:5) in der Bundesliga und gegen den FC Barcelona (0:4) in der Champions League. Nach Klinsmanns Entlassung musste Interimscoach Jupp Heynckes binnen fünf Spieltagen die Champions-League-Qualifikation retten. Das letzte Jahr als Bayern-Manager hatte es in sich für Uli Hoeneß, der Ende November Franz Beckenbauer als Präsident ablöste und im gleichen Moment die sportliche Leitung an Christian Nerlinger übergab.
Auf das Missverständnis Klinsmann folgte der holländische Fußball-Lehrer Louis van Gaal. Wie mutig diese Verpflichtung gewesen war, stellten die Bayern-Bosse im Herbst fest. Im Oktober wuchs der Abstand auf die Tabellenspitze genauso bedrohlich wie die Unzufriedenheit in der Mannschaft und im gesamten Klub.
Eine beeindruckende 13-Spiele-Siegesserie in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal später wissen die Münchner allerdings: Van Gaal hat sich außerordentlich verdient gemacht um die Identität des Münchner Spiels. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern entwickelte er eine harmonische und gefestigte Einheit, herausragende Individualisten inklusive.
Alle Mannschaftsteile verfügen über eine beeindruckende Stabilität. Mit Holger Badstuber und Thomas Müller gehören zwei Talente aus dem eigenen Nachwuchs zur ersten Elf. Bastian Schweinsteiger hat nach langer Suche seine Bestimmung im Bayern-Spiel gefunden. Die Qualität des Münchner Flügelspiels im Zeichen von „Robbery“ steht außer Frage. Gleichzeitig gelang es van Gaal, den FC Bayern aus der Abhängigkeit von Ribery zu befreien.
Der Status quo nach der Rückkehr an die Tabellenspitze ist ausgezeichnet. Ein Schaulaufen wird die restliche Saison für die Münchner trotzdem nicht. Der glückliche 2:1-Sieg im Achtelfinal-Hinspiel gegen den AC Florenz dient als Handlungsanweisung für alle kommenden Gegner. Mit bedingungsloser taktischer Disziplin geht etwas gegen den deutschen Rekordmeister. Gerade wenn die Münchner Ende des Monats an ihre Belastungsgrenze stoßen werden.
Ob van Gaal in seiner ersten Saison auf dem Münchner Marienplatz Pokale präsentieren kann, wird sich in den Wochen um Ostern entscheiden. Innerhalb von 17 Tagen muss der FC Bayern zwei Mal gegen Schalke 04 (DFB-Pokal und Bundesliga), gegen den VfB Stuttgart und Bayer Leverkusen antreten. Die Belastung von zwei Champions-League-Viertelfinalspielen in dieser kurzen Zeit ist ebenfalls wahrscheinlich. Nur bei einer Niederlage in Florenz scheiden die Münchner schon im Achtelfinale aus.
Gut, dass es zumindest für die Meisterschale fast schon eine historische Garantie gibt. Zu runden Jahrestagen gehört der Titel an der Säbener Straße dazu. 1980, 1990, 2000 – in den vergangenen 30 Jahren war das immer der Fall. Dieses Drehbuch bekommen nur sie hin, die Mia-san-Mia-Bayern.




