Die Schneekanonen surren die ganze Nacht und spucken reiskörnergroße Kristalle aus. Vor den Wettkämpfen karren Bulldozer stündlich ihre kostbare weiße Fracht an. Allein mit der Präparierung der Piste tun sich die Koreaner noch etwas schwer. „Work, work!“ fährt der deutsche Technische Delegierte Norbert Baier seine koreanischen Streckenarbeiter an, wenn auf dem Rundkurs zwischen den Biathleten eine Lücke entsteht. „Irgendwie“, schwant es Baier, „bekommen die das nicht auf die Reihe."

Der künstliche Schnee ist zu einem tristen Symbol geworden für diese Biathlon-WM in Südkorea, die so gar nichts gemeinsam haben will mit den vergangenen Wettkämpfen im schwedischen Östersund und Antholz/Südtirol. Zwischen den unerfahrenen Gastgebern, die erst zum zweiten Mal in der Geschichte ein Biathlonrennen ausrichten, und dem Weltverband IBU ist das Verhältnis frostig.

Bei der Mannschaftsführersitzung ging es am Montag hoch her. IBU-Mann Baier zürnte über die Organisatoren dieser „Dorf-WM“, Seung-Soo Han, Chef von Pyeongchangs Olympiabewerbung 2014, wandte dagegen ein, dass sich der IBU-Kongress klar für Südkorea als WM-Ort ausgesprochen habe: „Wir müssen erst noch unsere Erfahrungen machen.“

Von einer WM als Versuchslabor ist Magdalena Neuner wenig begeistert. Die sechsmalige Weltmeisterin, in Sprint und Verfolgung bisher glücklos, bekrittelte das fehlende Flair: „Das Feeling kommt nicht auf. Man fragt sich, ob es an der fehlenden Motivation der Leute liegt oder an der Lust.“ Die Blondine aus Wallgau beschleicht das Gefühl, hier sei alles nur „halb aufgebaut“, und viele Koreaner ließen ihre, „wie man auf Bayerisch sagt, Latschn hängen“: Sie zogen ein Gesicht.


Diese, wie Neuner beobachtet haben will, freudlosen Asiaten wollen es noch einmal probieren, in neun Jahren Olympische Spiele auszurichten? In München, einer Mitbewerberstadt, werden die mitunter peinlichen Auftritte der Skijägerszene mit Interesse verfolgt werden. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Skiverbandes, hat vor Jahresfrist Pyeongchang als härtesten Konkurrenten ausgemacht. Die Koreaner würden auf einer Art Mitleidswelle reiten nach den knappen Niederlagen gegen Vancouver für 2010 und Sotschi für 2014.

Die Sportler stellen der Region mit 30.000 Einwohnern derweil kein gutes Zeugnis aus. „Als drittklassige WM“, kanzelte der Norweger Ole-Einar Björndalen die Wettkämpfe ab, die ihn mit nun insgesamt 12 Titeln zum Rekordchampion machten. Kati Wilhelm hält die Bewerbung für nichts weiter als einen „Traum“. Magdalena Neuner, höchst gespannt darauf, nächstes Jahr in Vancouver ihre ersten Winterspiele als Sportlerin zu erleben, ließ ihren Diplomatenkoffer auf dem Hotelzimmer: „Hier würde es keine schönen Olympischen Spiele geben.“

Bernhard Schwank nimmt etwas distanzierter Anschauungsunterricht. Der Leistungssportdirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, der heute von Seoul zu einer Chef-de-Mission-Sitzung nach Vancouver fliegt, sagte Morgenpost Online ONLINE: „Was Pyeongchang fehlt, ist die urbane Anbindung.“ Das Biathlonstadion liegt zwar nur fünf Minuten vom Skiressort Yongpyong entfernt, von dort fährt man mit dem Auto bis in den nächsten Ort eine Stunde. Das Alpingelände liegt 30 Kilometer nördlich, die Eishallen entstünden gar zwei Autostunden weg an der Ostküste. Schwank warnte allerdings davor, die Koreaner zu unterschätzen. „Wir müssen uns auf unsere eigenen Stärken besinnen.“

Eine monströse Skisprungschanze ragt stolz in den Himmel. Einen nicht ganz unwichtigen Faktor ließen die Bauherren allerdings unberücksichtigt. Der Turm, der gleich neben dem Biathlonstadion hinter einem brauen Hügel hervorragt, liegt in einer Windschneise. Angesichts der heftigen Böen bezweifelt DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller, „ob hier überhaupt jemals ein Springer runtergeht“.